DER SINN DES ER-LEBENS
BETRACHTUNGEN ZUM SELBST- UND WIRKLICHKEITSERLEBEN
Abb.1: Symbolbild (Photolia)
ERLEBENS-PERSPEKTIVEN DES SUBJEKTS
WER BIN ICH, WAS WILL ICH, WAS TUE ICH UND WARUM?
Wenn wir nicht gerade schlafen oder bewusstlos sind, strömen ständig Eindrücke und Informationen über die äußere Umwelt auf uns ein. Zahllose Objekte, Situationen und Ereignisse werden wahrgenommen. Allgegenwärtig ist auch unsere „Selbst-Repräsentation“, das Bewusstsein um die Anwesenheit des eigenen Ich’s innerhalb der erlebten Situationen. Dazu entstehen und verändern sich Empfindungen, Emotionen und intuitive Eindrücke. Erinnerungen und bewusste Assoziationen gesellen sich ebenfalls in das Milieu innerer Zustände. Manche dieser Inhalte sind gleichzeitig präsent, andere folgen im Strom des Bewusstseins chronologisch aufeinander. Auf manche Eindrücke oder Wahrnehmungsinhalte werden wir bewusst aufmerksam und setzen uns kognitiv damit auseinander. Andere nehmen wir nur unbewusst oder überhaupt nicht wahr. Mitunter scheinen inneres Erleben und die Erfahrung der Außenwelt relativ unabhängig voneinander abzulaufen: Wir können angestrengt unseren nächsten Urlaub planen oder uns an eine Geburtstagsfeier erinnern, während wir durch einen Park gehen, in die U-Bahn einsteigen oder sonstige Wechsel der äußeren Gesamtsituation erleben oder aktiv bewirken. Manchmal hingegen verändert eine die Außenwelt betreffende Wahrnehmung schlagartig unsere inneren Zustände und unsere Aufmerksamkeit wird abrupt auf die entsprechende Sache gelenkt. Zwischen manchen Wahrnehmungsinhalten scheinen einfachere oder komplexere Beziehungen und Abhängigkeiten zu bestehen, andere haben scheinbar überhaupt nichts miteinander zu tun.
Wie gelangen wir zu einem Selbst-Bezug und zu einem Bezug gegenüber Inhalten der Außenwelt? Wann nehmen wir welche Dinge aus welchen Gründen mit welcher Intensität wahr? Wie gelangen wir zu subjektiven Eindrücken und persönlichen Motiven? Was lenkt unser Interesse auf eine bestimmte Sache? Wann erachten wir einen Wahrnehmungsinhalt für „selbst-verständlich“, wann hingegen hinterfragen wir seine mögliche Bedeutung uns selbst oder anderen Dingen gegenüber? Wann beenden wir die kognitive Auseinandersetzung mit etwas Bestimmten und richten unseren inneren Fokus wieder auf eine andere Angelegenheit?
PERSPEKTIVEN DES GEISTES
Begriffsdefinition:
„Perspektive“ bezeichnet grundsätzlich die Ausrichtung oder das „Gerichtet-Sein“ eines wahrnehmenden bzw. kognitiven Systems, hat also mit dessen Zuständen oder Funktionen zu tun.
„Perspektive“ bedeutet fernerhin die koordinierte und gleichzeitige Ausrichtung mehrerer Wahrnehmungskanäle, -systeme oder -funktionen auf einen gemeinsamen Wahrnehmungsgegenstand (oder -bereich).
Im Falle eines (selbst-) bewussten kognitiven Systems, insbesondere natürlich eines menschlichen Beobachters, muss der Begriff der Perspektive ggf. auch die subjektiven Wertekategorien und Vorurteile mit einbeziehen.
Ein Naturschützer nimmt einen 700 Jahre alten Eichenbaum unter „anderen Gesichtspunkten“ wahr als ein Möbelfabrikant.
Als Kausalbeziehungen können postuliert werden:
- Jedes kognitive System (hier: biologische Lebensformen, insbesondere Menschen) generiert Wahrnehmungsperspektiven.
- Jede Perspektive ist auf „etwas“ aus- gerichtet, sei es durch willentlich-bewusste Aufmerksamkeit oder durch zufälliges Überschreiten der Wahrnehmungsschwelle eines Reizes.
- Jede Perspektive ist funktional determiniert. Dies lässt sich leicht begründen: Allein schon, weil ich als Subjekt räumlich lokalisiert bin, mich also an einem bestimmten Ort auf der Welt befinde (und an allen anderen denkbaren Orten somit nicht)! Ferner sind unsere Wahrnehmungsfunktionen (beschränken wir uns hier der Einfachheit halber auf die trivialen Sinnesfunktionen) biologisch-evolutionär in ihrer Funktionsstärke eingeschränkt! Wir können keine Objekte von weniger als 0,1 mm Länge (mit bloßem Auge) sehen, ebenso wenig ultraviolettes Licht. Der menschliche Sehsinn ist von Natur aus innerhalb bestimmter Parameter begrenzt.
Es gibt natürlich weitaus komplexere Formen von Perspektiven! Im Wechselspiel von Wahrnehmung und Kognition entstehen „innere“, „geistig-mentale“ Perspektiven, teilweise nur von kurzlebiger Dauer, teilweise miteinander konkurrierend oder sich verstärkend. Sie basieren nicht allein auf physikalischen Funktionen wie etwa den Seh- oder Hörsinn, sondern auf internen Repräsentationen, die selbst zum Mittel und Weg (zur Funktion) der Wahrnehmung werden. Man könnte von einer Art von „temporär-virtuellen“ Sinnesorganen sprechen.
Ein triviales Beispiel hierfür ist die Anbahnung einer simplen Assoziationskette! Ich nenne die Begriffe: Hammer, Bild und Nagel. Nahezu unvermeidlich entsteht die Vorstellung einer Person, die mit einem Hammer einen Nagel in die Wand schlägt, um daran ein Bild aufzuhängen! Davon war aber keine Rede, diese Geschichte muss mitnichten aus den Begriffen abgeleitet werden!
Ein weiteres Phänomen soll hier ungeachtet seiner eingeschränkten Egnung zur Verallgemeinerung angeführt sein: Wer schon einmal in einem Flugzeug saß, mit einem Gleitschirm oder Drachen geflogen oder mit dem Fallschirm abgesprungen ist, wird folgendes bestätigen: Aus großer Höhe kann ich Höhenunterschiede zwischen Flächen und Objekten am Boden nicht wahrnehmen! Ich weiß, dass ein Wald „höher“ in den Himmel ragt als ein abgeerntetes Weizenfeld, ebenso liegt ein Fluss oder Bach zwingend tiefer als eine daneben befindliche Landstraße. Sehen bzw. erkennen kann ich dies aus einer Höhe von mehreren tausend Metern aber nicht, ich weiß es eben aufgrund allgemeiner Lebenserfahrungen, weil ich entsprechende Objekte schon tausende Male „unter gewöhnlichen Bedingungen“ sah. Das Merkmal der Höhe wird auf dem (scheinbar) „zweidimensionalen“ Bild der Erdoberfläche zensiert, unterschlagen. Gleichwohl ist der Umstand meiner eigenen Höhe Voraussetzung dafür, überhaupt eine derart hohe Anzahl an Objekten auf einer derart großen Gesamtfläche gleichzeitig wahrnehmen, erkennen und unterscheiden zu können!
„Perspektive“ kann also (auch) bedeuten, dass eine lokal „unterschlagene“ oder selbst „nicht abgebildete“ Information zu einer (Wahrnehmungs-)Funktion wird, zum Mittel oder zur Voraussetzung für die Wahrnehmung anderweitiger Informationen.
Am Beispiel der rein optisch-visuellen, durch unmittelbare Sinnesfunktion gewährleisteten Perspektive können wir einige plausible Aussagen über Bedingungen, Parameter und Qualität einer Perspektive treffen;
Wie erwähnt ist jegliche Perspektive (die in ihr gebündelten Sinnes- oder Wahrnehmungsfunktionen) auf etwas (einen Inhalt oder Gegenstand) „ausgerichtet“.
Die visuelle Perspektive hat die Mindestparameter „Entfernung“ und „Richtung“. Egal was ich sehe, ich betrachte es aus einer bestimmten Entfernung und aus einem bestimmten Blickwinkel, der wiederum durch meine eigene räumliche Position gegenüber dem Wahrnehmungsinhalt bedingt ist.
Abb.2: Das orangefarbene Sechseck ist nicht sichtbar, da vom gelben Kreis verdeckt.
Abb.3: alle drei Objekte sind sichtbar
Die „Qualität“ einer (hier optisch-visuellen) Perspektive kann auf zweierlei Weise definiert werden:
Informationsmenge/-dichte: Möglichst viele Objekte (Inhalte) können gleichzeitig in einem möglichst großen Bereich wahrgenommen werden (ein Bergwanderer etwa hat vom Gipfelkreuz aus bei besten Witterungsbedingungen eine scheinbar unendliche Aussicht).
Informationsklarheit: Ein einzelner (fokussierter) Inhalt oder ein ausgewählter Bereich kann selektiv in größtmöglicher Deutlichkeit und isoliert von sonstigen Inhalten wahrgenommen werden (denken wir etwa an einen Jäger, der mit dem Zielfernrohr das Wildschwein „zum Greifen nah“ vor sich sieht).
Für die Ausrichtung einer (wir bleiben bei der optisch-visuellen) Perspektive gibt es ebenfalls zwei Möglichkeiten:
Sie kann auf ein Objekt fixiert sein und ggf. auch einem (beweglichen) Motiv folgen: In nachfolgender Abbildung beobachtet jemand einen Läufer, der fliehenden Schrittes durch die Gegend eilt. Sein Blick folgt der Person von rechts nach links. Der Läufer selbst ist in der „Mitte des Rahmens“ fixiert, hat also immer denselben Abstand zum Rand (des Wahrnehmungsbereiches), der dem Läufer in seiner Bewegung folgt!
Abb.4: „Auf (bewegliches) Objekt gerichtete Perspektive
Umgekehrt ist es im nächsten Fall: Jemand beobachtet einen (fixierten) räumlichen Bereich. Stellen wir uns vor, es handle sich um das Bild einer Webcam, die sich irgendwo im Allgäu befindet und auf die Gebirgslandschaft gerichtet ist. Der Hintergrund ist immer derselbe, der Fokus der Kamera ist auf einen Ausschnitt des Bergpanoramas gerichtet. Die beweglichen Objekte im Vordergrund wandern nach links oder rechts aus dem Rahmen hinaus! Fragt man den Beobachter: „Woher kam das Flugzeug?“ könnte er korrekterweise antworten: „von rechts!“ Und „wohin flog es?“ Die an sich unsinnige, aus der konkreten Perspektive heraus aber durchaus korrekte Antwort lautet: „nach links!“
Abb.5: Auf (statischen) Raumausschnitt gerichtete Perspektive
Wir wissen, dass die (bewusste oder zufällige) Ausrichtung einer Perspektive Auswirkungen darauf hat, was wir wahrnehmen und wie wir etwas wahrnehmen! Ein Blick vom Gipfel des Nebelhorns in nördliche Richtung liefert andere Inhalte als ein Blick nach Süden! Und ein Mensch, den wir wahlweise aus 5, aus 500 oder aus 5000 Metern Entfernung sehen, wirkt dementsprechend größer oder kleiner.
Natürlich haben wir keinerlei Zweifel daran, dass die südlich des Nebelhorns gelegenen Objekte auch dann vorhanden sind, wenn wir nach Norden blicken (also unabhängig von unserer Wahrnehmung existieren). Auch wird ein Mensch, egal wie groß oder klein er bei wechselnder Entfernung auch wirken mag, seine reale und von unserer Wahrnehmung unabhängige Körpergröße aufweisen.
Es gibt aber tatsächlich Inhalte, die sehr wohl nur innerhalb unserer Wahrnehmung existieren bzw. durch Wahrnehmungsfunktionen und -perspektiven erzeugt werden. Eine optische oder akustische Halluzination ist ein reines Produkt des Gehirns, reine 100%ige Einbildung! Gleichwohl weist sie überaus konkrete Qualitäten auf (eine eingebildete Stimme hat eine konkrete Lautstärke, Stimmlage, Stimmfrequenz, Emotionalität, etc.).
Es gibt ferner Wahrnehmungsinhalte, deren Ursprung sowohl in der realen Welt als auch in unserer (perspektivisch bedingten bzw. determinierten) Wahrnehmung liegen. Ein triviales Paradebeispiel hierfür ist der Regenbogen! Ein solcher wirkt überaus „real“ und er befindet sich scheinbar in einer bestimmten Entfernung an einem bestimmten Ort in der Landschaft. Gleichwohl ist eine Annäherung sinnlos, da er sich dann entfernt und irgendwann verblasst. Das heißt: er entfernt sich eigentlich nicht, denn er befindet sich an gar keinem bestimmten Ort! Ich kann ihn auch nur sehen, wenn ich die Sonne im Rücken habe! Die Regentropfen am Himmel wirken wie Prismen, die das weiße Sonnenlicht in seine Spektralfarben aufspalten. Ob, wie (Farbintensität) und wo ich ihn verorte, hängt von meiner (räumlichen) Perspektive ab! Ein Kind von geringerer Körpergröße, dass direkt neben mir stehend ebenfalls auf den Regenbogen schaut, erlebt ihn gegenüber meiner Wahrnehmung räumlich leicht versetzt und mit etwas anderer Farbdominanz!
Ein Regenbogen ist also insofern real, als die Lichtbrechung (durch Prismen oder eben auch durch Wassertröpfchen) real ist und er ist insofern nur Einbildung, als seine Wahrnehmung wirklich völlig von meiner Perspektive (meiner räumlichen Position und Ausrichtung ihm gegenüber) abhängt.
Im Falle des Regenbogens mag dies nicht besonders wichtig erscheinen. Wir werden uns nachfolgend mit sehr viel bedeutsameren Aussagen über Wahrnehmung, Kognition und Perspektiven beschäftigen und auf Dinge zu sprechen kommen, die für uns weitaus wichtiger als ein Regenbogen sind – und viel komplexere „Schwebezustände“ zwischen „Realität“ und „reiner Information“ aufweisen können!
Ich kann mir eine Wahrnehmungsperspektive als ein Strahlenkreuz (gebildet aus den sich schneidenden Strecken) vorstellen.
Abb.6: Analogie Strahlenkreuz: Mit einer Teilmenge meiner Sinnes-und sonstigen Wahrnehmungsfunktionen (ggf. auch meiner geistig-kognitiven Funktionen) nehme ich eine Teilmenge an Inhalten der realen Umwelt wahr.
Die nach links geöffnete „große Schere“ des Strahlenkreuzes steht für eine bestimmte Menge an Wahrnehmungsinhalten, die sich auf die äußere Umwelt beziehen, also für eine Teilmenge von Inhalten meiner realen Umgebung. Die nach rechts geöffnete „kleine Schere“ steht für eine Menge an Wahrnehmungs- (und kognitiven) Funktionen, mittels derer die Wahrnehmungsinhalte der Außenwelt als Repräsentationen verfügbar gemacht werden.
Abb.7: Die grün schraffierte Fläche innerhalb der „großen Schere“ steht für die im Moment real wahrgenommenen Inhalte der Außenwelt. Die Gesamtfläche des kleineren inneren Kreises steht für den Anteil der Außenwelt, den ich theoretisch mit den aktuell aktiven Wahrnehmungsfunktionen erfassen könnte, wenn ich meine Perspektive (durch Drehung des Strahlenkreuzes um seinen Mittelpunkt) ändern würde. Die Fläche des gelb schraffierten äußeren Kreisringes steht für Inhalte der Außenwelt, die ich aus (dieser) Perspektive überhaupt nicht wahrnehmen kann, weil sie „außer Reichweite“ sind.
Wir erleben nur dem Gefühl nach eine eindeutige (Gesamt-)wirklichkeit! Tatsache ist: wir haben keinen unmittelbaren Kontakt zur Wirklichkeit, sondern sind von ihr durch biologische und psychologische Filter „relativ getrennt“!
Genau genommen gibt es uns selbst als kohärente, beständige Persönlichkeit ebenfalls nicht! Unser eigenes vermeintliches ICH „wohnt“ in einer funktionalen Schnittstelle zwischen informationsverarbeitenden Prozessen und solchen, die mit der Entstehung von Emotionen und Motiven zu tun haben. Das ICH ist im Grunde selbst eine Art Programm, dessen Funktionen (Stärke und Ausrichtung) gewissermaßen ebenso determiniert sind, wie jene unserer geistig-mentalen Perspektiven!
WAHRNEHMUNG UND KOGNITION
Oberflächlich betrachtet erscheinen diese zentralen Begriffe leicht definier- und unterscheidbar:
Wahrnehmung bezeichnet die Aufnahme und Verarbeitung von Reizen aus der Umwelt oder dem eigenen Körper. Sie erfolgt in ihrer einfachsten Form direkt über die Sinnesorgane.
Kognition bezeichnet die Verarbeitung von Informationen und die Generierung menschlicher Erkenntnisprozesse. Es handelt sich im engeren Sinn um Denkvorgänge, Assoziationsleistungen, Entscheidungen und Bewertungen.
Tatsächlich sind Wahrnehmung und Kognition keine grundverschiedenen Vorgänge! Oft entscheidet die Intensität des Prozesses oder der Grad an Bewusstheit (oder Bemühung und Vorsätzlichkeit) über den jeweiligen Prozess darüber, ob er dem Bereich der Wahrnehmung oder jenem der Kognition zuzuschreiben ist!
Betrachten wir hierzu den in diesem Sinne „mehrdeutigen“ Begriff der „Erkenntnis“. Ich kann etwas erkennen, weil ich es schlichtweg sehe (völlig ohne geistige Anstrengung) oder ich kann z.B. den Wert einer mathematischen Variablen erkennen, indem ich eine Reihe an Formeln nacheinander korrekt anwende und eine komplexe Gleichung löse (mich also sehr intensiv dabei anstrenge). Im zweiten Fall ist die kognitive Aktivität, wenn man so will, sogar das Mittel der Erkenntnis, also einer nachfolgenden Wahrnehmung.
Oder betrachten wir ein anderes Beispiel: Eine einfache Wahrnehmung (z.B. die einer mir bekannten Person) kann sich ganz automatisch mit einer „tieferen Erkenntnis oder Einsicht“ (z.B. über deren Absicht oder Ziel) verbinden, wenn sich ein Gedächtnisinhalt, eine Erinnerung daran anknüpft. Es gibt auch unbewusste Assoziationen, „Einfälle“, die „aus dem Nichts“ (real natürlich aus einem unbewussten Austausch zwischen assoziativen Arealen des Gehirns) entstehen! Und so, wie sich ein komplexer Gedanke „selbständig“ (ohne willentliche Assoziation) ereignen kann, ist es umgekehrt möglich, einen banalen (visuellen) Sinneseindruck mit hoher bewusster Aufmerksamkeit und Konzentration wahrzunehmen (etwa, wenn wir völlig konzentriert eine Blume betrachten oder einer Vogelstimme lauschen).
Die Unterscheidung zwischen Wahrnehmung und Kognition ist also eher relativer als radikaler Natur. Sie beruht auf Tendenzen, nicht auf absoluten Werten!
Wahrnehmungsfunktionen sind tendenziell (keinesfalls ausschließlich)
- passiv (ich kann etwas wahrnehmen ohne mich kognitiv damit zu befassen, aber ich kann keine Kognitionsleistung erbringen, ohne diese auch wahrzunehmen)
- unwillkürlich (nur im traumlosen Tiefschlaf oder bewusstlosen Zustand bin ich völlig ohne Wahrnehmungsfunktionen)
- der Reizaufnahme dienlich
- „einfache“ Repräsentationen als Ergebnis liefernd
- reflexiv, auf aktuelles Erleben oder die unmittelbare Vergangenheit oder Zukunft bezogen
- nicht oder nur gering mit persönlichen Motiven verbunden
Kognitive Funktionen sind tendenziell (keinesfalls ausschließlich)
- der höhergradigen Informationsverarbeitung dienlich
- komplexere Repräsentationen durch Analogien, Konzepte, Vorstellungen als Ergebnisse liefernd.
- projektiv, auf die fernere Zukunft, weiter zurückliegende Vergangenheit und auf Entscheidungen bezogen
- in engerem Bezug zu aktivem (vorsätzlichen, motivierten) Handeln
Sinnvoll wäre eine Differenzierung in drei Ebenen:
- Einfache Wahrnehmung
vorwiegend durch reine Körpersinnesfunktionen bedingt
- Kognitive Wahrnehmung
durch einfachere, oftmals unbewusste und unwillentliche Assoziationen jenseits von
Motivation und Willen bedingt
- Reine Kognition
Bewusstes, willentliches Denken, Assoziieren, Abstrahieren, Analysieren
Noch ein bedeutsamer Unterschied:
Bisher war im Kontext zu Wahrnehmung und Kognition nur von Funktionen und Ergebnissen die Rede. Einen weiteren zentraler Begriff gilt es jedoch mit einzubeziehen: Den FOKUS!
Die Perspektive beschreibt die Wahrnehmungsfunktionen, der Fokus hingegen den Wahrnehmungsbereich. Dieser kann eng oder weit sein bzw. sich akut verengen oder erweitern.
„Einfache“ (Sinnes-)Wahrnehmungen und „leicht kognitive“ Wahrnehmungen korrelieren für gewöhnlich mit einem sich erweiternden Fokus. Je geringer Motive und Intentionen des Subjekts vorhanden oder ausgeprägt sind, je geringer das allgemeine Interesse gegenüber der aktuellen Erlebenssituation, umso mehr dehnt sich der Fokus aus. Er kann viel mehr Objekte (Repräsentationen) gleichzeitig erfassen, da sie alle „gleichwertig“ (ggf. gleich „langweilig“ oder „unbedeutend“) sind! Ein Lustwanderer im Gebirge wird einen weiten Fokus haben, wird die vielfältigen Eindrücke von Bergen, Tälern, Wiesen, Hütten, Weidetieren, entspannt „auf sich wirken“ lassen. Je mehr und stärker hingegen Motive, Intentionen, Konzentration, Interesse, etc. ausgeprägt sind, umso stärker wird sich der Fokus verengen und nur noch sehr selektiv mit wenigen Inhalten operieren! Wenn der o.g. Wanderer nervös nach seiner Frau sucht, von der er annimmt, sie hätte sich ohne Handy und Proviant irgendwo im weitläufigen Gelände verlaufen, wird er die Landschaft sehr selektiv nach sehr bestimmten Reizen (Objekten in Menschengestalt) absuchen und kaum auf die Berggipfel achten. Die Dynamik und Periodizität des sich erweiternden und verengenden Fokus soll an anderer Stelle noch etwas näher betrachtet werden.
GEDANKENEXPERIMENT:
Ich erwache aus tiefer Bewusstlosigkeit und befinde mich in einem Raum. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin und wie ich hierher gelangt sein könnte. Ich sehe mich um und beginne bewusst wahrzunehmen und zu assoziieren: Der Raum hat Eisenwände. Das spricht gegen ein gewöhnliches Zimmer in einem Haus oder einem Hotel. Ich höre Motorengeräusche und spüre leichte Vibrationen. Ich befinde mich wohl in einem Fahrzeug. Der ganze Raum schwankt leicht und regelmäßig. Das spricht für meine Anwesenheit auf einem Schiff, das im Seegang schaukelt. Das Fenster ist verglast und kreisrund. Könnte wohl ein Bullauge sein. Die Schiff-Vermutung wird gestützt. Ich schaue aus dem Bullauge und sehe Raben am Himmel fliegen. Das Schiff muss sich wohl in Küstennähe befinden. Auf hoher See gibt es keine Raben. Ein paar Eisbrocken treiben im Wasser. Also kann sich das Schiff unmöglich in der Südsee aufhalten. Ich sehe, dass sich die Wasserfläche etwa zehn Meter unter dem Bullauge befindet. Also befinde ich mich wohl auf einem großen Schiff. Durch Kognition kann ich also einige Rückschlüsse über die Situation gewinnen, indem ich Informationen aktiv gedanklich verknüpfe.
Nehmen wir nun an ich könnte meine räumliche Perspektive X-beliebig verändern: Ich verlasse also den Raum und gehe auf dem Schiff umher. Nun kann ich direkt u.a. anhand der Aufbauten erkennen, ob es ein Frachter, ein Passagier- oder gar ein Kriegsschiff ist (ohne abstrakt darüber nachzudenken). Ich schwebe nun in die Luft empor und sehe das Schiff von oben. Je höher ich schwebe, umso deutlicher sehe ich das Schiff im Kontext zu seiner Umgebung. Ich erkenne Konturen von Küsten, Ländern, Kontinenten und weiß nun (unter der Voraussetzung, dass ich geographisches Wissen im Hirn gespeichert habe) ob sich das Schiff in der Adria, in der Ostsee, in der Karibik oder im Atlantischen Ozean befindet.
Wahrnehmung liefert bei weitem Fokus kontextbezogene Informationen
Informationen, die durch „reine Wahrnehmung“ bedingt sind, werden durch einen weiten (oder sich erweiternden) Fokus begünstigt und sind kontextbezogener Natur! Aus der relativen (räumlichen oder abstrakten) Anordnung von Inhalten ergeben sich Erkenntnisse über deren Natur und Bedeutung! Es geht darum, möglichst viele „einfache“ Repräsentationen zu sammeln und (zunächst) „gleichberechtigt“ anzuordnen.
Abb.8: expandierendes Wahrnehmungsfeld
Kognition liefert bei engem Fokus abstrakte Informationen
Informationen, die kognitiv bedingt sind, werden durch einen engen (oder sich verengenden) Fokus begünstigt! Es geht darum, möglichst viele Informationen selektiv auszuklammern und sich mit möglichst wenigen Inhalten auf Grundlage möglichst konkreter Kriterien punktuell zu befassen (um bspw. Handlungsoptionen zu erzeugen, abwägen und eine Entscheidung zu treffen). Das auf diese Weise erlangte Wissen bzw. die so erzeugten Informationen entsprechen dem Ergebnis nach einer Analyse, Berechnung oder Schlussfolgerung.
Abb.9: sich verengendes Wahrnehmungsfeld
FUNKTIONALE GRENZEN DER WAHRNEHMUNGS-PERSPEKTIVE
Mit der „Distanz“ zum Objekt – ob im direkten oder im abstrakten Sinn – erhöht sich, wie oben angesprochen, die Effizienz der reinen Wahrnehmung (es wird eine höhere Menge „kontextbezogener“ Informationen generiert): Einen Radfahrer aus einigen Kilometern Entfernung zu beobachten gibt mehr Aufschluss über dessen Fahrtrichtung, sein denkbares Ziel und die Geschwindigkeit. Natürlich gilt dies nur bis zu einem bestimmten Grad.
Kommen wir noch einmal auf das Schiff aus obigem Gedankenexperiment zurück. Infolge einer imaginären Vogel-Perspektive zu wissen, in welchem Ozean oder Meer es sich bewegt, ist aufschlussreich und limitiert zunächst die theoretisch denkbaren Zielorte des Schiffes. Die perspektivische Distanz noch weiter zu erhöhen, bringt keinen zusätzlichen Nutzen! Die Information darüber, dass sich das Schiff auf dem Planeten Erde befindet, ist für die konkrete Situation uninteressant. Zu wissen, in welcher Position sich die Erde im Sonnensystem, das Sonnensystem innerhalb der Milchstraße und die Milchstraße innerhalb der anderen Galaxien befindet, bringt keine weiteren brauchbaren Erkenntnisse in Bezug auf die Situation.
Sowohl für die „kognitive Annäherung“ an als auch die „reflexive Distanzierung“ von einem Wahrnehmungsinhalt gibt es also funktionale Grenzen!
ICH MUSS WISSEN, WORUM ES GEHT
Damit Wahrnehmungen einen Sinn ergeben und kognitive Bemühungen zielgerichtet sind, muss ich als Subjekt jederzeit „wissen“, „worum es überhaupt geht“. Auf einem Schiff gefangen gehalten zu werden ist eine sehr konkrete Situation mit einer sehr konkreten Handlungsaufforderung für das Subjekt. Die meisten Situationen und Ereignisse, die wir erleben sind eher „belanglos“ und dennoch „wissen“ wir i.d.R., ob bzw. was wir überhaupt tun müssen, sollen oder wollen (oder nicht). Weder ein Bleistift auf dem Tisch noch ein Bild an der Wand oder irgendwas anderes auf der Welt ergibt einen „Sinn“, wenn meine persönliche Intentionalität gegenüber dem Objekt oder der vorherrschenden Situation, innerhalb derer ich mit dem Objekt konfrontiert werde, nicht irgendwie reguliert ist! Allerdings trifft das bewusst agierende ICH in den wenigsten Fällen eine Wahl bezüglich der Perspektive oder der Erweiterung/ Verengung des Wahrnehmungs- Fokus! Es reagiert vielmehr auf vorausgegangene Ereignisse dieser Art, die das Hirn jenseits bewusster Willens- und Entscheidungsvorgänge vollzogen hat! „ICH“ selber kann schließlich mangels Kapazität auch keine bewusste Intention zu zahllosen Einzelobjekten entwickeln, die zufällig in meinen Wahrnehmungsbereich gelangen! Vielmehr werden auf unbewusster Ebene aus unzähligen Einzelinformationen aufgrund z.T. minimaler logischer Prinzipien und Referenzwertigkeiten eine überschaubare Menge an widerspruchsfreien „Paketen“ gebündelt (die meisten Personen, Autos, Häuser, etc. an denen wir tagsüber vorbeilaufen, integrieren sich problemlos in die allgemeine „Hintergrundwahrnehmung“)!
Das wirft zwei interessante Fragen auf:
- Was will ich tun, wenn ich „nichts tun will“ bzw. „worum geht es“, wenn es auf bewusster Ebene „um nichts“ geht“? Ohne ein intentionales „Thema“ stürzen sich wahrnehmende und kognitive Prozesse „sinnlos“ auf Inhalte und driften weit auseinander, der Fokus verändert sich parallel dazu „sinnlos“.
- Was definiert den Sinn von Wahrnehmungen und/ oder Handlungen, die gerade erst entstehen bzw. sich aus einem Spektrum an vorhandenen Möglichkeiten herauskristallisieren?
Diese Fragen beziehen sich nicht darauf, wie die Wertigkeit eines noch nicht eingetretenen, aber bekannten bzw. erwarteten künftigen Ereignisses (etwa ein geplanter Mallorca-Urlaub) gebildet wird! Dies geschähe eben auf Grundlage von Hypothesen, Vermutungen, Vorstellungen. Es geht um die Frage, warum ich in einem bestimmten Augenblick z.B. überhaupt über einen Mallorca-Urlaub nachdenke. Genauso gut könnte mir im selben Augenblick in den Sinn kommen, ein Modellflugzeug kaufen zu wollen, im Wald spazieren zu gehen oder ich könnte „zufällig“ darüber nachgrübeln, wann die Französische Revolution war.
Bei psychotischen Störungen kann der Betroffene unter der verwirrenden Empfindung leiden, nicht zu wissen, „um was es geht!“ Sinnvolle Strukturierungen des Informationsflusses auf un- und vorbewusster Ebene bleiben aus! Die Grenze zwischen Hintergrund- und Vordergrundwahrnehmung verschwindet. Die verschiedenen Grade der Intentionalität zerfließen.
Ich postuliere folgendes: Das bewusst agierende Ich einschließlich seiner unterbewussten, der Orientierung und der Verhaltenssteuerung zugrunde liegenden geistigen Regungen, trachtet danach, eine „kognitive“, den Fokus verengende und somit selektierende Perspektive einzunehmen, welche die Anzahl der Wahrnehmungsinhalte verringert. Es geht salopp vereinfacht ausgedrückt um die Fragen: „Wie löse ich das vordergründig vorhandene Problem?“, „wie treffe ich eine Entscheidung“? oder „Mit welchem Thema setzte ich mich überhaupt auseinander?“
Das „System“ (Gehirn) hingegen, dessen Produkt u.a. auch meine eigene Selbst-Vorstellung ist, trachtet danach, eine expandierende, den Fokus erweiternde Perspektive einzunehmen oder zu simulieren, aus der sich kontextbezogene Informationen ergeben. Es geht dabei um den Kontext zwischen dem (in welcher Art und Stärke auch immer) gegenwärtig repräsentierten Selbst-Modell und seiner (abstrakten) Umwelt. Hier geht es also um die Frage: „In welcher Situation oder Lage befindet sich das ICH oder SELBST überhaupt?“
Ich möchte diesen ersten Gliederungspunkt des Hauptkapitels „Der Sinn des Er-Lebens“ mit einem Gedankenexperiment abschließen, ehe wir uns anschließend unter Punkt 2 den „Vier Grund-Perspektiven des Gehirns“ zuwenden:
„Erinnere Dich an deinen letzten Freibadbesuch! Stelle Dich dabei selbst bildlich beim Schwimmen vor!“
Ich vermute folgendes: Wer versucht hat, diese Vorstellung bildlich zu erzeugen, hat seinen eigenen Körper nahe einer der Längsseiten des Beckens schwimmen sehen (wie in Abb. 10 und 11)?! Der vorgestellte Körper befand sich vermutlich knapp einen Meter vom Beckenrand entfernt und wurde aus relativer Nähe (etwa 3 Metern Entfernung?) von schräg vorne/oben (oder ggf. hinten/oben) betrachtet?!
Abb. 10: Schwimmer in Bewegung. Die Beobachter-Perspektive befindet sich dabei am Beckenrand vor dem Schwimmer.
Abb. 11: analog wie Abb.6., nur andere Bewegungsrichtung
Der bildlich vorgestellte Körper entspricht in diesem Fall dem „modellierten Selbst“, dem „Selbstbild“, welches in die vorgestellte Situation hineinprojiziert wurde! Aber wo war die räumliche Position des phänomenalen Selbst (Träger der Ego-Perspektive) innerhalb der vorgestellten Situation?
Zwischenbemerkung: Als „phänomenales Selbst“ bezeichnet man den akuten Vorgang der Selbst-Identifikation mit Inhalten und Prozessen des Wahrnehmens und Erlebens. Die „Ego-Perspektive“ und das „Selbstwertgefühl“ sind latente (aber mitnichten die einzigen!) Inhalte und Ergebnisse dieses Vorgangs.
Ich spekuliere weiter:
Die „Ego-Perspektive“, aus welcher der Körper beim Schwimmen „gesehen“(vorgestellt) wurde (in nachfolgenden Abbildungen symbolisch als rote Augen oder als „gelber Geist“ in angedeuteter Menschengestalt symbolisiert) befand sich vermutlich auf etwa 1,50 bis 2 Meter Höhe nahe an der Becken-Längsseite (außerhalb des Schwimmbeckens), wahrscheinlich ca. 1,50 bis maximal 3 Meter (jedenfalls nicht weiter als 5 Meter) entfernt „schräg vor“ dem Schwimmer ?!
Abb.12: Die rote (gelb markierte) Linie symbolisiert den Abstand des vorgestellten Körpers vom Beckenrand, die grüne Linie den Abstand der Ego-Perspektive bzw. des „phänomenalen Selbst“ zum vorgestellten (modellierten) Körperbild. Die roten Augen symbolisieren hier die Ego-Perspektive bzw. deren angenommene räumliche Position.
Abb.13: der „gelbe Geist“ symbolisiert die „Ego-Perspektive“, aus der ich meinen eigenen Körper innerhalb der bildlich vorgestellten „Freibadszene“ „sehe“.
Abb.14.: Analog wie Abb.13, nur mit anderer Bewegungsrichtung des Schwimmers (vorgestellten Körpers).
Eine Minderheit wird sich den eigenen Körper von hinten betrachtet vorgestellt haben?! Wenn, dann vermutlich ebenfalls aus einer Entfernung zwischen 3 und maximal 5 Metern?
Wer seinen Körper irgendwo „mitten in der Wasserfläche“ (fernab eines Beckenrandes) sah, betrachtete sich vermutlich aus ca. 1,5 Metern Entfernung und ca. 50 cm Höhe (Abb. 15)?!
Abb.15: Visuelle Wahrnehmung aus ca. 150 cm Entfernung und ca. 50 cm Höhe
Der Blickwinkel bzw. die Blickrichtung war aber vermutlich nicht aus 0° (direkt von vorne), sondern eher von schräg vorne – seitlich, evtl. sogar voll seitlich (aus 90° oder 270°)?!
Abb.16: Blickrichtung von schräg vorne-seitlich
Ich spekuliere weiter: Vermutlich hat niemand den eigenen Körper „aus sehr großer“ Entfernung betrachtet, wie im nachfolgenden Bild beispielhaft dargestellt?!
Abb.17: vorgestellter eigener Körper aus „großer“ Entfernung
Insbesondere hat sich wahrscheinlich kaum jemand die Szene ohne ein modelliertes „Selbst-Bild“, also ganz ohne eine verbildlichte Repräsentation des eigenen Körpers vorgestellt?! Das kann selbstverständlich an der ausdrücklichen Handlungsaufforderung liegen, „sich selbst beim Schwimmen bildlich vorzustellen“?! Aber auch bei einer weniger eindeutigen Anweisung vermute ich, dass sich die wenigsten Menschen eine Situation im Schwimmbad aus der direkten 1.Person- bzw. Ego- Perspektive ohne ein implementiertes Abbild des eigenen Körpers vorgestellt hätten?!
Abb.18: Das Schwimmbecken aus der „1.Person- bzw. Ego-Perspektive“ des Schwimmers – ohne jegliche Projektion des eigenen Körperabbildes. Wäre die Situation „real“, könnte sich der Schwimmer nur sehen, wenn er in einen Spiegel sähe.
Noch unwahrscheinlicher wird irgendwer den eigenen Körper von unten, also vom Boden des Beckens aus, betrachtet haben?!!
Abb.19: Schwimmer von unten betrachtet
Die hierfür erforderliche Position der „Ego-Perspektive“ (des phänomenalen Selbst), befände sich in diesem Fall, wie im nachfolgenden Bild illustriert, am Beckenboden schräg vorne unterhalb des Schwimmers:
Abb.20: Darstellung der für Abb.19 erforderlichen 1.Person-Perspektive
Warum ist es eigentlich „abwegig“, sich selbst von unterhalb der Wasserlinie bzw. vom Beckenboden aus zu betrachten? Man könnte sagen, dies sei unzweckmäßig, weil wir unter Wasser nicht atmen können! Auch würde der Auftrieb des eigenen Körpers eine Rückenlage am Beckenboden reichlich erschweren. Aber ist das im Rahmen einer imaginären Vorstellung nicht etwa völlig egal? Doch, ist es! Aber wir sind gewohnt, bei der Vorstellung einer Sache automatisch eine Perspektive zu wählen (zu erzeugen), die im Falle ihrer realen Umsetzung unser Überleben oder unseren Komfort gewährleisten oder begünstigen würde! Unser Unterbewusstsein liefert, soweit möglich, eine unter physikalischen Gesichtspunkten, oder sagen wir besser, eine vor dem Hintergrund „normaler“ Alltags- und Lebenserfahrungen „realistische“ Darstellung („realistisch“ in dem Maße, in dem unser Weltwissen die Wirkung der Naturgesetze mehr oder weniger korrekt widerspiegelt oder simuliert)! Stellen wir uns hingegen vor, wir würden vor der internationalen Raumstation ISS schweben und dort bei einem „Fenster“ reinschauen, sehen wir uns selbst dabei vermutlich nicht in einem Raumanzug, der uns vor dem Vakuum und der Kälte des Weltalls schützt?! Diese Vorstellung ist, obgleich bildlich einfach erzeugbar, viel zu abstrakt und „abwegig“ (im Gegensatz zur Rückenlage auf dem Boden eines Schwimmbeckens), als das sich unser Hirn überhaupt erst um eine „realistische Vorstellung“ bemühen würde!
Dass sich die meisten von uns die vorgestellte Eigenbewegung ihres modellierten Selbst im Schwimmbecken von links nach rechts verlaufend dachten, hat vielleicht damit zu tun, dass wir von links nach rechts lesen und daher unseren Kopf, unser wohl elementarstes Körperteil, sehr häufig von links nach rechts bewegen (zumindest jedenfalls drehen)?!
Unabhängig davon, ob meine Spekulationen über Lokalisation, Entfernung, Bewegungsrichtung, etc. der vorgestellten Körper stimmen, besteht die hoch interessante Frage, wie sich das Hirn für die Generierung der Variablen einer Perspektive und die Details der darin enthaltenen Inhalte entscheidet!
Nachfolgende Abbildung zeigt einen Ausschnitt denkbarer (willkürlicher) Orte, an denen sich die „Egoperspektive“ des phänomenalen Selbst (die roten Augen bzw. der „gelbe Geist“ in obigen Abbildungen) im Zuge der Betrachtung des vorgestellten, schwimmenden Körpers positionieren könnte! Anzahl, Winkelverläufe und Abstand der Kreisbahnen repräsentieren natürlich nur eine minimale Auswahl der theoretisch „unendlichen“ Möglichkeiten!
Abb.21: mögliche „Kreis- bzw. Elypsenbahnen“ für die 1.Person-Perspektive beim Betrachten des vorgestellten Körpers
Manche Teilnehmer des Gedankenexperiments haben in ihrer Vorstellung vielleicht überhaupt kein inhaltlich präzises (geometrisches) Bild von einem Schwimmbecken mit konkreten Abständen und Winkeln zum bildlich vorgestellten Körper erzeugt? Vielleicht haben sie nur einen „diffusen“ Umriss eines (mit dem eigenen Ich assoziierten) Körpers in einer „unspezifischen“ Umgebung generiert, wie durch nachfolgende Bilder beispielhaft illustriert?
Abb.22-24: „rudimentär-abstraktes Selbstbild“
Aber auch in diesem Fall bleibt die Frage: Wie hat sich das Hirn für die Details und deren „Qualitäten“ entschieden? War hinter den Kulissen ein zumindest kurzer, dem Bewusstsein verborgener „Wettbewerb“ konkurrierender Bilder? Oder wurde das Ergebnis sehr spontan innerhalb eines eher „linearen“ Entstehungsprozesses geliefert?
Die 4 GRUND-PERSPEKTIVEN DES GEHIRNS
SINNGEHALT DES SELBST- UND WIRKLICHKEITSERLEBENS
Wir empfinden es auf bewusster Ebene keinesfalls so: Aber unser geistiges Erleben ist in diskrete kurze Zeitintervalle zergliedert!
Der unaufhörliche Strom an Eindrücken, Gefühlen, Gedanken, Wahrnehmungen etc. erscheint uns fließend. Tatsächlich aber arbeitet das Hirn mit einer sich kontinuierlich wiederholenden Abfolge an Mikro-Szenen. Es handelt sich um einen Wechsel an „Grund-Perspektiven“ des kognitiven Gesamtsystems (Gehirn), nicht des Subjekts (also des ICH, Selbst oder Ego). Genauer gesagt überlagern sich diese Grund-Perspektiven bei wechselnder Funktionsstärke. Eine von ihnen ist „maximal“ oder zumindest stärker aktiviert als die anderen. Dies ist die Voraussetzung für den empfundenen Sinn-Gehalt aller Wahrnehmungen und für die Integration des Selbst-Bildes in die erlebte Gesamt-Situation.
INFORMATION:
ALLGEMEINE UND ERWEITERTE BEGRIFFSDEFINITION
Im Allgemeinen versteht man unter einer Information etwas, dass ein Beobachter wahrnimmt (Umwelt-Repräsentationen). Der PC vor mir auf dem Tisch, der Arbeitskollege, der mir gegenübersitzt, das Wissen, das in einer Stunde ein Bekannter anrufen will, etc. Dies alles entspricht einer Information im gängigen Sinn. Man differenziert also zwischen einem (selbst- bewussten) Subjekt, Informationen die es wahrnimmt und Kanälen oder Wegen, über welche die Informationen in den Wahrnehmungsbereich des Subjekts gelangen.
Im erweiterten Sinn beinhaltet der Informationsbegriff auch das Subjekt und seine mentalen Zustände (Aufmerksamkeit, Interesse, etc.). Ein Beispiel: Ein Tropfen Alkohol befindet sich in der Blutbahn. Er ist Teil der physikalischen Realität. Nun überwindet er die Blut-Hirn-Schranke und dringt in Nervenzellen ein. Er wird nun zu einer „Information“ weil er den Zustand einzelner Neurone verändert und Einfluss darauf nimmt, wie sie mit den Netzwerken interagieren, in die sie integriert sind (ihre synaptische Verbindungsstärke könnte sich bspw. vorübergehend ändern).
Stellen wir uns einen externen Beobachter vor, der uns seinerseits aus seiner subjektiven Perspektive im Prozess des Wahrnehmens und Denkens wahrnimmt, und alle Parameter kennt, die uns verborgen sind. Er kann z.B. wissen, dass wir gerade mit krummen Rücken dastehen, er kann vielleicht wissen, aus welcher Quelle ein Gerücht stammt (und ob es überhaupt stimmt), von dem wir hingegen nur wissen, dass es existiert. Er kann wahrnehmen, dass wir z.B. im Augenblick gelangweilt, zornig, neugierig oder apathisch sind (alles denkbare Zustände, derer man sich selbst nicht unbedingt vollumfänglich bewusst ist). Aus „seiner Perspektive“ wären alle vorhandenen Parameter unseres Erlebens eine „Information“, während sie für uns selbst funktionale „Umstände“ oder „Bedingungen“ des Erlebens darstellen.
Der innere Beobachter, das eigene Selbst ist für das Gehirn auch „nur eine Information“, so wie wir für den externen Beobachter aus obigem Absatz. Das phänomenale Selbst des Subjekts ist eine Institution innerhalb der Gesamt-System-Prozesse! Existenzwahrnehmung und Identitätsvorstellung beruhen auf Empfindungen, die aus Körperzuständen bzw. deren Schwankungen (Kontrastwahrnehmung!) generiert werden.
Abb.25: Sinnesinformation und Körperempfindung
Zu obiger Abbildung: Es existieren reale Objekte in der äußeren Wirklichkeit (grüne Objekte rechts). Der Körper des Beobachters ist ebenfalls ein reales Objekt, ebenso seine Sinnesorgane (Augen, Ohren, Nase, Tastsinn, Geschmackssinn und Gleichgewichtsorgan im Mittelohr) über die sein Gehirn Informationen über die Außenwelt erhält. Diese Informationen über die Außenwelt werden auf neuronaler Ebene repräsentiert. Andere Informationen hingegen stammen aus dem Körper selbst. Das Hirn empfängt ständig Zustandsberichte von inneren Organen und Rezeptoren in allen möglichen Gelenken und Oberflächenregionen. Die Sinnesorgane haben eine Doppelfunktion: Sie sind Teil des Organismus und der körperbezogenen Selbst-Repräsentation (meine Hand ist ein Teil meiner Selbst-Repräsentation), zugleich sind sie Informationsquellen über die Außenwelt (mit meiner Hand kann ich die Oberflächeneigenschaften von Objekten erfühlen). Das eigene ICH (Selbst-Bild, Selbst-Vorstellung, Identitätsempfindung, etc.) ist – wie alle anderen neuronal repräsentierten Informationen – kein reales Objekt der materiellen Wirklichkeit! Es entspricht ebenfalls dem Ergebnis neuronaler Verarbeitungs- Prozesse! Seine Repräsentation ist ungleich aufwändiger als jene aller anderen Informationen! Der große Kreis auf dem Hals der Person im Bild soll das biologische neuronale System (Gehirn) darstellen. Es ist so real und materiell wie der Baum, das Haus und das Auto, die über seine Sinnesorgane wahrgenommen werden. Die beiden inneren Kreise stellen den unbewussten (blau) und bewussten Anteil (rot) der Ich-Repräsentation dar. Wäre ich ein Tier unterhalb der Stufe hoch komplexer Säuger oder Vögel, befände sich keine ICH- Repräsentation in meinem Hirn! Ich würde rein affektiv wahrnehmen und auf Umweltreize reagieren. Aus der „Sicht“ des Gesamtsystems ist mein ICH eine Parallel-Wahrnehmung zu anderweitigen Repräsentationen. Mein „ICH“ ist aus der „Sicht“ des Gesamtsystems im Gegensatz zu „banalen“ Objekt-Repräsentationen der äußeren Wirklichkeit nur abstrakt vorhanden (weil das „ICH“ wie erwähnt durch weitaus komplexere Prozesse generiert wird). Die geistige Auseinandersetzung des ICH`s mit externen Wahrnehmungsinhalten wäre aus der „Sicht“ des Gesamtsystems sogar noch abstrakter. Aber in den neuronalen Strukturen des Gesamtsystems unterhalb der kohärenten Ich-Repräsentation existiert keine „Sicht“, keine bewusste „Perspektive“. Da gibt es allenfalls darwinistische Prozesse, die unter strikt ökonomischen Gesichtspunkten um die Vorherrschaft einer Perspektive (unter mehreren parallel um Realisierung ringenden Perspektiven) kämpfen!
Das Gesamt-System hat also im Gegensatz zum ICH keine Perspektive, es generiert vielmehr Perspektiven. Wenn ich nachfolgend postuliere, das gesamte Wirklichkeits- und Selbsterleben des Menschen würde aus nur 4 Grund-Perspektiven (bzw. deren Überlagerungs- und Kontrastzuständen) bestehen, dann meine ich nicht, dass vom Hirn und vom Subjekt (ICH) lediglich 4 generelle Arten von Informationen wahrgenommen und verarbeitet werden könnten! Ich spreche von Impulsen innerhalb des Gesamtsystems, welche in die verschiedenen Schichten des Bewusstseins und auch der Selbst- Repräsentation vordringen und dort in kurzer aber regelmäßiger Abfolge 4 generelle Zustandsempfindungen oder Meta-Perspektiven erzeugen, innerhalb derer wiederum in der Tat alle erdenklichen Arten von Informationen in verschiedenen Ausprägungsgraden abgebildet werden können.
Das Gesamtsystem definiert „Vollständigkeit“ (ebenso „Widerspruchsfreiheit“ und „Eindeutigkeit“ von Informationen jeglicher Art) nach zeitlichen Kriterien, das bewusste ICH hingegen nach inhaltlichen Kriterien. In Phasen, in denen das bewusste ICH keine starken oder bewussten Intentionen und Motive hat, wird mir als wahrnehmendem Subjekt vom „Gesamtsystem“ vermittelt, „worum es im Augenblick geht“, worauf sich also meine Aufmerksamkeit richten, welche Emotion ich haben, welches Motiv ich ausbilden soll, etc.
Wir unterscheiden also zwischen dem „System Gehirn“, dem biologisch-neuronalen Gesamtapparat der Informationsverarbeitung, und dem Selbst oder ICH als eine besondere Konstante innerhalb dieser Prozesse, die gleichsam Information als auch ein besonderes Mittel der (erweiterten) Informationsverarbeitung ist! Mit konstant soll nicht etwa Stabilität oder gar Unveränderlichkeit des Selbst gemeint sein, sondern die Tatsache, dass es fortwährend, zumindest jedenfalls über die meisten Wach- und Remschlafphasen hinweg, latent in einer gewissen Mindestfunktionsstärke vorhanden ist.
Was „will“ das System?
Wie allen physikalischen Systemen (und auch allen chemischen und biologischen Vorgängen) wohnt natürlich auch dem „System Gehirn“ an sich kein „Wille“ oder „Vorsatz“ inne, wohl aber eine von Energieniveaus bestimmte Eigendynamik!
Das System „will“ die Lebensfunktionen des Körpers aufrechterhalten, es strebt nach einem homöostatischen Gleichgewicht. Dies bedeutet, dass alle Organ- und Stoffwechselfunktionen (Hormone, Blutdruck, Atmung, u.a.) sich innerhalb bestimmter, dem Über/-lebensvorteil zuträglichen Skalenwerte befinden und idealerweise auch aufeinander abgestimmt sind. Fernerhin simuliert das System Gehirn die Zukunft, es generiert Bilder möglicher Entwicklungsverläufe, sowohl des Körpers als auch der Umwelt. Um den Überlebensvorteil nachhaltig zu gewährleisten, gilt es nicht nur, günstige Korrelationen an Aktivität und Funktionsstärke zwischen verschiedenen Organsystemen zu ermitteln und zu regulieren, sondern fernerhin, den Organismus vor gefährlichen (gegenwärtigen oder künftigen) Umweltereignissen zu bewahren. Zu diesem Zweck werden auch die Wahrnehmungsperspektiven generiert und ausgerichtet.
Was will das Selbst?
Das Selbst entspricht einer höheren Instanz der neuronalen Informationsverarbeitung. Ob real oder illusorisch- jedenfalls zeichnet es sich durch etwas aus, dass entweder tatsächlich einem freien Willen entspricht oder sich ansonsten täuschend echt danach anfühlt! Das Selbst denkt, bewertet, entscheidet, es ist schlichtweg SUBJEKTIV, d.h. es bezieht Informationen auf sich selbst. Zunächst einmal hat das Selbst oder das eigene Ich eine große „Interessensüberschneidung“ mit dem Gehirn. Ich strebe entweder nach Sicherheit („Defensivmodus“) oder nach Kontrolle, Einfluss, oder – etwas pathetisch ausgedrückt- nach „Macht“ („Offensivmodus“). Die beiden Möglichkeiten bedeuten, dass ich entweder durch Anpassung an die Umwelt oder durch Manipulation der Umwelt versuche, die eigenen Bedürfnisse bestmöglich zu befriedigen.
Sämtliche (einfache wie höhere) geistige Funktionen dienen fundamental dem Zweck der Lebenserhaltung. Die jeweiligen Vorteile sind offensichtlich! Sich an viele Dinge erinnern zu können (Gedächtnis), sich viele Szenarien vorstellen und Zwischenergebnisse speichern zu können (Vorstellungskraft, analoges und abstraktes Denken – beruhend auf Arbeitsgedächtnis und Aktualbewusstsein), Informationen auf die eigene Person beziehen zu können (Bewusstsein, Subjektivität), sich auch vor dem Hintergrund einer vielfältigen und unüberschaubaren Informationsmenge entscheiden zu können (Emotion, „Bauchgefühl“ bzw. „somatischer Marker“), sich in Artgenossen geistig hineinversetzen zu können (Empathie, „Theorie of Mind“), usw. All diese Fähigkeiten stärken unsere Position gegenüber all jenen Lebensformen, die ein weniger komplexes Gehirn haben und über diese Leistungen nicht oder nur sehr eingeschränkt verfügen.
Gedankenexperiment: Stellen wir uns folgendes vor: Wir gehen morgens zur Arbeit und öffnen gerade unsere Bürotür. Dahinter befindet sich diesmal aber nicht unser Schreibtisch, nicht unser PC und die sonstige Büroausstattung! Stattdessen werden wir völlig unerwartet mit einer vollkommen fremdartigen, „verrückten“ Situation konfrontiert. Vor uns stehen ein grün angemaltes Nashorn, ein Gorilla und ein Indianer, der mit zwei Tomahawks jongliert.
Wie würden wir auf unbewusster und bewusster Ebene auf die Konfrontation mit einer derartig unerwarteten Situation reagieren?
Ich denke es gäbe mindestens 4 seriell ablaufende Reaktionsmuster:
- Reflexive Resonanz
In diesem Stadium dominieren Überraschung und Erschrecken. Noch ehe wir erkennen, was sich wirklich vor uns befindet, registrieren wir zunächst nur Eines: Hier ist etwas vollkommen anders (als gewöhnlich)! Jegliche un- und vorbewusste Erwartungshaltung ist gnadenlos durchkreuzt (das Unterbewusstsein erstellt unablässig Prognosen über mögliche Inhalte der unmittelbar folgenden Zukunft). Ein genereller Alarmzustand wird ausgelöst. Diese Phase währt nur geringste Sekundenbruchteile.
- Affektive Resonanz
In diesem Stadium erkennen wir konkrete Inhalte. Wir erkennen den Indianer, das Nashorn und den Gorilla. Wir merken nicht nur, dass wir vor einer völlig anderen Situation stehen, es bildet sich vielmehr ein Bewusstsein um den Grad der Abweichung zwischen der realen und der vorbewusst prognostizierten Situation.
- Kognitive Resonanz
Nun haben wir eine eigene mentale Position gefunden, wir befinden uns jetzt mit der Kraft und den Fähigkeiten unseres kognitiven Apparates innerhalb der Situation. Wir generieren den Selbst-Bezug zu dieser Situation und merken, dass es hier etwas zu klären gibt. Die ersten konkreten Gedanken entstehen: „Warum stehen der Indianer und diese Tiere in meinem Büro?“ „Was könnte dahinterstecken?“
- Kognitive Reaktion
Aus den ersten Gedanken werden konkrete Entscheidungsprozesse. Nun beginnen wir systematisch Informationen zu generieren, die zur Aufklärung des Sachverhaltes führen könnten. Wir entwerfen Hypothesen über die möglichen Ursachen und vergleichen sie miteinander. Wir interagieren nun zu diesem Zweck ggf. auch mit der Umwelt. Wir bitten den Indianer, die Tomahawks mal kurz beiseitezulegen und erkundigen uns vorsichtig, ob die Tiere ev. bissig oder angriffslustig sind.
In unserem Alltag werden wir zum Glück nur selten mit völlig befremdlichen, sich außerhalb jeglicher Erfahrungswerte und jeglicher Erwartungshaltung befindlichen Situationen konfrontiert. Dennoch unterliegt unsere „banale“ Alltags-Wahrnehmung ständig Zyklen, innerhalb derer sich die perspektivische Grund-Wahrnehmungsart ändert, so wie es im obigen Beispiel überspitzt dargestellt wurde.
GRUND-WAHRNEHMUNGS-PERSPEKTIVEN DES GESAMTSYSTEMS:
Es gibt 4 zentrale (übergeordnete) Wahrnehmungsstufen des Hirns (in die jene des Subjekts eingebettet sind)! Es handelt sich um Funktionen, sie werden nicht als inhaltliche Informationen, sondern als Zustände bzw. als Kontraste zwischen Zuständen erlebt.
Würde man sie in semantische Informationen übersetzen, hätten diese allgegenwärtigen, sich in ihrer Intensität zyklisch abwechselnden und sich dabei in minimaler Stärke überlagernden Grundperspektiven folgende Inhalte oder „Aussagen“:
- „Ich existiere“
- „Ich befinde mich in einer (bestimmten) Situation“
- „Ich befinde mich in einem Ereignis bzw. einer sich verändernden Situation“ (und bin u.U. mit einer Entscheidung oder Handlungsaufforderung konfrontiert)
- „Ich habe verstanden“ / „Ich habe integriert“ (oder: „Ich habe die Entscheidung getroffen / die Aufgabe bewältigt“)
Ich wiederhole: Wir treten jetzt einen Schritt hinter den Beobachter, hinter die Selbst-Repräsentation bzw. das „ICH“! Diese Grund-Perspektiven sind keine Informationen, über die der Beobachter direkt verfügt oder die er generiert! Sie befinden sich im Gesamt-System und definieren den Zustand oder die Intentionalität des Beobachters im Vorfeld bzw. im Augenblick seines bewussten Erlebens. Der Beobachter beruft sich in seinem Wahrnehmen, Denken und Handeln unbewusst auf diese System-Empfindungen und integriert seine Erfahrungen im Kontext zur zyklischen Abfolge dieser Grund-Perspektiven!
Die Präsenz dieser Grund-Wahrnehmungs-Perspektiven erfolgt innerhalb zweier Achsen:
- Horizontale Achse: Damit ist die zeitliche Achse gemeint, also die wellenartige, abwechselnde Funktionsstärke bei grundsätzlich gleichzeitiger Aktivierung (und die damit einhergehende Kontrastwahrnehmung).
- Vertikale Achse: Damit ist die Achse der Impuls-Entstehung in tiefsten Schichten des Gesamtsystems und deren Ausdehnung bis in die expliziten Funktionsschaltkreise des ICH`s gemeint: Die „Eruptionswellen“ dringen (zeitversetzt) bis in die höheren Ebenen des bewussten Erlebens vor und knüpfen sich dort an Inhalte des bewussten Wahrnehmens und Erlebens.
ERSTE GRUND-PERSPEKTIVE: DAS EXISTENZ-GEFÜHL
Das Existenz-Gefühl resultiert primär aus Körperwahrnehmungen auf Empfindungsebene!
Viele interne Wahrnehmungssysteme befassen sich ausschließlich mit Körperwahrnehmungen, aus denen im Wesentlichen auch unsere Selbst-Wahrnehmung, unser Existenz- und Identitätsempfinden hervorgehen!
Da gibt es z.B. einen Regelschaltkreis, der den Blutzucker-Spiegel reguliert. Ein abfallender Blutzuckerspiegel lässt uns Hunger verspüren und wir werden uns darum bemühen, dem Körper Nahrung zuzuführen. Atmung, Herzschlag, Verdauung und Müdigkeit werden ebenfalls durch Hirn-Körper-Regelschaltkreise reguliert. Der neuronale Teil dieser Schaltkreise befindet sich im Stammhirn, dem verlängerten Rückenmark. Über diesen stammesgeschichtlich ältesten Teil des Hirns verfügen auch Reptilien, bei denen sie dieselben Aufgaben erfüllen.
Dieser Teil der Körperwahrnehmung, der dem Hirn Informationen über Organtätigkeiten bzw. Organfunktionszustände übermittelt, bezeichnet man als Viszerozeption.
Körperwahrnehmungen beziehen sich natürlich nicht allein auf vegetative Zustände und werden mitnichten nur im Stammhirn verarbeitet.
Die sog. Propiozeption ist jener Teil der selbst- und körperbezogenen Wahrnehmungen, der dem Hirn (natürlich auch unserem ICH) Auskunft über Körperbewegungen und die Lage des Körpers im Raum vermittelt.
Zahllose Propriozeptoren in sämtlichen Körpergelenken sorgen für eine starke Oberflächen- und Tiefensensibilität und vermitteln einem bestimmten Teil der Großhirnrinde (dem „Orientierungs-Assoziations-Areal“ oder einfach „OAA“) wo der Körper endet, wo die Außenwelt beginnt, in welcher Winkelstellung sich unsere Gelenke und wo sich somit unsere Gliedmaßen befinden. Zudem hat die Oberfläche eines jeden Körperteils im Neuralnetz des sog. „sensorischen Kortex“ der Großhirnrinde eine maßstabsverzerrte Entsprechung. Druck – und Temperatursensoren auf der Hautoberfläche (insbesondere auf Handflächen und Fußsohlen) geben im Zusammenspiel mit dem Gleichgewichtsorgan im Mittelohr präzise Auskunft über unseren Bodenkontakt oder unterstützen die Berechnung der optimale Griffstärke, um z.B. nach einer Tasse Tee zu greifen.
Der Wesentliche Aspekt der Existenzempfindung liegt in der Kontrast-Wahrnehmung! Ob ich einen hohen oder niedrigen Blutdruck habe, weiß ich i.d.R. überhaupt nicht! Das kurzfristige Ansteigen oder Abfallen eines niedrigen/hohen Wertes in die andere Richtung der Skala hingegen würde ich ziemlich sicher feststellen (etwa durch Schwindel, Übelkeit, Sehstörungen, u.a.).
VERSUCH EINER FALSIFIZIERUNG DES EXISTENZEMPFINDENS
Nachfolgendes Bild soll beispielhaft einen neuronalen Regelschaltkreis für Körperregulation darstellen. Sagen wir mal rein beispielhaft, es wäre das Regulierungssystem für das Sättigungsempfinden.
Abb.26: Einzelnes Regulierungssystem
Wenn der Blutzuckerspiegel fällt, gleitet der Schieberegler von der Mitte der Skala nach unten. Das Sättigungsempfinden steht auf Hunger. Dies wird der zuständigen Instanz im Hirn gemeldet (grüner Punkt). Diese veranlasst mich durch ein bewusstes Hungergefühl zur Nahrungsaufnahme. Mit zunehmendem Sättigungsgrad geht der Schieberegler daraufhin nach oben.
In nachfolgendem Bild sind 3 solcher Regulierungssysteme dargestellt, die funktional miteinander in Verbindung stehen.
Abb.27: verknüpftes Regulierungssystem
Diese Systeme arbeiten also nicht für sich allein, sondern treffen ihre „Entscheidungen“ auch infolge von Zustandsberichten der jeweils anderen Systeme. Sie kommunizieren direkt miteinander. Das wäre in etwa so, als würden Hunger- und Sättigungsempfindung nicht nur vom Insulinspiegel, sondern sagen wir zusätzlich auch von der momentanen Körpertemperatur, dem Ermüdungsgrad oder der Herzfrequenz abhängen (es geht hier nicht um Authentizität, ich versuche nur ein Beispiel zu kreieren!). Der Nachteil dieser Variante: Jedes System muss zu seiner eigenen Aufgabenbewältigung noch Informationen aus zwei weiteren Quellen integrieren.
Abb.28: Regulierungssystem mit Steuereinheit
In obigem Bild (Abb. 30) wurde der Mechanismus um eine Instanz (A) erweitert. Sie sammelt den Input aller 3 Systeme, wandelt diesen nach internen Regeln in eine einheitliche Größe um und beliefert die einzelnen Subsysteme mit einem vereinheitlichten Wert. Vorteil: Jedes System hat nur noch die Information aus einer (einzigen) zusätzlichen Quelle zu integrieren. Wir gehen dabei von folgendem Sachverhalt aus: Die unteren Systeme liefern ihre Informationen nicht gleichzeitig, sondern nacheinander an Instanz A! Sie erhalten hingegen ihren Steuerbefehl von Instanz A gleichzeitig in einem einzigen kurzen Impuls!
Zwischenkommentar: Eine „gewaltsame“ Begründung, wie völlig unterschiedliche Informationen (wie z.B. Körpertemperatur, Sättigung, Müdigkeit, Herzfrequenz, Atemfrequenz, etc.) in einen „einheitlichen Wert“ überführt werden könnten, könnte vielleicht so aussehen: Die Instanz A könnte einfach „nur“ prüfen, ob aktuell die Mehrzahl der einzelnen Subsysteme auf Erregung oder Hemmung geschalten ist und dann einen gegenteiligen Impuls an „Alle“ zurückschicken.
In folgendem Bild (Abb. 31) verändern wir den Mechanismus durch Hinzufügen einer weiteren Instanz (B), welche ihren Input von Instanz A bezieht und seine „Regelimpulse“ anschließend an die 3 unteren Systeme erteilt.
Abb.29: Regulierungssystem mit 2 Steuereinheiten
Wie gesagt: Die unteren Systeme sind zeitlich nicht gleich getaktet! Die Informationen mit denen Instanz A gefüttert wird, sind zeitlich korrekt, weil sie zwar nacheinander aber in „Echtzeit“ eintreffen. Die Information die Instanz B erhält, sind inhaltlich korrekt, weil sie den Gesamtzustand sämtlicher 3 Systeme repräsentiert. Dafür sind es aber keine „Echtzeit-Informationen“.
Hierzu eine kleine Analogie: Ein Hauptmann muss mit seinen Einheiten auf dem Schlachtfeld einen feindlichen Angriff abwehren. Es gibt 3 Frontabschnitte. In regelmäßigen Zeitpunkten treffen Kradmelder ein, die ihm die aktuelle Situation am jeweiligen Frontabschnitt schildern. Der Hauptmann steht vor folgendem Problem: Er kann auf jede Einzelinformation direkt reagieren und sofort Maßnahmen ergreifen. Der Nachteil: Er kennt die Gesamtsituation noch nicht. Er kann auch warten bis alle 3 Kradmelder nacheinander vorgesprochen haben und nun auf die Gesamtsituation reagieren. Der Nachteil: Zwischenzeitlich könnten sich am ersten Frontabschnitt die Ereignisse längst überworfen haben und eine angemessene Reaktion kaum noch möglich sein.
In folgendem Bild (Abb.32) wird der Gesamtmechanismus ein letztes Mal erweitert.
Abb.30: Rückkoppelndes Regulierungssystem mit 3 Steuereinheiten
Wir wissen: Die unteren Systeme liefern ihre Informationen nacheinander an Instanz A, wo sie gebündelt und vereinheitlicht werden. Über Instanz B erhalten sie anschließend gleichzeitig einen Steuerimpuls. Dies erfordert einige Zeit, da zwei Instanzen in diese Schleife integriert sind. Wir kennen das Problem des Hauptmanns aus obiger Analogie: Ist es besser, sofort auf eine Einzelinformation zu reagieren oder besser, mit einer unvermeidbaren Verzögerung auf die Gesamtlage zu reagieren?! Beides kann sich im Nachhinein als richtig oder falsch herausstellen!
Diese Schwachstelle wird von Instanz C teilweise kompensiert! Instanz B sendet – wie gehabt – ihren Output weiterhin an die tieferen Subsysteme, nun aber zusätzlich an Instanz C. Die Information, die C erhält, ist eine Art „Reflexion“ über den letzten inhaltlich vollständigen Zustandsbericht. Und dieser letzte Bericht geht nun in einer separaten Schleife wieder zurück an Instanz A, während ebendiese weiterhin und gleichzeitig die tatsächlichen Zustandsberichte der unteren Subsysteme in Echtzeit erhält. Die „Erinnerung“ des letzten inhaltlich vollständigen Lageberichts wird mit den neu eintreffenden Echtzeit-Einzelberichten zusammengefügt. Dadurch wird die Generierung eines neuen Gesamtberichtes erleichtert. Die Erinnerung der unmittelbaren Vergangenheit wird somit zur Prognose der unmittelbaren Zukunft und zusätzlich mit aktuellen Echtzeit-Informationen aus den unteren Systemen vereint. Das verhält sich in etwa so, als stünde unserem Hauptmann ein Adjutant zur Seite, der die Meldung eines jeden neu eintreffenden Kradmelders (betreffend einzelne Frontabschnitte) mit einer ergänzenden Bemerkung über die letzte bekannte Gesamtsituation kommentiert. Dieser Kreislauf entwickelt ein sehr erstaunliches Eigenleben: An verschiedenen Punkten dieses Mechanismus befinden sich Informationen in verschiedenen Zuständen: Einzel- oder Gesamtinformation, zeitlich oder inhaltlich korrekte Information, Erinnerung oder Zukunftsprognose. Sie alle beziehen sich auf dieselbe Sache, insbesondere aber auf sich selbst! Die Existenz unseres vermeintlichen „Selbst“, „Ich“ oder „Ego“ innerhalb unseres menschlichen Bewusstseins resultiert (sofern man eine übernatürliche Seele ausschließt) aus der Funktion reentrant rückkoppelnder Subsysteme, die auf sich selbst aufmerksam werden. Durch deren Überlagerung bildet sich eine Art Schwerpunkt, den wir für unser eigenes Selbst erachten! Das System erfindet sich selbst und bezeichnet sich als ICH! Allerdings nur, wenn wir in einem menschlichen Umfeld aufwachsen, eine Muttersprache erlernen und im Kleinkindalter mit autobiographischem Input gefüttert werden.
Das Existenzgefühl ist also eine der (hier postulierten) 4 elementaren Grund-Perspektiven, über die das Gesamt-System (weniger speziell das Subjekt) verfügt. In unserem alltäglichen Erleben stellt die Grundperspektive des Existenzempfindens „nur“ einen „Gesamtrahmen“ für unsere Selbst- und Umweltwahrnehmungen bereit. Ich erinnere noch einmal an das imaginäre Beispiel mit dem Indianer und den Großwildtieren, die wir unerwartet in unserem Büro vorfinden. Die Informationen, die durch die Existenzempfindung geliefert werden, entsprechen hierzu analog dem „Erschrecken“, der „reflexiven Resonanz“. Diese Perspektive sagt mir nur, dass ich existiere und dass es abgesehen von mir selbst noch andere Dinge bzw. eine Außenwelt oder „Gesamtwirklichkeit“ gibt, derer ich zugehöre!
Abb.31: Die dem Existenzempfinden entsprechende Grund-Perspektive stellt „nur“ den Gesamtrahmen des Erlebens bereit.
ZWEITE GRUND – PERSPEKTIVE: DIE WAHRNEHMUNG EINER SITUATION
Um mich herum gibt es eine Außenwelt. Sie betrifft im Grunde das ganze restliche Universum, alle Inhalte der physikalischen Realität außer mir selbst. Sinnigerweise erachtet man davon aber die Teilmenge an Objekten und Ereignissen als die „Äußere Gesamtsituation“ (ÄGS) die zu einem aktuellen Zeitpunkt X auf mich einwirkt (bzw. theoretisch einwirken könnte*) oder mit der ich in Wechselwirkung stehe (stehen könnte). Oder ganz salopp gesagt: sie entspricht meinem aktuell theoretisch größtmöglichen Wahrnehmungs- und Einflussbereich. Diesen zu konkretisieren ist kaum möglich. Die Sonne z.B. ist 7 Lichtminuten (d.h. 126 Millionen Kilometer) von mir entfernt. Bei nicht geschlossener Wolkendecke kann ich sie mühelos sehen. Die Katze, die unter dem Sofa liegt, auf dem ich gerade sitze, hingegen nicht.
*)= ein Vogel, der in 500 Metern über mir fliegt, könnte zufällig sterben und mir auf den Kopf fallen. Das dies wirklich geschieht ist natürlich immens unwahrscheinlich.
Abb.32: Die äußere Gesamtsituation (ÄGS) beinhaltet alles, was sich innerhalb eines Augenblickes innerhalb meines theoretisch größtmöglichen Wahrnehmungsraumes befindet. Fernerhin auch alles, was tatsächlich auf mich einwirkt oder mit mir in Wechselwirkung steht. Die ÄGS ist also physisch-real!
Ich selbst wiederum verfüge über einen inneren Gesamtzustand oder eine innere Gesamtsituation (IGS), mit der ich mich augenblicklich innerhalb einer aktuellen äußeren Gesamtsituation (ÄGS) befinde.
Abb.33: Das Erleben der äußeren Gesamtsituation erfolgt unter den Bedingungen einer inneren Gesamtsituation heraus.
Innerhalb meiner inneren Gesamtsituation (also dem Milieu meiner Gefühle, Stimmungen, Gedanken, etc.) befindet sich wiederum eine Repräsentation, eine Abbildung der (realen, physikalischen) äußeren Gesamtsituation. Sie spiegelt alle Inhalte der äußeren Gesamtsituation wider, die ich aktuell wahrnehme. Allerdings abzüglich jener Dinge, die ich infolge biologischer und psychologischer Filter oder schlichtweg aufgrund Kapazitätsmangels nicht erfassen kann und zuzüglich von Inhalten, die ich gedanklich bzw. durch reine Vorstellung in diese Repräsentation der ÄGS hineinprojiziere (im Extremfall Halluzinationen).
Abb.34: Innerhalb der inneren Gesamtsituation befindet sich eine Repräsentation der äußeren Gesamtsituation. Es handelt sich um eine Information über die physische (mich augenblicklich umgebende) Gesamtwirklichkeit, erweitert um gedankliche Projektionen und reduziert um Dinge, die meiner Wahrnehmung aus irgendwelchen Gründen entgehen.
Meine innere Gesamtsituation (IGS) wird auf zweierlei Art von außen beeinflusst: Zum einen gibt es in der äußeren Gesamtsituation Sachverhalte, die mich direkt beeinflussen, und zwar unabhängig davon, ob ich sie bewusst erlebe oder wahrnehme! Wenn jemand von hinten einen Stein auf mich wirft (und trifft), wird sich meine innere Gesamtsituation infolge der Trefferwirkung verändern. Ich habe den Steinwerfer und sein Geschoß in diesem Fall nicht gesehen oder anderweitig wahrgenommen. Wenn ich hingegen sehe, dass jemand einen Stein auf mich werfen will, wird sich meine innere Gesamtsituation ebenfalls verändern. Diesmal nicht unmittelbar infolge eines Treffers, sondern infolge einer Wahrnehmung die sich innerhalb der Repräsentation (des inneren Abbildes) der äußeren Gesamtsituation widerspiegelt. Das heißt: Sowohl die tatsächliche äußere Gesamtsituation als auch die Repräsentation der äußeren Gesamtsituation beeinflussen meine innere Gesamtsituation.
Konsequenterweise müsste man hier, analog zur Gegenüberstellung von (realer) ÄGS und repräsentierter ÄGS auch zwischen einer realen inneren Gesamtsituation und einer bewusst wahrgenommen und erlebten IGS unterscheiden. Davon soll an dieser Stelle aber abgesehen werden.
Inhalte des inneren Erlebens und (der Repräsentation) der äußeren Gesamtsituation können sich grundsätzlich parallel und unabhängig voneinander verändern, vergleichbar mit Zügen, die auf verschiedenen Gleisen nebeneinander herfahren.
Ich kann nacheinander an verschiedene Dinge denken und dabei gleichzeitig eine Abfolge verschiedener Ereignisse in der Außenwelt wahrnehmen oder erleben, ohne dass sich die jeweiligen Inhalte nennenswert beeinflussen bzw. gegenseitig bedingen oder ausschließen. Ich denke z.B. gerade an Einzelheiten meiner nächsten Urlaubsplanung. Gleichzeitig sehe ich (beiläufig im Vorübergehen), wie ein Baum im Stadtpark von Bauarbeitern umgesägt wird.
Inhalte der inneren Gesamtsituation (IGS) und Inhalte der Repräsentation der äußeren Gesamtsituation können sich aber auch wechselseitig beeinflussen, in Abhängigkeit zueinanderstehen, sich sogar gegenseitig kausal bedingen, verdrängen oder ausschließen.
Würde der o.g. Baum, der gerade gefällt wird, plötzlich in meine Richtung fallen, würden kognitive Vorgänge, die sich auf Inhalte des inneren Erlebens beziehen (in diesem Fall die Urlaubsplanung) abrupt unterbrochen und ich würde nur noch auf das Ereignis in der äußeren Situation reagieren (um im konkreten Fall zu verhindern, vom Baum getroffen zu werden).
Es hätte aber auch sein können, dass mich das Baumfällen „einfach nur so“, also „zufällig“ interessiert hätte, ich meine Gedanken an den Urlaub also ohne „logischen“ Anlass unterbrochen und einfach „zufällig“ den Arbeitern zugesehen hätte. Warum wurden in diesem Fall meine inneren Wahrnehmungs- und Erlebensprozesse von Inhalten der äußeren Gesamtsituation (genauer gesagt deren Repräsentation) verändert oder unterdrückt?
Es gibt subtile und diskrete „Zeitfenster“, innerhalb derer das Gehirn Ist-Zustände, sowohl der aktuellen repräsentierten äußeren als auch der (funktionalen) inneren Gesamtsituation definiert, also deren Durchlässigkeit und Inhalte reguliert und gegeneinander abgrenzt. Dies geschieht nicht auf Grundlage inhaltlich-logischer Prinzipien, sondern infolge einer rein zeitlichen Taktung!
Ein Beispiel: Ich befinde mich im Getümmel der Fußgängerzone einer Großstadt. Zahllose Einzelereignisse vollziehen sich unentwegt um mich herum und ich erkenne lauter kleine, zusammenhangslose (oder doch zusammenhängende?) Situationen. Eine Frau und ein Kind verlassen nebeneinander ein Kaufhaus – ich unterstelle spontan und vorbewusst eine Mutter-Tochter-Beziehung zwischen den Personen. Vor einem Geschäft stehen zwei Teenager dicht beieinander – ich vermute es handelt sich um ein Liebenspärchen, dass gleich zum Kuss ansetzen wird. Diese spontanen Interpretationen können durchaus falsch sein. Hätte ich das kleine Mädchen und die Frau etwas länger beobachtet, hätte ich sehen können, dass sich ihre Wege trennen und sie nur zufällig ein paar Schritte nebeneinander hergelaufen sind. Ebenso gut kann der Teenager die Teenagerin nur nach dem Weg gefragt haben. Vielleicht waren sie auch gar nicht so jugendlich für wie ich sie unbewusst infolge der Frisuren, der Kleidung o.ä. erachtet habe?! Hätte sich meine bewusste Aufmerksamkeit auf die Personen gerichtet, hätte ich nach weiteren Beobachtungen mglw. einen völlig anderen „Eindruck“ gewonnen. Es hätte aber schon gereicht, die Personen nur eine Sekunde früher oder später wahrgenommen zu haben, um einen anderweitigen bewussten Eindruck über dieselben zu erlangen!
Die Personen befanden sich im Bereich der Hintergrundwahrnehmungen und diese wiederum definiere nicht ich – der Beobachter, das tut mein Gehirn, indem es Inhalte und Strukturen der äußeren und inneren Gesamtsituation festlegt (also entsprechende Zeitfenster öffnet und schließt) und kurzfristig gegeneinander abgrenzt. Das Öffnen und Schließen der situations-generierenden Zeitfenster reguliert bzw. definiert natürlich nicht allein den Grad an Bewusstheit von Wahrnehmungsinhalten. Dieser Prozess „entscheidet“ auch darüber, ob mich zu einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt etwas Bestimmtes „zufällig“ interessiert oder eben nicht!
Wie kann man sich diesen Prozess vorstellen?! Die einfachste mögliche Aussage hierzu wäre: Das Hirn verschiebt zyklisch abwechselnd die IGS und die Repräsentation der ÄGS in den Hintergrund!
Der „Hintergrund“ ist ein Sammelarchiv im Echtzeitspeicher (Arbeitsgedächtnis) in denen die Eigenschaften der temporären Inhalte tendenziell „irrelevant“, der funktionale Modus der beteiligten Wahrnehmungssysteme hingegen von Bedeutung sind.
Der „Vordergrund“ ist der dynamisch-aktive Arbeitsraum, in denen i.d.R. wenige Inhalte infolge ihrer verschiedenen, hier mit Relevanz versehenen Eigenschaften, differenziert wahrgenommen und zueinander in Bezug gesetzt werden.
Das Gehirn entscheidet sich im Strom der Zeit für verschiedene „Attraktoren“ für die Identifikation des phänomenalen Selbst“, also für Prozesse und/oder Inhalte, welche durch das phänomenale Selbst okkupiert, mit ihm gleichgesetzt werden. Ein Attraktor kann immer nur in einem Bereich liegen, also innerhalb der Repräsentation der ÄGS oder innerhalb der IGS. Der Begriff des phänomenalen Selbst bezeichnet, wie an anderer Stelle schon erwähnt die akute Selbst-Identifikation mit einem Wahrnehmungs- oder Erlebensprozess.
In folgender Abbildung sehen wir einen Überlagerungszustand zwischen der ersten Grundperspektive (Existenzempfindung) und der zweiten Grundperspektive (Situationsempfindung). Erstgenannte Perspektive erzeugt den „Gesamtrahmen des Erlebens“, die zweite generiert Inhalte der ÄGS und IGS, formt sie aus und grenzt sie gegeneinander ab.
Abb.35: Die dem Situationsempfinden entsprechende Grund-Perspektive „befüllt“ den Gesamtrahmen des Erlebens (generiert durch „Existenz-Perspektive“) mit konkreten Inhalten (Objekte, Personen, etc.).
DRITTE GRUND-PERSPEKTIVE: DAS ERKENNEN EINES EREIGNISSES ODER DIE WAHRNEHMUNG EINER ENTSCHEIDUNGS-/HANDLUNGSAUFFORDERUNG
Dem empfundenen Wissen um die eigene Existenz und dem Erkennen einer äußeren Gesamtsituation, die im Rahmen einer inneren Gesamtsituation erlebt und dort repräsentiert wird, fügt sich mit der Aktivierung dieser dritten Grund-Perspektive die Information um die Veränderung vorhandener Repräsentationen oder das Empfinden einer Entscheidungssituation hinzu.
Oftmals werden wir durch äußere Umstände oder andere Personen in konkrete Aufgaben- und Entscheidungssituationen gebracht. Wenn sich ein Auto mit hoher Geschwindigkeit dem Zebrastreifen nähert, den ich gerade überqueren will, muss ich meine Schrittfolge beschleunigen. Delegiert mein dienstlicher Vorgesetzter eine Aufgabe an mich weiter, muss ich zusehen, wie ich eine Lösung herbeiführe.
Auch aus spontanem, innerem Antrieb ergeben sich „Aufgaben“. Mitunter kann ein spontaner, unbewusster Impuls mein Interesse an irgendein Thema binden und zu einer kognitiven Auseinandersetzung damit führen.
Sehr häufig aber haben wir auch gar keinen äußeren oder inneren Anstoß für eine bestimmte Aufgabe oder Entscheidung. Dennoch haben wir unablässig eine Empfindung dafür, was bzw. ob wir überhaupt was denken, planen, entscheiden oder tun sollen!
Die „Bedeutung“ der uns umgebenden Wirklichkeit hängt im makroskopischen Maßstab stark mit unserer Intentionalität oder unseren konkreten Motiven und Absichten zusammen! Wie komplex oder intensiv ich etwas wahrnehme, in welche Bezugssysteme und Kontexte ich die Sache gedanklich einordne usw. – alles steht mit meiner (ggf. unbewussten) Intention oder meinen bewussten, willentlichen Motiven und Wertigkeitskategorien in Verbindung. Dass wir prinzipiell nicht über längere Zeiträume in einen völligen interessens- und motivationslosen Zustand geraten können, hängt mit der Tatsache unserer körperlichen Bedürfnisse zusammen! Ggf. definiert das Hirn auf unbewusster Ebene irgendwelche „Minimalkriterien“ in Bezug auf Überlebensvorteile oder Lustgewinn und somit „Interesse“ bzw. „Motivation“ gegenüber wahrgenommenen Inhalten.
Aber was ist die geringste Ursache, was sind die kleinsten Schritte, in denen sich die Empfindung von „Interesse“ oder das Bewusstsein einer Entscheidungs- bzw. Handlungsaufforderung ausformt?
Ein Gedanken-Experiment:
Ich stehe in einem Raum von der Größe eines gewöhnlichen Zimmers. Ich weiß, dass diesem Raum viele andere, in Bezug auf Größe und Struktur grundsätzlich identische Räume folgen, die jeweils durch einen schmalen Durchgang (symbolisch: „Flaschenhals“) miteinander verbunden sind. In diesen Räumen befinden sich verschiedene Werkzeuge, die im jeweils nachfolgenden Raum zur Lösung einer dortigen Aufgabe benutzt werden müssen. Es wechseln sich also immer ein Raum mit Werkzeugen und ein Raum mit einer zu lösenden Aufgabe ab. Erst nachdem ich eine Wahl getroffen habe, welche Werkzeuge ich mitnehme, darf ich den nächsten Raum betreten und ebenso muss erst die dort bestehende Aufgabe gelöst (oder deren Unlösbarkeit akzeptiert) werden, ehe im übernächsten Raum neuerlich Werkzeuge ausgewählt werden, usw. Entscheidend ist, dass man immer nur in einem Raum Handlungen ausführen kann und sich nicht zurückbewegen darf! Es gibt also keine neuen Versuche in vergangenen Situationen, sondern immer nur fortwährend neue Situationen!
Nehmen wir an, vor mir lägen eine Schere, ein Hammer, ein Nagel und eine Zange. Wenn ich nun wüsste, dass im nächsten Raum ein Bild an der Wand befestigt oder aber ein Papierschiff gebastelt werden soll, dann wäre die Wahl einfach! Für den Fall, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, welche Aufgabe mich erwartet, wäre es besser, möglichst viele bzw. alle Werkzeuge mitzunehmen. Habe ich hingegen eine überaus konkrete Vermutung (oder Gewissheit) was mich erwartet, wäre es besser, möglichst wenige oder bestenfalls nur ein einziges, dafür aber optimal passendes Werkzeug mitzuführen.
Weiteres Gedankenexperiment:
Nehmen wir an wir befänden uns in einem beruflichen Einstellungstest, bei dem unsere Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit getestet werden soll. Wir sitzen vor einem Bildschirm auf dem fünf Minuten lang geometrische Figuren erscheinen und über irgendeinen Rand des Bildschirms hinaus wieder verschwinden. Die erste Aufgabe lautet, die grünen Dreiecke zu zählen. Das ist recht einfach und ich kann die roten Kreise, gelben Quadrate und blauen Ellipsen, die ebenfalls erscheinen, umgehend ignorieren. Bestünde die Aufgabe darin, sämtliche Formen nach Art und Anzahl zu benennen, sähe es anders aus. Die gleiche äußere Situation wird infolge einer komplexeren Aufgabenstellung viel anspruchsvoller und ich kann keine der einzelnen Wahrnehmungsinhalte einfach so ignorieren. Eine Steigerung bestünde in der Aufforderung, Regeln zu erkennen, in deren Abhängigkeit bestimmte Objekte auftauchen. Vielleicht taucht ein grünes Dreieck immer dann auf, wenn ein gelbes Quadrat im oberen Rand des Bildschirms verschwindet, vielleicht wechseln sich die Formen auch einfach nur reihum ab, vielleicht ist die Regel viel komplizierter und ich muss über einen längeren Zeitraum eine ganze Serie an einzelnen Ereignissen beobachten, im Gedächtnis behalten und vergleichen. Ich könnte sogar die Ebene der Betrachtung wechseln und hinterfragen, ob es in Wirklichkeit gar keine Regel gibt und der Prüfer lediglich herausfinden will, wie lange ich mich auf den Arm nehmen lasse?!
Während wir so durchs Leben gehen, „sagt“ uns unser Gehirn unentwegt (oder gibt uns ein „Gefühl“ dafür), wie „wichtig“ oder „unwichtig“ manche Dinge sind, die wir wahrnehmen und wir greifen mit unseren kognitiven Apparaten ständig nach irgendwelchen mentalen Werkzeugen, lassen sie mal spontan, mal nach kürzerem oder längerem Nachdenken wieder fallen!
Dabei spielt es zum einen eine Rolle, ob wir gerade über ein bewusstes und langfristiges Handlungskonzept verfügen (das Abitur in 2 Jahren bestehen zu wollen, ist ein dauerhaftes Meta-Konzept, das auch die Wertigkeit verschiedener Dinge justiert), oder aber nur eine sehr flüchtige und unbewusste Intention haben.
Aber woher „wissen“ wir, was wir tun sollen, was uns erwartet und warum manche Dinge weniger wichtig und andere hingegen weitaus wichtiger (zumindest jedenfalls interessanter) sind oder sein könnten??! Rein theoretisch könnte ich einen ganzen Tag, eine ganze Woche oder einen ganzen Monat darüber nachgrübeln, ob ich z.B. eine alte Zeitung wegwerfen oder sie über weitere Jahre hinweg aufbewahren soll!
Wenn ich mich als bewusster Beobachter mit irgendwelchen Dingen auseinandersetze, sie analysiere und Entscheidungen treffe, kann ich mich im Prinzip in jede X-beliebige Richtung „bewegen“, an verschiedenen Entscheidungspunkten beliebig lange verweilen, mal weiter und mal weniger weit vorausplanen und wahlweise eine höhere oder geringere Anzahl an Parametern in die jeweiligen Denkvorgänge einbeziehen (wie im Gedankenexperiment mit dem Einstellungstest, bei dem dieselbe äußere Situation nach unterschiedlichen Kriterien behandelt werden kann).
Die untere Abbildung soll die „Entscheidungsfreiheit“ darstellen: Ich kann mich auf bewusster Ebene von irgendeinem (mentalen) Standpunkt aus in irgendwelche Richtungen fortbewegen und mich – je nach Belieben – auch wieder zum Ausgangspunk zurückbewegen.
Abb.36: Ich kann mich als Beobachter (kognitiv und natürlich auch in Form einer realen räumlichen Fortbewegung) in jegliche Richtungen bewegen und auch wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren.
Das Gesamtsystem jenseits des Bewusstseins und des Beobachters jedoch liefert in regelmäßigen zeitlichen Intervallen den Impuls bzw. die Information, sich in einer „Entscheidungssituation“ zu befinden. Das System kennt in diesem Bezug nur zwei Zustände: Es kann „sich“ als eine „ruhende“ Einheit wahrnehmen, oder aber als eine Einheit in einer Entscheidungssituation. Ich erinnere nochmals an die aneinander gereihten Räume in denen sich abwechselnd Werkzeuge und zu lösende Aufgaben befinden. Das Gesamtsystem durchschreitet also in einer nach internen Gesetzen definierten zeitlichen Taktfolge diese Räume. Es gibt nur eine Bewegungsrichtung und keine Rückkehr zu einem Ausgangspunkt!
Abb.37: Das Gesamtsystem wechselt seine Zustände ständig zwischen den Polen „Einheit in Ruhe“ oder „Einheit in einer Entscheidungssituation“.
Wie kann aber innerhalb der subjektiven Perspektive des Beobachters etwas völlig anderes geschehen als innerhalb der tieferen Meta-Perspektiven des Gesamtsystems? Meine realen Entscheidungsprozesse sind kompliziert, dauern verschieden lange, beziehen unterschiedlich viele Einzelinformationen und abzuwägende Kontexte mit ein! Wenn ich einen 3-stündigen Film in Kino ansehe, wird über das ganze Zeitfenster hinweg keine Entscheidungssituation eintreten. Diskutiere ich hingegen angeregt mit einem Gebrauchtwagenhändler über einen Kaufvertrag, werde ich diese Entscheidungssituation nicht „zufällig“ nach X Minuten des Nachdenkens unterbrechen.
Der Impuls, der die dritte Grundperspektive erzeugt, färbt sämtliche Repräsentationen im Aktualbewusstsein bzw. Arbeitsgedächtnis auf identische Weise ein. Die Resonanz der einzelnen Repräsentationen ist aber durchaus unterschiedlich, vergleichbar mit realen Objekten, die infolge unterschiedlicher Eigenschaften wie Lichtdurchlässigkeit, Luftwiderstand oder die Temperaturleitfähigkeit verschieden auf den gleichen äußeren Einfluss reagieren! Der Impuls regt also die Repräsentationen auf grundsätzliche Art an, sich in eine Entscheidungs-Konstellation zu begeben. Diese Wirkung muss sich im bewussten Erlebensprozess aber nicht einstellen, wenn in der realen Situation keine Prädestination dafür vorliegt bzw. die aktuellen Repräsentationen insgesamt keine Resonanz zeigen!
Sowie die Räume für die ÄGS und der IGS (s. Ausführungen zur zweiten Grund-Perspektive oben) nicht „unendlich“ befüllt werden können und sich außerdem innerhalb der beiden „Räume“ nicht (gleichzeitig) „stabile Dominanzen“ oder „gleichwertige Attraktoren“ für die Okkupation durch das phänomenale Selbst herausbilden dürfen, so muss auch verhindert werden, dass eine tatsächliche reale Entscheidungssituation „unendlich“ anschwillt – oder umgekehrt – trotz vorliegenden Bedingungen erst gar keine Entscheidungssituation eintritt!
Der Wechsel an Grund-Perspektiven führt häufiger zu einer neuen Skalierung oder Partitionierung des Wahrnehmungsraumes als zu einem umfänglichen Wechsel der Inhalte.
Die eintretende Wirkung kann völlig subtiler Natur sein, z.B.:
- Wechsel des Wahrnehmungsschwerpunktes
Abb.38,39: scheinbar „zufällig“ nehme ich anstatt Objekt X das Objekt Y „vordergründiger“ wahr.
- Ausbildung prä-kognitiver Assoziationspfade
Abb.40,41: scheinbar „zufällig“ vermute ich eine „Bedeutung“ des Objekts, empfinde Anregung zu einer stärkeren oder schwächeren, naheliegenderen oder abstrakteren Assoziation
- Verbindung zwischen koexistenten Repräsentationen
Abb.:42,43: scheinbar „zufällig“ wähne ich (die etwaige Möglichkeit von) Zusammenhänge zwischen gleichzeitig wahrgenommenen Inhalten
- Abgrenzung oder Gruppierung von bzw. zwischen koexistenten Repräsentationen
Abb.44, 45: scheinbar „zufällig“ wähne ich eine abstrakte Zusammengehörigkeit bzw. Abgrenzung zwischen gleichzeitig wahrgenommenen Inhalten
Folgende Abbildung stellt die funktionale Überlagerung der ersten drei von den erwähnten vier Grund-Perspektiven dar. Die dritte Perspektive (Ereignis- oder Entscheidungsempfinden) lässt uns innerhalb des Gesamtwahrnehmungsfeldes (Existenzempfinden) und konkreter Inhalte (Situationsempfinden) eine eigene mentale Position und eine „Aufgabe“ oder „Entscheidung“ im weitesten Sinn erkennen.
Abb.46: Die dritte System-Grundperspektive lässt uns innerhalb einer wahrgenommenen Situation eine Entscheidungsaufforderung erkennen.
VIERTE GRUND-PERSPEKTIVE: DIE INTEGRATION EINER VORAUSGEGANGENEN ERLEBENS-SEQUENZ
Diese Grund-Perspektive des Gesamtsystems (nicht explizit des Beobachters) schließt eine Erlebens-Sequenz ab. Anschließend wird die erste Grund-Perspektive, nämlich jene des Existenz-Empfindens, wieder aktiviert. Natürlich hat mein Gehirn zwischenzeitlich nicht „vergessen“ das es existiert. Das Existenzgefühl wird aber „upgedatet“! Neue körperliche Zustandsberichte ersetzen die vorherigen.
Bleiben wir aber erstmal bei dieser vierten Grundperspektive. Wie kann eine Erlebens-Sequenz „abgeschlossen“ werden? Die einfachste Aussage wäre: Das Gehirn bestimmt, dass die betreffende Gesamtsituation jetzt Vergangenheit ist! Hierzu müssen aus einer zunächst koexistent bestehenden inneren und äußeren Gesamtsituation eine generelle (vollendete) Gesamtsituation gebildet werden, damit im nachfolgenden Aktivierungszyklus der anderen Grund-Perspektiven eine neue Ausdifferenzierung zwischen innerer und äußerer Gesamtsituation erfolgen kann.
Oder salopp gesagt: Die Zukunft kann erst auf der Ebene einer (vollendeten) Vergangenheit beginnen.
Es gibt noch eine andere Art von Vergangenheit, die „determinierte“ („vorherbestimmte“ oder zumindest als solche empfundene) Zukunft. Darauf soll an anderer Stelle noch näher eingegangen werden.
Die Funktion der 4.Grundperspektive des Erlebens ist zwingend nötig, um das Arbeitsgedächtnis oder das Bewusstsein schlechthin vor „Überfüllung“ zu schützen.
Nachfolgende Abbildung veranschaulicht die Überlagerung sämtlicher 4 Grund-Perspektiven, über die das Gesamtsystem im Rahmen der hier geäußerten Hypothesen verfügen könnte:
Abb.47: Die vierte Grundperspektive („Abschluss einer Erlebenssequenz“) in blauer Farbe vereinheitlicht oder bündelt sämtliche Inhalte und ermöglicht deren Integration innerhalb nachfolgender Erlebenssequenzen.
DIE AKTIVITÄT DER UNIVERSALEN GRUND-PERSPEKTIVEN DES SYSTEMS NOCH EINMAL IM SCHNELLDURCHLAUF:
Die erste Grundperspektive beinhaltet das Existenzempfinden und generiert den äußeren Gesamtrahmen des Erlebens.
Der „Rahmen“ steht für eine „banale“ Trennung des fiktiven „ICH“ vom „Rest der Welt“.
Abb.48: Existenzempfindung
Die zweite Perspektive überführt eine wahrgenommene „äußere Gesamtsituation“ als repräsentiertes Abbild in die „innere Erlebens-Gesamtsituation“ des Subjekts. Es spiegelt Objekte und Inhalte der Umwelt und grenzt innere und äußere Gesamtsituation bei wechselnder Durchlässigkeit zyklisch gegeneinander ab.
Abb.49: Situationserleben
Die dritte Perspektive induziert die Empfindung eines dynamischen Ereignisses oder einer Aufgabenstellung bzw. einer Entscheidungssituation und reguliert die „Intentionalität“ des Beobachters.
Abb.50: sich veränderndes Ereignis oder Entscheidungssituation
Die vierte Perspektive (symbolisiert durch den äußeren, gelb markierten Rand) beendet eine Erlebenssequenz, indem sie alle bisherigen Inhalte in einer Gesamtsituation vereint. Aus einer gegenwärtigen („aktiven“, „veränderlichen“) wird nun eine vergangene oder zumindest determinierte („statische“, „unveränderliche“) Situation („Vergangenheit“ und „determinierte Zukunft“ sind gewissermaßen dasselbe, wie noch gezeigt werden soll). Aus dem fiktiven „Hier und Jetzt“ wird ein „Vorher und Nachher“.
Abb.51: Integration, „Abschluss“ einer „Erlebenssequenz“
Würde der hier angenommene Wechsel an verschiedenen Grundperspektiven – so er mit der Wirklichkeit übereinstimmt – nicht eine zu starke Determinierung unseres geistig-mentalen Erlebens bedeuten! Wie könnte sich mein Geist so scheinbar „frei“ allen möglichen Inhalten zuwenden, wenn die inneren Erlebensprozesse von sehr kurzen, impulsartigen Zyklen vorangetrieben und durch deren Abfolge auch determiniert werden?!
In der Tat werden wir unentwegt sehr stark determiniert. Viele denkbaren Folge-Wahrnehmungen und Folge-Assoziationen einer gewissen, perspektivisch determinierten Erlebens-Situation können nicht eintreten. Allerdings führen jene Pfade, die sich „zufällig“ verwirklichen, nicht in Sackgassen, sondern in anderweitige innere Erlebens-Situationen, die ihrerseits einen „Streukreis“ an theoretisch denkbaren Folgezuständen und -inhalten aufweisen. Untere Abbildung zeigt 3 verschiedene Pfade, die sich von einem gemeinsamen Zentrum ausgehend verzweigen (rot, blau und grün). Die kleinen Hügel, an denen die Pfade vorbeiführen, können nur gesehen werden, wenn man den jeweiligen Pfad abschreitet. Die großen gelben Berge hingegen können aus jeder räumlichen Position der dargestellten Landschaft gesehen werden.
Abb.52: Möglichkeitspfade
– Es ist „Zufall“, dass ich manche Dinge überhaupt bzw. in einer bestimmten (nämlich der realisierten) Form wahrnehme.
– Die Wahrnehmung universeller Wirklichkeitsinhalte, die Bildung zentraler Ordnungs- und Wertigkeitskategorien sowie das Erkennen einiger grundsätzlicher philosophischer Probleme hingegen ist Gewissheit, weil praktisch „alle Wege dorthin führen“ (müssen)!
Die Abfolge der o.g. „Grundperspektiven des Systems“ (nicht explizit des Subjekts) gewährleisten also „Sinngehalt“ und Dynamik jeglichen Selbst- und Wirklichkeitserlebens!
INTENTIONALITÄT, SELBSTWERTGEFÜHL UND MORAL
DER MORAL-BEGRIFF
Im klassischen Sinn hat Moral etwas mit Gewissen, Aufrichtigkeit, sozialverträglichem Verhalten, Verantwortungsgefühl, also summarisch mit der Ethik (und ggf. Empathie) zu tun! Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff allenfalls auf das Gebiet der Motivation/Stimmung ausgedehnt, etwa im Sinne von: „die Moral der Truppe“ sei gut oder schlecht. Ich denke, es gibt einen weitaus größeren Kontext!
Betrachten wir vorab den Begriff des sog. „Selbstwertgefühls“ (nachfolgend als SWG bezeichnet). In jedem Augenblick meines (Er)-lebens, habe ich eine empfundene Vorstellung über den „eigenen Wert“. Zumeist handelt es sich um ein eher beiläufiges, die allgemeinen (Körperzustands)-empfindungen ergänzendes Substrat, dessen wir uns nicht bewusst sind, so wie wir analog dazu auch einen normalen Blutdruck, eine gesunde Verdauung oder eine normale Atmung nicht bewusst registrieren. In manchen Fällen kann das SWG aber sehr penetrant und vordergründig erlebt werden! Wenn ich z.B. beleidigt werde oder einen schweren Fehler begehe (und in beschämender Weise dafür kritisiert werde), spüre ich mein SWG so deutlich wie eine Magenverstimmung, einen extrem hohen Blutdruck, einen unregelmäßigen Herzschlag, eine akute Reizdarmsymptomatik oder akute Atemnot.
Das SWG kann als eine geschlossene Einheit erlebt werden! Es gibt aber Situationen, in denen es sich aufdröselt und selektiv aus nur einem oder zwei von insgesamt drei denkbaren Gesamtfaktoren zu bestehen scheint, die ich nachfolgend als „Komponenten“ des SWG bezeichne.
Die Komponenten des Selbstwertgefühls (SWG)
AKZEPTANZ:
Akzeptanz bezeichnet den Grad, in dem sich ein Subjekt selbst anerkennt und respektiert („inneres Bezugssystem“) bzw. von seinem sozialen Umfeld anerkannt und respektiert wird („externes Bezugssystem“).
Auf einer Skala für die Akzeptanz lägen Geringschätzung, Verachtung, Hass, etc. auf der Seite mit negativem Vorzeichen („links der Null“ – wenn wir an einen Zahlenstrahl aus dem Mathematikunterricht denken). Sie führt über einen neutralen Punkt (die Null) in positive Skalenwerte, beginnend mit „gewöhnlichem Respekt“, ansteigend bis hin zu den positiven „Extremwerten“, nämlich „Liebe“ und „Bewunderung“.
Abb. 53: „Sinnbild für Akzeptanz“
„Ich fühle mich respektiert, anerkannt, geliebt“. Mein Selbstwertgefühl beruht vorrangig auf meinen sozialen Kontakten und der Wertschätzung, die ich in ihnen erfahre.
Gesteigerte oder „pathetische“ Form: „Ich muss unbedingt beliebt sein, bin auf Zuneigung angewiesen und würde, um diese zu erhalten, ggf. auch Handlungen ausführen, die meinen eigenen Einstellungen und meinem Gewissen widersprechen!“
LEGITIMITÄT:
Legitimität bezeichnet den Grad, in dem sich ein Subjekt berechtigt fühlt, zu leben und zu handeln. Damit ist auch die subjektive Vorstellung von der eigenen „Macht“ (Kontrolle, Einfluss) gemeint. Der Bewusstseinsfaktor Motivation korrespondiert mit der Empfindung der eigenen „Legitimität“. Eine hohe empfundene Legitimität bezeichnen wir als „Selbstsicherheit“ (Selbstzweifel hingegen sind das Ergebnis mangelnder Legitimität)!
Abb.54: Sinnbild für „Legitimität“
„Ich kann das, mache das, schaffe das! Mein Selbstwertgefühl beruht vorrangig auf meinem Kompetenz- und Machtgefühl!“
Gesteigerte oder „pathetische“ Form: “Meine Interessen und Bedürfnisse sind das Wichtigste, wenn nötig, setze ich mich zu ihrer Befriedigung auch über moralische Regeln und das Wohlergehen anderer hinweg!“
INTEGRITÄT:
Integrität bezeichnet die innere Neigung oder Bereitschaft, sich an gesellschaftliche (ethische, moralische und gesetzlich-rechtliche) Regeln und Normen zu halten! Das sog. „Gewissen“ ist umso ausgeprägter, je stärker der Faktor Integrität in der (Selbst)-wahrnehmung des Subjekts verankert ist!
Abb.55: Sinnbild für „Integrität“
„Ich halte mich an Regeln und Gesetze! Mein Selbstwertgefühl beruht vorrangig auf meinem (reinen) Gewissen!“
Gesteigerte oder „pathetische“ Form: „Lieber bin ich freiwillig Opfer, als ein (auch berechtigtes und begründetes Interesse) energisch einzufordern oder zu verteidigen!“
Der Faktor „Legitimität“ (also die gefühlte Berechtigung, zu leben und zu handeln) ist derjenige, dessen Bedeutung im Sinne vorliegender Überlegungen am weitesten vom „klassischen“ Moralbegriff abweicht! Es geht hier nämlich nicht um formale Berechtigung (etwa in dem Sinne, wie mich ein Führerschein zum Auto fahren berechtigt), sondern um Selbstermächtigung (ggf. auch jenseits einer formalen oder ethischen Grundlage).
Jegliches menschliche Handeln vollzieht sich im Spannungsfeld zwischen einem (tendenziell passiven) Sicherheits- und einem (tendenziell aktiven oder „aggressiven“) Machtstreben.
Menschen mit einem sehr starken Legitimitätsempfinden streben eher nach“ Macht“, ihr Selbstwertgefühl geht überwiegend aus dem Grad ihrer (vermeintlich oder realen) Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten hervor. Menschen mit eher niedrigem Legitimitätsempfinden streben demgegenüber eher nach „Sicherheit“. Ihr Handlungskonzept lautet Anpassung.
Der Legitimitäts-Faktor bildet eine latente „Kopplungsebene“ zwischen Informationen, die rein „sachlicher“ Natur sind, und solchen, die „moralische Qualität“ aufweisen.
Was ist eine „sachliche“ und was eine „moralische“ Information? Ganz salopp gesagt: Eine moralische Information hat irgendetwas mit meinen persönlichen Überlebensvorteilen oder meinem Lustgewinn, insofern mit meinen Motiven und meinem Interesse zu tun (ist für mich also ein „Thema“). Eine sachliche Information bezieht sich vorrangig auf die Umwelt, weniger auf mich persönlich.
Dies zu verdeutlichen, erfordert eine kleine Erläuterung zum Begriff der SELBST-Bezogenheit:
DIE 4 STUFEN DER SELBST- BEZOGENHEIT (INTENTION)
Die 4 Stufen sind: „neutrale Wahrnehmung“, Intention, Involation und Selbst-Identifikation!
Repräsentationen sind irgendwelche Wahrnehmungsinhalte, die mich im Grunde „nichts angehen“. Selbst-identifizierte Informationen hingegen rechne ich sehr unmittelbar dem eigenen Ich zu (eigene Hand, eigenes Bein, eigener Körper, eigene Gedanken, eigene Gefühle,…). Intention und Involation liegen dazwischen und bezeichnen den empfundenen Grad, in dem mich eine Information (un)-mittelbar persönlich betrifft oder zumindest nach eigener Sinndeutung zu betreffen scheint!
Hierzu ein anschauliches Gedankenspiel:
Irgendwelche Häuser (z.B. in München, Augsburg, egal wo) die ich im Rahmen eines Spazierganges oder einer Straßenbahnfahrt sehe, sind Repräsentationen. Sie sind Teil der äußeren Umwelt.
Nun sehe ich ein Haus mit einem Vordach von exakt jener Bauweise, wie ich selbst gerne eines hätte! Ich habe also dem beobachteten Haus gegenüber einer gewisse Intention. Es hat „abstrakt“ etwas mit meinen Emotionen oder Motiven zu tun.
Nun höre ich in den Nachrichten, ein Gebäude in der Bahnhofstraße 17 in meinem Heimatort würde gerade brennen und die Feuerwehr wäre akut am Löschen. Das könnte mir theoretisch egal sein, würde ich nicht selbst in der Bahnhofstraße 15, also direkt daneben wohnen! Ein Brand im Nachbargebäude wird nicht völlig folgenlos für das eigene Haus bleiben! Ich bin in das Schicksal des Hauses Nr. 17 „involviert“.
Nehmen wir nun an, mein eigenes Haus würde niederbrennen, während ich mich gerade darin befinde. Ich bilde mit ihm gewissermaßen eine „Schicksalsgemeinschaft“. Ich kann durch das brennende Treppenhaus nicht entkommen und einen Sprung aus dem Fenster nicht überleben. Für mein persönliches Weiterleben müsste ich meinen augenblicklichen Standort wechseln, was nicht (mehr) möglich ist. Ich bin IM Haus, in gewisser Hinsicht „Teil des Hauses“. „Überlebt“ das Haus, dann überlebe auch ich. Ich „identifiziere“ mich mit dem Haus.
Der latente Vorgang der „Selbst-Identifikation“ bezieht sich abgesehen vom eigenen geistig-mentalen Erleben grundsätzlich „nur“ auf den eigenen Körper. Manchmal sogar nicht einmal das vollumfänglich!
Es gibt Patienten, die unter dem Gefühl leiden, ihr völlig gesunder Arm oder ihr völlig gesundes Bein sei ein Fremdkörper und müsse amputiert werden (in krassen Fällen greifen sie sogar mit der Kreissäge zur „Selbsthilfe“!). Ferner gibt es ein relativ leicht durchführbares Experiment, das einen „normalen“ Probanden dazu verleiten kann, eine vor ihm auf dem Tisch liegende Gummihand als ein eigenes Körperteil zu erachten und Berührungen der Gummihand als eine Art Kitzeln oder Kribbeln zu spüren (ähnlich wie Phantomschmerzen, die jemand in seiner nicht mehr vorhandenen Gliedmaße empfindet)!
Analog zu den Stufen der Intentionalität, also der Ich-Bezogenheit, verhalten sich auch die Ebenen von Informationen:
Repräsentation: ist eine „sachliche“ Information, die ich auf Ebene der „neutralen Wahrnehmung“ (ohne Interesse, Neugierde oder Emotionen) erfasse.
Thema: ist eine „moralische Information“, der gegenüber ich ein Mindestmaß an Interesse aufweise. Dieses Interesse kann negativ begründet sein (weil die Information für mich tendenziell unerfreulich oder nachteilig ist), es kann auch positiv begründet sein (weil die Information für mich aus welchen Gründen auch immer erfreulich und vorteilhaft ist oder mich zumindest neugierig macht).
Problem: ist eine unlogische (widersprüchliche, unvollständige oder mehrdeutige) oder andernfalls eine unerfreuliche (dem Über-Lebensvorteil und/oder Lustgewinn abträgliche) Information.
Mit einem Thema kann ich mich befassen, mit einem Problem muss ich mich befassen! Solange es im Raum steht und weder gelöst oder anderweitig „relativiert“ wird, befinde ich mich in einer angespannten mentalen Verfassung!
Im Zuge der hier getroffenen Unterscheidung sind nur Repräsentationen „sachliche“ (also vorrangig die Umwelt betreffende) Informationen, das Thema und das Problem hingegen eine „moralische“ (in welchem Grad auch immer mich persönlich, meine Gefühle, Motive und Bedürfnisse betreffende) Information.
Das Selbstwertgefühl (SWG) könnte man gewissermaßen als einen „Wie-Vektor“ des phänomenalen Selbst verstehen!
Zu jedem Zeitpunkt meines Lebens befinde ich mich mit einer bestimmten (gesamt-seelischen) Verfassung aus irgendeinem Grund oder irgendeiner Ursache mit irgendeinem Motiv zu irgendeinem Zweck an irgendeinem Ort (oder in irgendeiner Situation)!
Man könnte es auch so ausdrücken: in jedem Augenblick meines Lebens befinde ich mich in irgendeiner Situation, die man durch eine „Wo-Was-Wie-Koppelung“ beschreiben könnte (wo bin ich, was will oder tue ich dort und wie fühle ich mich dabei). Es gibt selbst- und fremdbestimmte (und natürlich auch zufällige) Situationen: ich sitze z.B. in Augsburg in meinem Büro, weil mein Arbeitgeber meine Anwesenheit und dienstliche Tätigkeit erwartet („fremdbestimmte“ Situation). Oder ich wandere in Oberstdorf auf das Nebelhorn, weil ich gerade dort Urlaub mache und Lust darauf verspüre („selbstbestimmte“ Situation). Als „Neutrum“ könnte man die „zufällige Situation“ einbringen – aber das ist eine Frage der Perspektive! Jeder „zufälligen“ Situation geht eine selbst- oder fremdbestimmte Situation voraus.
Sofern in einer fremdbestimmten Situation eine „Handlungsaufforderung“ bzw. in einer selbstbestimmten oder zufälligen Situation ein Handlungsbedürfnis oder Motiv vorliegt, hängt mein SWG davon ab, wie klar (eindeutig, definiert) Handlungsaufforderung oder Handlungswille (Motiv) sind und als wie wahrscheinlich ich die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten erachte, die Aufgabe oder Ziel zu erfüllen bzw. zu erreichen!
Die moralische Komponente LEGITIMITÄT (gefühlte Berechtigung, zu leben und zu handeln) ist also, wie erwähnt, ein Durchgangstor über welches „sachliche Informationen“ in „moralische Informationen“ umgewandelt werden. Ebenso korrespondiert diese moralische Komponente stärker und latenter mit dem Gesamtphänomen des SWG als die anderen beiden Faktoren (Akzeptanz und Integrität)!
Das Gehirn ist latent darum bemüht, „sachliche Informationen“ (also „belanglose“ Repräsentationen) zu „ver- moralisieren“ um überhaupt erst ein auf Motiven, Emotionen und Bedürfnissen basierendes Selbst zu generieren! Das „SELBST“ hingegen versucht seinerseits umgekehrt, latent eine größtmögliche Menge an „moralischen Informationen“ zu „ver – sachlichen“, also in solche umzuwandeln, die mich „nichts (mehr) angehen“, um die ich mich als Subjekt „nicht weiter kümmern“ muss, die kein „Problem“ (mehr) darstellen.
Abschließende Aussagen über das Selbstwertgefühl (SWG)
POLARITÄT DER KOMPONENTEN DES SWG
Die Pole auf der Skala für die Faktoren „Akzeptanz“ und „Integrität“ stellt man sich sinnvollerweise mit einem negativen und positiven Bereich vor (mit einer neutralen Null in der Mitte), anstatt einem nur positiven Bereich zwischen Werten von Null bis Hundert (Prozent)! Hass ist schließlich nicht die „Minimalausprägung“ von Liebe, sondern das Gegenteil.
Abb.:56 Skala „Akzeptanz“
Ebenso sind Empathielosigkeit, Grausamkeit und Brutalität das Gegenteil von Integrität und nicht deren Minimal- oder nullwertige Ausprägung!
Abb. 57: Skala „Integrität“
Beim Faktor „Legitimität“ ist eine Skala von Null (nicht vorhanden) bis Maximal (Größenwahn) hingegen plausibler, auch wenn man Resignation oder Verzweiflung theoretisch als „Anti-Motivation“ und somit als „Anti-Legitimitätsgefühl“ deuten könnte! Allerdings ist der Faktor Legitimität auch das „Tor“ für die Umwandlung von sachlichen in moralische Informationen (und umgekehrt). Ein „negativer“ Skalenwert ist deshalb unstimmig.
Abb.58: Am Übergang zwischen „sachlichen“ und „moralischen“ Informationen (ergo zwischen „Repräsentationen“ und „Themen“) liegt eine Diffusionszone …….
Abb.59: ……ebenso zwischen „Themen“ und „Problemen“, also zwischen Informationen, in die ich „involviert“ bin und Informationen, die unlogisch (widersprüchlich, unvollständig, mehrdeutig) oder unerfreulich (dem Lustprinzip widersprechend) sind.
Mitunter „spiegelt“ sich der extrem niedrige oder hohe Skalenwert einer Komponente im gegenteiligen Skalenbereich einer anderweitigen Komponente wider!
Die Möglichkeit einer solchen „Doppelpräsenz“ zeigen uns folgende Überlegungen:
Ein „Heiliger“ (dieser überspitzte Begriff soll hier einen Menschen skizzieren, dessen SWG fast ausschließlich aus dem Faktor „Integrität“ hervorgeht) wird jeden respektieren, wertschätzen und in Schutz nehmen (auch objektiv bösartige Mitmenschen). Eine „heilige“ Ehefrau wird behaupten, sie sei auf der Kellertreppe gestürzt, anstatt den Fausthieb des gewalttätigen Gatten wahrheitsgemäß als Ursache für ihre Gesichtsverletzung zu benennen! Die fatale Kurzformel hierzu lautet: „Maximale Integrität = minimale Legitimität“! Will ich stets die uneingeschränkte Gewissheit haben, mich vollumfänglich integer zu verhalten und niemanden, auch nicht aus Unbedachtheit oder Unachtsamkeit zu verletzten, zu verstören oder zu beunruhigen, dann darf ich keinerlei Gesellschaft pflegen! Denn jeglicher Kommunikation (einschließlich des totalen Rückzuges!) haftet das unvermeidliche Risiko eines verletzenden Missverständnisses an!
Ein „maximal Legitimierter“ (damit soll hier eine aggressive Person gemeint sein, die auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckt und sich höchstens im Angesicht drohender Strafverfolgung oder eines eindeutig überlegenen Gegenübers nur scheinbar sozialverträglich gebärdet) wird schwerlich ein Gespür für eigene Schuld und Verantwortung entwickeln! Er wird das Faustrecht bevorzugen, wo immer er es mit Schwächeren zu tun hat! Auch hierzu eine fatale Kurzformel: „maximale Legitimität = minimale Integrität“
Jemand, der unbedingt akzeptiert (also geliebt) werden will, wird sich orientierungslos an X-beliebigen („moralischen“) Instanzen ausrichten! Er versucht zu beeindrucken, leistet vorauseilenden Gehorsam, vollbringt in Erfüllung der Erwartungshaltung Anderer vielleicht sogar sinnlose oder bösartige Handlungen (z.B. „Mutproben“ oder auch kriminelle Akte), um selbst respektiert oder wenigstens wahrgenommen zu werden. Hierzu lautet die fatale Kurzformel: Maximale Akzeptanz (soll hier heißen: maximales Bedürfnis nach Liebe) = verringerte Legitimität und verringerte Integrität!
SELEKTIVE ANSPRACHE DER KOMPONENTEN DES SWG DURCH DIE UMWELT
Wir unterscheiden uns zwischenmenschlich sowohl darin, welche Komponenten jeweils stärker oder schwächer an der Ausprägung (und Schwankung) unseres SWG beteiligt sind, als auch darin, welche äußeren Situationen überhaupt (in welchem Umfang) eine Resonanz auf unser SWG auslösen!
VORBEDINGTHEIT
Mitunter müssen „Bedingungen“ auf einer bestimmten Ebene erfüllt sein, damit auf einer anderen Ebene ein positiver Effekt eintreten kann. Folgende „kausale Trinität“ an Vor-Bedingtheit dürfte den meisten von uns aus der eigenen Erziehung bekannt sein: wir mussten vermutlich „artig“ bzw. „brav“ (integer) sein, um der elterlichen Liebe (Akzeptanz) anteilig zu werden und uns dadurch im Kreis der engsten Bezugspersonen als legitimiert (lebens-, liebenswert und handlungsberechtigt) fühlen zu dürfen?!!
ÄQUIVALENZEN
Natürlich kann eine selektiv stark ausgeprägte Komponente das Vorhandensein anderweitiger Komponenten „ersetzen“. Eine berühmte, erfolgreiche Person kann ihre „Legitimität“ als Ersatz für die fehlende Akzeptanz durch andere empfinden und mitunter sogar Kritik, soziale Anfeindung und Neid als eine Art Bestätigung der eigenen Größe erachten (gemäß dem Sprichwort: „Viel Feind, viel Ehr!“).
KONFLIKTE
Zunächst soll von inneren Konflikten des Subjekts („wie soll ich mich verhalten?“) bzw. des Bewusstseins (welche Perspektive soll es generieren?) die Rede sein.
Worin liegt der Unterschied zwischen einem Problem und einem Konflikt?
„Gewöhnliche Informationen“ haben einen analogen Charakter, sie begegnen uns als „Einheit“. Ob Objekte, Situationen oder Ereignisse -alles, was wir sozusagen „nacheinander“ erleben, ist für uns mehr oder weniger eine „Einheit“. Wenn wir uns an die entsprechenden Wahrnehmungen mit den betreffenden Inhalten „zurückerinnern“, können wir sie i.d.R. auf einer Zeitachse anordnen. Aber der wesentliche Punkt ist: Eine „gewöhnliche“ Information befindet sich i.d.R nicht im Widerspruch zu einer anderen „gewöhnlichen“ Information.
Sowohl ein Problem als auch ein Konflikt haben immer etwas mit Widersprüchlichkeit, Mehrdeutigkeit und/oder Unvollständigkeit (alles Aspekte von „Unlogik“) zu tun! Stark überspitzt ausgedrückt: Alles, was wir „gleichzeitig“ erleben, ist tendenziell ein Problem oder ein Konflikt (zumindest aber ein „Thema“)! Bei einem Zoo-Besuch kann ich in einem Gehege zwar auch die Affen, den Kletterbaum, das Futter und einige andere Zoo-Besucher um den Bereich herum gleichzeitig wahrnehmen! Aber diese Einzelbeobachtungen sind Teil einer übergeordneten Situation, (hier eben ein „Zoo-Besuch“), die selbst wiederum eine „Einheit“ im Erlebensprozess darstellt (egal, ob sie nun als semantischer „Ordnungsbegriff“ oder als vorrangiges Merkmal im akuten Erlebensprozess vorliegt).
Mit „gleichzeitig“ erleben meine ich hier aber Dinge, die um unsere geistig-mentalen und kognitiven Ressourcen konkurrieren und die sich nicht aus einer Meta-Perspektive heraus als einheitliches Bild darstellen lassen.
Ein Konflikt ist einem Problem grundsätzlich sehr ähnlich, nur dass die „problem- bzw. konfliktbehaftete“ Information noch viel direkter mit mir als Subjekt in Verbindung steht.
In einer Konfliktsituation muss ich verschiedene künftige Modelle meiner eigenen Person und meiner eigenen Zustände entwerfen, die sich in Abhängigkeit zu meinen Entscheidungen ergeben können.
Betrachten wir z.B. wieder den o.g. Zoobesuch, der zunächst völlig problem- und konfliktfrei war. Nun kollabiert etwa 5 Meter neben dem Affengehege ein Besucher. Offensichtlich erleidet er gerade einen Herzinfarkt. Es sind neben mir noch etwa 7 oder 8 weitere Leute in der Nähe. Was soll ich tun? Ich könnte zum Eisbärengehege weitergehen und so tun, als hätte ich nichts gesehen! Schließlich bin ich nicht der Einzige, der helfen könnte. Wenn sich aber alle anderen genauso verhalten, stirbt der Mann! Kann ich das vor meinem Gewissen rechtfertigen?
Die trivialste, wohl jedem von uns vertraute Form eines moralischen Konfliktes ist eine Gewissensfrage!
Es geht um eine „Rangfolgeentscheidung“ zwischen konkurrierenden Wertesystemen: nämlich zwischen dem persönlichen Vorteil und dem Wohlergehen Anderer!
Man könnte auch sagen es geht um Legitimation („Selbstbestimmung“) in Gegenüberstellung zur Integrität (Korrektheit gegenüber dem eigenen Gewissen, der Bewertung anderer oder etablierten ethischen Regeln).
Ebenso häufige moralische Konflikte begegnen uns in Form von Entscheidungssituationen, in denen es gilt, zwischen wahrscheinlichen kurzfristigen und weniger wahrscheinlichen langfristigen Vorteilen abzuwägen! Ich könnte mir z.B. jetzt im MC Donalds 5 Big Mac reinstopfen oder bewusst darauf verzichten und darauf hoffen (falls ich noch viele solcher Entscheidungssituationen genauso vorbildlich durchstehe), bis zum nächsten Juni die richtige Freibad-Figur zu bekommen!
KONFLIKT DURCH KRITIK: ZWISCHENMENSCHLICHEN KONFLIKTE
Solch ein Konflikt tritt dann auf, wenn ein Mensch entweder mein Selbstwertgefühl (SWG) insgesamt oder eine der möglichen Komponenten meines Selbst(wert)empfindens (Legitimität, Akzeptanz oder Integrität) angreift.
Ein zwischenmenschlicher Konflikt besteht zwingend aus drei Grundvariablen: Ein kritisiertes Subjekt, eine die Kritik ausübende („moralische“) Instanz bzw. Kritiker und eine kritisierte Tat oder Eigenschaft!
Eine Kritik (ob extern oder Selbstkritik) kann, wie gesagt, das SWG insgesamt oder dessen einzelne Komponenten angreifen.
Beispiele:
Jemand beleidigt mich: Dies betrifft die „Akzeptanz“. Er sagt damit: „Ich liebe/respektiere Dich nicht!“
Jemand klaut mein Handy oder schlägt mich nieder: Natürlich handelt es sich hierbei um Diebstahl und Körperverletzung, aber eben auch um Kritik, die sich auf meine Legitimität bezieht! Die dahinterstehende Einstellung (des Täters) lautet: „Ich erkenne Deine Legitimität (Berechtigung) auf Eigentum und körperliche Unversehrtheit nicht an!“
Wer mich mit einem Schuldvorwurf konfrontiert, greift mich auf der Ebene der Integrität an! Die Aussage: „Du bist ein Lügner!“ soll heißen: „Ich bezichtige Dich, ethischen Werten nicht zu genügen (und kein sozialverträgliches Mitglied der Gesellschaft zu sein)!“
Ein Kritiker kann am Rande bemerkt für sich selbst, für eine Dritte Person (ein Opfer) oder ein abstraktes Wertesystem sprechen!
SCHAM- DAS WAHRSCHEINLICH BEDEUTSAMSTE SOZIALE GEFÜHL
Scham ist ein negatives, aber wichtiges Gefühl! Sie ist ein sozialer Regulator. Menschen mit einem „natürlichen Schamgefühl“ werden unter gewöhnlichen Bedingungen nicht eklatant gegen Gruppennormen verstoßen! Das Bedürfnis, sich selbst vor diesem Gefühl zu schützen, ist für die meisten („normalen“) Menschen der Grundpfeiler für ein zumindest halbwegs korrektes Verhalten.
Zwischenmenschliche moralische Konflikte sind aus diesem Grund für jeden Menschen (der nicht buchstäblich „aus- geschämt“) ist, sehr unangenehm und belastend! Scham-Gefühl ist der untrügliche Indikator für das Vorhandensein eines moralischen Konflikts.
OPFERSCHAM
Opferscham empfinde ich, wenn ich mit der eigenen Hilflosigkeit oder Inkompetenz konfrontiert werde! Beleidigt, geschlagen oder bloßgestellt zu werden, schulischen oder beruflichen Ansprüchen (trotz vorhandenem Leistungswillen und Bemühungen) nicht entsprechen zu können, erzeugt Opferscham (ich bin „Opfer“ von Menschen, Umständen oder sogar der eigenen Defizite). Diese untergräbt das Vertrauen in die eigene Legitimität (der „Berechtigung“, zu leben und zu handeln).
TÄTERSCHAM (SCHULD)
Täterscham oder Schuld empfinde ich, wenn ich mit einer ethischen Schuld konfrontiert werde! Jemanden schweren Schaden zugefügt zu haben, erzeugt Täterscham. Diese untergräbt das Vertrauen in die eigene Integrität.
Ist die Umschreibung „Täter-Scham“ (für Schuld) nicht eigentlich obsolet? Ein „authentischer“ Täter, also ein Mensch, der aus echter Gewissenlosigkeit oder Bösartigkeit handelt, dem Empathie, Charakter, Moral und Gewissen nicht viel bedeuten, wird sich für seine Tat wahrscheinlich nicht schämen. Es geht bei diesem Begriff aber nicht um die Frage, ob aus asozialem Verhalten in „logischer Konsequenz“ Schuldgefühle hervorgehen müssen (was mit Sicherheit nicht zwingend gilt), sondern darum, wie sich Schuldempfinden grundsätzlich vom Empfinden von Scham aus anderweitigen Gründen unterscheidet:
Zur Verdeutlichung hierzu ein kleines Gedankenexperiment, in dem wir zwei verschiedene Szenarien gegenüberstellen: Fall 1: Ich komme aus dem Supermarkt, steige in mein Auto, parke rückwärts aus und überfahre dabei ein 3-jähriges Kind, dass sich hinter meinem Auto befand. Ich steige aus, sehe mit Entsetzen den leblosen Körper unter meinem PKW und stehe einer nervlich kollabierenden Mutter (nebst einer Reihe entsetzt und vorwurfsvoll blickender, nach Polizei und Rettungsdienst rufenden Passanten) gegenüber. Ich bin gnadenlos mit meiner „Schuld“ konfrontiert. Fall 2: Ich komme aus dem Supermarkt, eine Gruppe herumlungernder, angetrunkener Halbstarker pöbelt mich an, prügelt mich zu Boden, überschüttet mich mit dem Inhalt von Bierdosen und filmt alles per handy für ein „lustiges“ YouTube- Video. Es fällt nicht schwer, die Hilflosigkeit nachzuempfinden, die man als Opfer einer solchen Situation wohl unweigerlich empfinden muss?! Wir sehen: beide Situationen wären für den Betroffenen in einer durchaus klar unterscheidbaren Weise extrem unangenehm! Der „normale“ Mensch (weniger der ausgesprochene Soziopath, Schwerverbrecher oder Gewalttäter) ist grundsätzlich für beide Varianten des Schamgefühls anfällig.
BEOBACHTUNGEN AM PHÄNOMENALEN SELBST IM ZUGE DER KONFLIKTBEWÄLTIGUNG
Die Besonderheit im Erleben moralischer Konflikte besteht m.E. darin, dass wir hierbei unser „phänomenales Selbst“, also unser im Alltagserleben „profilloses“, „bildloses“, nur rein qualitativ erlebbares Selbst deutlicher als sonst spüren, ohne dabei zwingend ein Selbstmodell, also eine vorgestellte Repräsentation des Ich`s zu erzeugen! In welcher Domäne das „phänomenale Selbst“ auch immer im Allgemeinen „schwebt“ – in einer Konfliktsituation jedenfalls begibt es sich in den Bereich des viel besprochenen Selbstwertgefühls (SWG).
Was geschieht im Augenblick der Konfrontation mit einem moralischen Konflikt?
Zunächst einmal verändert sich in dem Augenblick, in dem wir persönlich oder ein von uns favorisiertes Wertesystem angegriffen (beschämt, verunglimpft) werden, unser Selbstwertgefühl! Vormals ist es dezent wie die Atemluft, die wir im für gewöhnlich nicht bewusst registrieren. Nun aber wird es irgendwie „substanziell“.
Im nächsten Moment konkretisiert sich das Gefühl um die Ebene, in der wir „angegriffen“ (kritisiert) wurden: Etwa im Bereich der Komponente „Legitimität“ (denken wir an einen Türsteher, der energisch beschließt: „Du bleibst draußen!“), der „Akzeptanz“ (jemand sagt uns „Du bist langweilig, lächerlich…“) oder der Integrität (jemand postuliert „Du bist gemein, böse, ein Lügner, Du bist daran schuld!“) Das vormals profillose Selbstwertgefühl scheint nun selektiv das Etikett einer dieser Grundkomponenten zu tragen!
Als Reaktion entwerfe ich jetzt vielleicht ein „bildliches Selbstmodell“, um mich selbst von einer Außenperspektive heraus innerhalb der Konfliktsituation, die sich nun in meiner gedanklichen Vorstellung widerspiegelt, wahrnehmen zu können.
Ich kann fliehen oder angreifen (beschämt sein oder dem Kritiker argumentativ entgegentreten) oder im schlimmsten Fall „erstarren“ (wenn mich die Situation schlichtweg überfordert und ich zu keiner Reaktion in der Lage bin)!
Der Angreifer, also der „Kritiker“, der mich beschämen oder einschränken will, bestimmt das Spielfeld (also eine der Komponenten des SWG), auf der die Interaktion eröffnet wird. Ich habe als „Kritisierter“ (als jemand, an den der moralische Konflikt herangetragen wird) nun die Möglichkeit, mich im Bereich derselben Domäne zu verteidigen, oder ich wechsle das Spielfeld!
Ein Beispiel: Ein Bankdirektor geht durch die Münchner Fußgängerzone, ein volltrunkener Obdachloser mit penetrantem Körpergeruch tritt an ihn heran und sagt mit fester Stimme: „Dich kann ich absolut nicht ausstehen!“ Dem Bankdirektor wird es vermutlich leichtfallen, die Ebene der Akzeptanz („Anerkennung“ oder „Liebe“) zu verlassen und sich in die Ebene der „Legitimität“ zurückzuziehen, indem er für sich persönlich feststellt: „das ist mir völlig gleichgültig, ob eine mittel- und obdachlose Person mich als Angehörigen der sozialen und finanziellen Oberschicht anerkennt!“ Er fühlt sich befähigt („legitimiert“) der Liebe eines volltrunkenen Obdachlosen zu entbehren!
Würde seine eigene Mutter denselben Satz aussprechen, sähe es wahrscheinlich anders aus! Er würde in der Ebene der Akzeptanz verweilen und versuchen, ein Argument zur Erwiderung oder Revision dieser für ihn belastenden Aussage zu definieren!
Es verhält sich ein wenig wie beim Tischtennis: das Spiel erfolgt auf der Platte, die Spieler agieren aber von außerhalb der Platte, sie bewegen sich um das Spielfeld herum! In manchen Fällen beugen sie sich auch dicht über die Platte, legen sich beinahe auf sie, um mit dem Schläger ganz nah an das Netz in der Mitte ranzukommen!
Ich denke, es gibt hierbei einen sehr interessanten Aspekt: Wie erwähnt, weist jede Konfliktsituation drei Grundvariablen auf: einen Kritiker (oder Rügenden), einen Kritisierten (oder Gerügten) und eine die Kritik auslösende Tat oder Eigenschaft. Nur in diesem „Dreiecks- Spannungsfeld“ kann ein Konflikt funktionieren! Fällt eine Variable weg (etwa die kritisierte Tat oder Eigenschaft- wenn sie der Kritisierte abstellt oder sich entschuldigt), löst sich der Konflikt auf!
Ist aber eine dieser Variablen unzulänglich ausgeprägt, „diffundieren“ deren Merkmale und Eigenschaften in den Bereich der anderen Variablen hinein!
Die schwierigsten Konflikte sind jene, in denen irgendeine dieser Variablen nicht klar definiert ist. Nicht zu wissen, worin genau der Vorwurf liegt, wer der oder die Kritiker sind, welches ihre Motive sind, ja vielleicht nicht einmal mit Gewissheit beurteilen zu können, ob man tatsächlich (moralisch) versagt hat oder ob einem dies „nur zugeschrieben“ wird, erzeugt ein sehr hohes Maß an Unsicherheit und eine Vielzahl diffuser, kaum zu bändigender innerer Bilder und Vorstellungen!
BEWÄLTIGUNG UND AUFLÖSUNG EINES KONFLIKTES
Um einen Konflikt zu bewältigen, genügt es im Prinzip, eine der Variablen aufzulösen! Der Rest verhält sich dann wie fallende Dominosteine.
Eine Kritik entspricht einem „Argument“ das sich wahlweise gegen meine Integrität (moralischer Vorwurf), Akzeptanz (Entzug von Anerkennung) oder Legitimität (Einschränkung meiner Rechte und Freiheiten) richten kann.
Meine Reaktion (Ignoranz, Flucht oder Angriff) stützt sich ebenfalls auf Argumente. Wie oben angesprochen, kann das „Gefecht“ innerhalb der vom Angreifer gewählten, oder einer anderweitigen Ebene erfolgen. Ich versuche als Kritisierter ein Gegenargument innerhalb derselben Ebene oder ein „alternatives“ aber äquivalentes Gegenargument aus einer anderen Ebene einzubringen. Bezeichnend für die Konfliktbewältigung ist ein intensiver und vielfacher Wechsel an inneren Perspektiven mit dem Ziel, entlastende oder relativierende Informationen/Bilder zu generieren.
Tatsache ist allerdings: wir alle erleben Konflikte, die eigentlich nicht wirklich gelöst werden können! Manchmal macht dies auch schlichtweg keinen Sinn! Werde ich mit einem absurden Vorwurf konfrontiert, ist es besser, darauf nicht einzugehen!
Wie aber beenden wir einen Konflikt, der auf rein moralischer Ebene „unlösbar“ ist, weil er nicht entschärft oder, wenn er auf einem Missverständnis beruhen sollte, dieses nicht aufgelöst werden kann?
Ich denke, ein solcher Konflikt wird, sofern er nicht als Trauma oder Verbitterung dauerhaft das weitere Leben belastet, „versachlicht“!
„Konflikt- Dreisatz“:
Betrachten wir, wie sich die Wirkung einer schweren, durch Kritik zugefügten seelischen Verletzung, i.d.R. über die Zeit hinweg reduziert.
Stufe 1. „Alles ist Konflikt“
Wenn ich mich sehr stark von einer Kritik betroffen fühle und beschämt bin, scheint es zunächst so, als wäre die ganze Welt, das ganze Universum darin involviert! Alle Wahrnehmungen und Eindrücke verblassen und versinken gemeinsam in ein frustriertes, enttäuschtes, verletztes, vielleicht auch wütendes „Einheitsding“. Es scheint, als wisse und urteile alle Welt über die Angelegenheit. Das eigene Unterbewusstsein redet uns ein: „Die ganze Welt weiß darüber Bescheid und alle verurteilen Dich!“
Stufe 2. Es gibt parallele Ereignisse
Die o.g. inneren Perspektivenwechsel erzeugen im Idealfall „Gegenargumente“, die mich entlasten. Andernfalls wird für mich als Subjekt dieser ständige Prozess der geistigen Auseinandersetzung (der Perspektivenwechsel) selbst zum schmerzvollen Ereignis. Mit der sukzessiven Ermüdung oder Erschlaffung dieses Prozesses wird auch die Wahrnehmung des eigentlichen, dem Perspektivenwechsel zugrunde liegenden Problems abgemildert.
Somit treten sonstige Wahrnehmungsinhalte wieder stärker in den Vordergrund, die Auseinandersetzung mit dem Konflikt wird relativiert. Ich stelle fest: die Welt ist eben nicht einzig und allein darauf ausgerichtet, mich und meinen Konflikt zu bewerten und zu beurteilen. Es gibt anderweitige (wichtigere, größere) Ereignisse, um „die sich die Welt dreht“.
Stufe 3. Der Konflikt ist ein „untergeordnetes Ereignis“ im Weltgeschehen
Ob gelöst oder nicht: an diesem Punkt haben sich meine negativen Gefühle und Schlussfolgerungen noch weiter relativiert. Ich neige zunehmend dazu, mir selbst (und ggf. dem Kritiker) zu vergeben oder den Konflikt insgesamt innerhalb eines größeren, unpersönlicheren Gesamtkontextes einzuordnen, zu relativieren oder sogar zu ignorieren.
Die „Beendigung“ eines Konfliktes entspricht einer „Ver-sachlichung“ der ihn betreffenden Informationen!
Sollte er aber emotional und psychologisch tatsächlich auf unbestimmte Zeit unregulierbar fortbestehen, wächst er sich zu etwas Schlimmerem aus!
Ich erinnere noch einmal an die
„normalen“ Arten von Informationen und ihre Steigerungsformen:
A Repräsentationen:
„sachliche“, „unwichtige“, „unrelevante“ Informationen, die wir „neutral wahrnehmen“
- B) Themen:
Informationen, die eine Resonanz in uns erzeugen (emotional oder unsere Motivation betreffend), denen gegenüber wir also intentioniert sind.
- C) Probleme:
Informationen, die entweder unerfreulich oder unlogisch (unvollständig, widersprüchlich oder mehrdeutig) sind und in die wir involviert sind.
- D) Konflikte:
Besondere Form von Problemen, die sich nicht oder weniger auf Inhalte der Außenwelt, sondern vorrangig auf uns selber beziehen
„STEIGERUNGSFORMEN VON KONFLIKTEN“
- E) Krisen:
dauerhafte, schwere Konflikte
- F) Traumata:
sehr schwere Krise, die das Subjekt aus eigenem Vermögen u.U. nicht oder nur im Zuge eines sehr langwierigen Prozesses verarbeiten kann.
- G) Psychose:
Eine mögliche (wenn auch nicht zwingende oder einzige) Steigerungsform von Trauma ist meiner persönlichen Ansicht nach die PSYCHOSE (dazu mehr unter Punkt 8 dieser Kapitelseite).
SITUATIONEN UND EREIGNISSE
Die einfachsten Inhalte unserer sinnlichen (u.a. visuellen) oder kognitiven (gedanklich-abstrakten) Wahrnehmung sind banale Objekte. Ein Objekt hat eine Form oder Gestalt, jedenfalls aber einen Umfang bzw. eine Begrenzung.
Weitere Identifikationsmerkmale eines Objekts sind ggf. dessen räumliche Position im Raum (vorne, hinten, links, rechts, oben, unten), seine Lokalisation bezüglich anderweitiger Objekte (über, unter, neben, in…) oder seine Beziehungen bzw. Zugehörigkeiten (z.B. der Tisch des Wohnzimmers, der Fußball von Hans).
SITUATION
Die nachfolgend größere „Einheit“ an Wahrnehmungsinhalten ist die Situation. Sie bezeichnet das gleichzeitige Vorhandensein von mehreren (mindestens zwei) * Objekten in einem real oder nur wahrnehmungsbedingt „abgegrenzten“ Bereich. Es geht um die räumliche oder abstrakte Anordnung / Beziehung von bzw. zwischen Objekten allgemein. Das wesentliche Merkmal einer Situation besteht in der relativen Statik oder „Unveränderlichkeit“ ihrer Inhalte.
*)= Man kann den Begriff natürlich auch auf ein Einzelobjekt anwenden, um z.B. dessen Zustand zu beschreiben (der Baum ist schön, der Mann ist groß). Dies soll im Rahmen der hier vorliegenden Betrachtungen aber nicht näher betrachtet werden.
EREIGNIS
Ein Ereignis beschreibt grundsätzlich die Veränderung (Entwicklung, Reaktion, Wechselwirkung, Interaktion) zwischen mehreren (mindestens zwei)* Objekten innerhalb einer Situation. Ebenso kann der Begriff des Ereignisses für die Veränderung der gesamten Situation an sich stehen.
*)= auf ein Einzelobjekt bezogen beschreibt ein Ereignis dessen Zustandsveränderung, etwa „das Kind wächst“, „das Auto beschleunigt“. Auch dies soll hier bewusst vernachlässigt sein.
Diese Begriffsdefinitionen für Situation und Ereignis sind nicht sehr belastbar, wollte man allein die Statik (die reine Anordnung) bzw. Dynamik (die kontinuierliche Veränderung) als Kriterium heranziehen. In der Natur wird man kaum vollendeten Stillstand und zumindest nur seltene Fälle steter Dynamik vorfinden.
Eine vorläufige Ergänzung:
Einigen wir uns auf folgende Erweiterung: Innerhalb einer gegebenen Situation überwiegt die Statik (die reine Anordnung oder Beziehung von und zwischen Objekten), innerhalb eines Ereignisses hingegen die Dynamik (die Veränderung, Bewegung, Entwicklung).
Noch eindeutiger ist folgende Ergänzung:
Eine Situation ist grundsätzlich „vom Rahmen her“ definiert. Etwa eine Geburtstagsfeier oder ein Fußballspiel: Aus gegebenem (und bekannten) Anlass bzw. aus bekannter Ursache interagieren Personen und Objekte auf bestimmte Weise miteinander. Der ganze Entwicklungsverlauf ist grundsätzlich absehbar, ist determiniert (die Geburtstagsfeier endet mit der Verabschiedung des letzten Gastes, das Fußballspiel mit dem Schlusspfiff). Die Entwicklung läuft auf ein finales, sich „innerhalb des Rahmens“ befindliches (End)-Ergebnis zu.
Die Situation bleibt eine Situation, solange die in ihr befindlichen „Mikroereignisse“ nicht den „Rahmen sprengen“.
Abb.60: Eine Situation verfügt über einen tendenziell „stabilen Rahmen“ und eine tendenziell „nach innen“ gerichtete Entwicklung
Ein Ereignis hingegen beginnt mit einem vom Zentrum ausgehenden, dynamischen Vorgang oder Prozess, der sich „nach außen“ in Richtung eines zunächst unbekannten Rahmens hin entwickelt! Betrachten wir z.B. eine Massenschlägerei vor einer Diskothek. Menge und Art der Folgeereignisse (und -situationen) sind zunächst nicht absehbar (Verletzte, Tote, Sachbeschädigungen, Polizeieinsatz, Gerichtsverhandlungen, u.a.).
Abb.61: Ein Ereignis beginnt von einem „zentralen Auslöser“ und hat „nach außen“ gerichtete Entwicklungsverläufe.
Ein Ereignis bleibt ein Ereignis, solange die dynamische Entwicklung nicht „erstarrt“. Für das „Ende“ eines Ereignisses kommen mehrere Möglichkeiten in Frage: Das Ereignis kann zu einer Situation werden (z.B. wenn zwei rollende Bälle liegen bleiben). Das Ereignis kann zu einem anderen Ereignis führen (z.B. wenn zwei rollende Bälle mit einem Hindernis kollidieren und sich in veränderter Richtung und veränderter Energie fortbewegen). Darüber hinaus kann sich ein Ereignis in eine ganze Kaskade verschiedener Folge-Ereignisse und Folge-situationen aufsplitten.
Viele Vorkommnisse in unserer Umwelt, allerdings auch innerhalb unserer geistigen Wahrnehmungslandschaft, vereinen in sich auch unzweifelhaft statische und dynamische, sowohl „nach innen“ als auch „nach außen“ gerichtete Entwicklungspfade.
Denken wir an eine Geburtstagsparty, die aufgrund des Erscheinens einer Gruppe ungebetener Gäste in eine Schlägerei übergeht! Zum einen entwickelt sich die Veranstaltung „nach innen“ auf das „Ende der Party“ zu, gleichzeitig aber auch in einer unabsehbaren, undifferenzierten Weise „nach außen“.
Die Vorstellung eines Situationsereignisses bzw. einer Ereignissituation ist also plausibel!
Abb.62: Eine Ereignissituation vereint in sich „nach innen“ und „nach außen“ gerichtete Entwicklungsverläufe (oder deren Wahrscheinlichkeiten)
Letztendlich ist es nicht in letzter Konsequenz möglich, zwischen Situationen, Ereignissen und „Ereignissituationen“ ultimativ zu unterscheiden! Gleichwohl macht diese grundsätzliche Differenzierung Sinn.
ARTEN von SITUATIONEN und EREIGNISSEN
Man kann zwischen realen, wahrgenommenen und erlebten Situationen und Ereignissen unterscheiden.
Erstgenannter Fall strapaziert unsere Vorstellung am geringsten. Es handelt sich um die Anordnung von bzw. die Interaktion zwischen Dingen in der realen, physikalischen Welt.
Eine wahrgenommene Situation oder ein wahrgenommenes Ereignis hingegen wird innerhalb unserer (sinnlichen oder gedanklich-kognitiven) Wahrnehmung, jedenfalls in unserem Bewusstsein repräsentiert.
Alle real (betrachtungsunabhängig) vorhandenen Dinge und Vorgänge sind reale Situationen und Ereignisse. Alles, was ich wahrnehme (ob visuell, taktil oder in der gedanklichen Vorstellung) sind wahrgenommene Situationen und Ereignisse. Im Falle einer erlebten Situation oder eines erlebten Ereignisses nehme ich die betreffenden Inhalte nicht nur wahr, sondern bin in sie involviert, bin an ihnen beteiligt! D.h. ich bin den konkreten Bedingungen der Situation oder des Ereignisses direkt ausgesetzt bzw. bin selbst als Beobachter auch gleichsam Teil der erlebten Situation bzw. des erlebten Ereignisses.
Die Inhalte von realen und wahrgenommenen Situationen und Ereignissen sind nicht deckungsgleich. Ich kann nur eine Teilmenge der real vorhandenen Dinge wahrnehmen, zudem projiziere ich in meiner Vorstellung vielleicht auch Inhalte hinein, die real nicht vorhanden sind. Das Hirn generiert außerdem in zeitlicher Taktung Perspektiven und somit funktionsbedingt neue wahrgenommene Situationen.
Auch zwischen wahrgenommenen und erlebten Situationen und Ereignissen bestehen Unterschiede:
Die wahrgenommene Situation steht für alle Inhalte, die ich tatsächlich anteilig aus der realen Situation wahrnehme (etwa die Spieler eines Fußballspieles). Die erlebte Situation hingegen steht für die Summe aller Faktoren, die währenddessen summarisch auf mich, meinen Körper und mein Bewusstsein (einschließlich meiner Wahrnehmungsfunktionen) einwirken (z.B. Wetterverhältnisse, Licht, Temperatur, Langeweile, Stress, Ablenkung, etc.)!
Manchmal registrieren wir in der nachfolgenden wahrgenommenen Situation Inhalte der unmittelbar vorausgegangenen erlebten Situation, etwa wenn wir bemerken: „Mir war vorhin kalt!“ oder „Es war soeben sehr laut hier.“
In eine erlebte Situation bin ich als Beobachter involviert, bin selbst Teil von ihr. Die wahrgenommene Situation hingegen ist eine („vor mir befindliche“) Repräsentation, die mentale Abbildung einer Teilmenge der ihr zugrunde liegenden realen Situation unter den gegebenen Bedingungen einer erlebten Situation.
ABGRENZUNGEN UND UNTERSCHIEDE ZWISCHEN bzw. VON SITUATIONEN UND EREIGNISSEN
Situationen unterscheiden sich z.B. in der Art und Menge der vorhandenen Inhalte, der Komplexität der Beziehungen zwischen den Inhalten, der Schärfe bzw. Durchlässigkeit ihres „Rahmens“, u.a. Bei Ereignissen ist ein zusätzliches Unterscheidungsmerkmal die „Determination“, also die Frage, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes „Endergebnis“ feststeht!
Wie und wodurch grenzen sich verschiedene Situationen und Ereignisse voneinander ab?
Folgende Fragen sollen helfen, diese Problematik zu veranschaulichen:
Frage 1: Welche ist die größtmögliche erlaubte Veränderung in einer Situation, die nicht zu einer neuen Situation führt?
Frage 2: Welche ist die geringstmögliche Veränderung innerhalb einer bestehenden Situation, die eben schon zu einer „neuen“ Situation führt?
Es geht also um die Frage:
Entspricht eine Veränderung dem (neuen) Merkmal einer (alten) Situation oder ist sie die Ursache oder das Kriterium für eine (neue) Situation?
Denken wir an eine Wiese mit 100 Milliarden Grashalmen. Irgendein Faktor sorgt für die Krümmung eines einzigen Grashalmes (was wohl nur innerhalb einer vorgestellten Situation möglich ist, eine reale Einflussgröße auf einer realen Wiese würde, egal wie geringfügig sie auch sein mag, schwerlich nur einen einzigen Halm betreffen)? Handelt es sich nun um dieselbe Wiese, die eine Veränderung erfahren hat (die Krümmung eines Halmes), oder um eine „andere“ Wiese, eben weil sie (ein) zusätzliches Merkmal aufweist?
Ein weiterer Gedanke: Ist das ganze Universum insgesamt betrachtet die größtmögliche aller realen Situationen (weil hierin Galaxien, schwarze Löcher, Neutronensterne, Sonnen, Planeten sich in einer Anordnung zueinander befinden) oder ist es das größtmögliche aller realen Ereignisse (weil es sich ausdehnt, ausdünnt, abkühlt und an Entropie zunimmt)?!
Natürlich gibt es reale Situationen und Ereignisse, die sich aus rein physikalischen Gründen völlig voneinander abgrenzen. Das Münchner Oktoberfest ist ein völlig anderes Ereignis als ein Gottesdienst im Kölner Dom! Sie haben allein schon der räumlichen Trennung wegen schwerlich etwas miteinander zu tun! Ebenso sind z.B. der Kühlwasser- und der Schmierölkreislauf in einem Motor funktional eindeutig voneinander getrennt.
Zwischen erlebten und wahrgenommenen Situationen und Ereignissen bestehen i.d.R. weniger zwingende Abgrenzungen. Aber es gibt sie natürlich, etwa aus wahrnehmungs- bzw. perspektivisch bedingten Gründen: drehe ich als Besucher des Münchner Oktoberfestes meinem Kopf (an einem beliebigen Standort) nach links, sehe ich andere Personen und Objekte als bei einer Kopfdrehung nach rechts; sitze ich auf der Zugfahrt nach München auf der rechten Fensterseite, sehe ich draußen andere Dinge, als wenn ich aus dem linken Fenster schauen würde, … Den Blickfeldrand könnte man als plausiblen Rand einer visuell wahrgenommenen Situation anerkennen. Die latente „Übergangszone“ zwischen Vorder- und Hintergründigem ebenso.
Der Rand einer Situation kann auch durch die Menge der nicht definierten Beziehungen der darin enthaltenen Elemente (Objekte, Personen, Symbole, etc.) gebildet werden.
Analog hierzu sind im Falle eines Ereignisses unsere vagen, in Unwissenheit übergehenden Vorstellungen über den angenommenen Verlauf der Entwicklung der jeweilige „Rand“.
Demnach kann der Rand eines Ereignisses (auch) dem unbekannten Potential seiner möglichen Entwicklungsverläufe entsprechen.
DETERMINIERTE UND NICHT- DETERMINIERTE EREIGNISSE
Ein Ereignis kann sich wie erwähnt auf die Veränderung eines Objektes, die Veränderung oder Wechselwirkung zwischen ko-existenten Objekten innerhalb einer Situation oder auf die Veränderung einer kompletten Situation an sich beziehen. Im Universum, auf der Welt und in unserem Alltag gibt es verschiedenste Ereignisse in verschiedensten Größenordnungen.
Eine besondere Eigenschaft von (zumindest manchen) Ereignissen ist die Determination oder Bestimmtheit!
Manche Ereignisse führen zu sehr eindeutigen, mit Sicherheit eintretenden Resultaten! Der Tag-/Nacht-Wechsel ist die zwangsläufige Folge der Erdrotation und bedürfte einer außerordentlichen kosmologischen Störung, um nachhaltig verändert zu werden. Die Verlangsamung der Erdrotation über Millionen von Jahren hinweg ist indes ebenfalls absolut sicher.
Sowohl der sehr kurzfristige Effekt (etwa, dass es in 5 Stunden dunkel ist, wenn wir im Moment angenommener Weise 15:00 Uhr im Winter haben) als auch die langfristige Tendenz (die Verlangsamung der Erdrotation) ist vollständig determiniert.
Manche Ereignisse vollziehen sich sehr rasch, etwa bestimmte chemische Reaktionen, manche sind von langfristiger Dauer, wobei ein sich sehr langsam vollziehendes Ereignis dennoch stärker determiniert sein kann wie ein sehr kurzfristiges. Dass der 5.Januar des Jahres 3015 unserer Zeitrechnung („nach Christus“) ein Donnerstag sein wird, ist jetzt schon sicher (falls kein wirklich großer Kometeneinschlag die Erdrotation oder die Erdumlaufbahn signifikant verändert)! Klingle ich hingegen in 5 Minuten an der Wohnungstür meines Nachbarn, wird er nur vielleicht, keinesfalls aber mit Sicherheit öffnen!
Die Vergangenheit und die (tatsächlich) determinierte Zukunft haben eine gravierende Gemeinsamkeit: die Unabänderlichkeit ihrer Ergebnisse!
Der 2. Weltkrieg in Europa endete am 8.Mai 1945. Das ist sicher, daran ändert sich nichts mehr! Der 05.Januar des Jahres 3015 n.Chr. wird ein Donnerstag sein! Das ist ebenfalls sicher.
Sowohl für unsere bewusste Wahrnehmung, viel mehr aber auf der Ebene der bewusstseins- und identitätsgenerierenden Prozesse ist es bedeutsam, dass Informationen einen „determinierten Status“ haben, als unabänderliche (determinierte) Einheit wahrgenommen oder behandelt werden (selbst wenn sie weder komplett der Vergangenheit angehören, noch in ihrer Entwicklung vollendet und ergebnissicher, in anderen Worten, „determiniert“ sind).
Undeklarierte und deklarierte Situationen und Ereignisse
Analog zu determinierten (ergebnissicheren) und nicht determinierten (ergebnisoffenen) Ereignissen gibt es deklarierte (bewusst herbeigeführte, „arrangierte“) und nicht deklarierte (zufällige) Situationen und Ereignisse.
In beiden Fällen handelt es sich um die relative (räumliche oder abstrakte) Anordnung von Objekten zueinander.
Die Anordnung der Dinge entspricht im ersten Fall dem Ergebnis eines determinierten Ereignisses oder sie dient einem bestimmten Zweck und wurde deshalb vorsätzlich herbeigeführt.
Im zweiten Fall handelt es sich um eine Anordnung von „Dingen“ aus unbekannter Ursache, aus einem nicht vorhandenen oder ersichtlichen Zweck. Oder einfach schlicht um eine Zufallskonstellation, wie in folgendem Beispiel: Ich steige in München aus dem Zug und sehe auf den Bahnsteig Menschen, Koffer, ein paar Tauben, … Natürlich hat jede einzelne Person ggf. ihren persönlichen Grund bzw. jedes Objekt seine „Ursache“, sich genau jetzt hier zu befinden. Aber die Konstellation an sich ist Zufall! Der Schaffner der gerade aus dem Zug kommend an einer Frau mit Kinderwagen vorbeiläuft und dabei eine Taube aufscheucht ist nicht (geplant und vorsätzlich) genau hier, um vorsätzlich genau jetzt an einer Frau mit Kinderwagen vorbeizulaufen und eine Taube aufzuscheuchen (anstatt z.B. an einem Rentner vorbeizulaufen und dabei in einen ausgespuckten Kaugummi zu treten)!
Deklarierte Situationen und Ereignisse sind „vulnerabel“, störanfällig! Ihr Zustandekommen bedarf bestimmter Ursachen (Vorbereitungen), ihr Erhalt einen gewissen (Energie-)aufwand. Zu einer Geburtstagsfeier gehören z.B. Gäste und eine organisierte Zusammenkunft. Bricht Feuer im Gebäude aus oder beginnen die Gäste sich zu prügeln, erlischt die als solche geplante, beabsichtigte und verstandene Geburtstagsfeier. Es bedarf gewissermaßen einer „Begründung“ oder „Ursache“, damit eine deklarierte Situation in eine anderweitige deklarierte oder eben in eine undeklarierte bzw. zufällige Situation übergeht.
Undeklarierte Situationen und Ereignisse sind nicht „vulnerabel“ oder störanfällig. Da Ursache und Zweck ebenso wenig vorhanden sind als ein determiniertes oder beabsichtigtes Ergebnis, gibt es auch keine „Begründung“ und keinen „Aufwand“ für Wechsel und Übergänge!
Wenn die Frau mit dem Kinderwagen auf o.g. Bahnsteig plötzlich stehen bleibt, der Schaffner sich umdreht und zurückläuft (weil er z.B. im Zug was vergessen hat) und die Taube sitzen bleibt, herrscht eben zum Zeitpunkt X auf Bahnsteig 5 eine anderweitige Situation, ohne dass ich als (zufälliger) Beobachter das Gefühl hätte, hier müsste irgendetwas anders sein oder es bedürfte einer besonderen Begründung, warum sich jetzt genau diese und nicht andere Dinge hier befinden bzw. warum genau dieses und nichts anderes gerade geschieht! Genau diese quälende Empfindung kann ein Psychotiker erleiden! Er kann die „Selbst-Verständlichkeit“ einer zufälligen Situation nicht anerkennen!
Die hiesigen Ausführungen über Begrenzung, Deklaration und Determination von Situationen und Ereignissen betreffen weniger das alltägliche Erleben, sondern vielmehr die Bedingungen, unter denen bewusstseins- und perspektivbildende Prozesse aktiviert werden. Entscheidend ist, wann und wie diese Prozesse zum Wahrnehmen, Denken und Erleben beitragen, abhängig davon, ob eine Situation als neu oder als modifiziert empfunden wird.
BEZIEHUNGEN ZWISCHEN SITUATIONEN UND EREIGNISSEN
Die symbolhafte grafische Darstellung eines Ereignisses in Form eines regelmäßigen Vierecks mit sich gleichmäßig ausdehnenden Entwicklungspfaden ist natürlich unrealistisch!
Abb. 63: Idealisierte Darstellung der Entwicklung eines Ereignisses
Ein solch homogenes Ereignis würde oder müsste sich unter Wahrung von Symmetrie und Proportionalität insgesamt ausdehnen, müsste also in eine identische, lediglich größere Situation übergehen…….
Abb.64: gleichartige und /-mäßige Veränderung (Ausdehnung) eines Ereignisses
oder sich in völlig gleichartige Folgesituationen, -ereignisse, -ergebnisse aufspalten……
Abb.65: Aufspaltung in in gleichartige Folgeereignisse
Realistischer stellt man sich ein Ereignis schlechthin symbolhaft als unregelmäßiges Vieleck vor:
Abb.:66 Ein Ereignis mit verschiedenen zufälligen, mitunter auch chaotischen Entwicklungspfaden
Nehmen wir an, das als unregelmäßiges Vieleck dargestellte Ereignis würde eine Schlägerei symbolisieren. Im Verlauf eines solchen Ereignisses sind nicht sämtliche Folgesituationen und -ereignisse „gleichartig und gleichwertig“, was die Tragweite ihrer Konsequenzen betrifft! Die starken Pfeile könnten für schwerwiegende „Ergebnisse“ (etwa schwer oder lebensgefährlich verletzte Personen), die schwachen, kleinen Pfeile für „Nebensächlichkeiten“ (etwa eine zerkratzte Armbanduhr oder eine verlorene Mütze) stehen.
Situationen und Ereignisse können ineinander gespachtelt sein: Die ineinander einbeschriebenen Rechtecke könnten z.B. folgende Geschichte symbolisieren: Ich unternahm einen Ausflug nach München (das Äußerste Rechteck). Ich ging ins Museum (mittleres Rechteck) und sah mir dort den Bergwerksnachbau an (inneres Rechteck).
Abb.67: Verspachtelte Situationen oder Ereignisse
Situationen und Ereignisse können sich linear aneinander reihen wie nachfolgend dargestellte Rechtecke, die bspw. für eine Geschichte dieser Art stehen könnten: Ich fuhr in meinem Spanienurlaub erst mach Madrid (linkes Rechteck), dann nach Barcelona (mittleres Rechteck) und schließlich über die portugiesische Grenze nach Lissabon (rechtes Rechteck).
Abb.68: aneinander gereihte Situationen oder Ereignisse
Selbstverständlich ist die Mischform möglich:
Ich bereiste nacheinander die Orte A,B,C,D (von links nach rechts). In Ort B unternahm ich Aktion 1,2,3 oder habe Objekt X,Y,Z besichtigt (einbeschriebene Rechtecke im zweiten Rechteck).
Abb.69: Mischvariante an gereihten und verspachtelten Situationen oder Ereignissen
Davon abgesehen, dass sich Situationen und Ereignisse mitunter nur infolge unserer Wahrnehmungsperspektive oder skalierender Effekte unserer Wahrnehmungsfunktionen voneinander abgrenzen, sind sie zumeist in weitaus komplexerer Form ineinander verwoben!
Abb. 70: Überschneidungsarten von bzw. zwischen Situationen und Ereignissen
Der „auslaufende“ Entwicklungspfad eines Ereignisses ist zugleich der ins Zentrum gerichtete Entwicklungspfad einer Situation: das linke Rechteck soll neuerlich für unsere oft bemühte Schlägerei stehen. Der Pfeil, der sich gleichermaßen rechts oben im roten als auch links unten im blauen Rechteck befindet, repräsentiert einen Verletzten, der mit dem Krankenwagen abtransportiert wird und ins Krankenhaus kommt. Das linke Rechteck ist also das Ereignis der Schlägerei, das rechte Rechteck die Situation im Krankenhaus.
Innerhalb unserer Wahrnehmung „organisieren“ und repräsentieren wir Situationen und Ereignisse mitunter symmetrisch und abgegrenzt wie Marineplanquadrate! In der Realität aber befinden wir uns in einem unentwegten Mengengelage, von sich aneinanderreihenden, ganz oder teilweise integrierenden und überlappenden Situationsereignissen!
Abb.71: Sich vielfach überlagernde/überlappende Situationen und Ereignisse
Es gibt Entwicklungsverläufe, deren gemeinsame Faktoren innerhalb verschiedener, voneinander getrennt ablaufender Ereignisse liegen, wie in nachfolgender Abbildung: Die einzelnen Ereignisse/Situationen führen zu unterschiedlichen Ergebnissen und Folgesituationen bzw. -ereignissen. Über die Skalen und Stufen verschiedener solcher Entwicklungsschritte hinweg tritt aber ein Symmetrieeffekt zwischen grundsätzlich getrennten Entwicklungspfaden auf (die 4 gelb markierten roten Pfeile), welche, obgleich jeweils aus verschiedenen Ursachen resultierend, durch ihre reine relative Anordnung zueinander ein zusammenhängendes Ereignis bilden!
Abb.72: Aus verschiedenen Pfaden finden sich „zusammenpassende“, eine Einheit bildende Elemente
Die vier „gelb markierten Pfeile“ bilden aufgrund ihrer symmetrischen Anordnung eine logische Einheit im Sinne einer zusammenhängenden Situation oder eines zusammenhängenden Ereignisses, obgleich sie aus verschiedenen, an sich nicht zusammenhängenden Ursachen hervorgingen bzw. vormals „nichts miteinander zu tun“ hatten. Es bildet sich also ein neues Ereignis aus dem Mengengelage teils vorangegangener (nicht mehr vorhandener) und teils weiterhin aktiver, jedoch voneinander getrennter Ereignisse! Ein simples Beispiel zur Veranschaulichung: Ich lande mit meinem Auto im Straßengraben. Vier weitere Verkehrsteilnehmer finden sich ein und helfen mir, das Auto wieder auf die Fahrbahn zu schieben. Die vier Leute sind nicht extra „angereist“, um mein Auto zu bergen! Sie sind aus jeweils eigenen zufälligen Ursachen und Gründen an die Unfallstelle gelangt, um nun aber dort eine gemeinsame Aktion auszuführen!
Die Interaktion zwischen Objekten oder die Entwicklung eines Einzelereignisses kann grundsätzlich in höchst linearen und analogen Schritten erfolgen, wie etwa bei einer Autofahrt von Augsburg nach München, bei der jeder einzelne Streckenpunkt in einer bestimmten Reihenfolge passiert wird.
Interaktionen und Wechselwirkungen zwischen Situationen und Ereignissen oder zwischen Objekten, die während ihrer vordergründigen Wechselwirkung zusätzlich den Bedingungen sonstiger Situationen und Ereignissen ausgesetzt sind, verlaufen anders!
Zum Beispiel ergeben sich hieraus „temporäre“ Elemente, z.B. Orte, die in der direkten Realität nicht vorhanden sind, sich aber innerhalb einer Situation/eines Ereignisses ergeben. Denken wir z.B. an raumzeitliche Orientierungspunkte in einer Geschichte oder Erzählung: Beispiel: ein Bekannter berichtet, er war „an einem größeren Weiher“ beim Angeln. Er hätte sein Auto „50 Meter vor dem Weiher“ geparkt und „neben dem Auto“ sein Zelt aufgestellt. Ferner hätte er ein Bier getrunken, nachdem er den ersten Fisch gefangen hat. Die Ort- und Zeitangaben erscheinen uns völlig logisch, obwohl wir nirgends auf dem Globus „50 Meter vor dem Weiher“ oder „neben dem Auto“ finden und keine Uhr uns „nach dem ersten Fischfang“ anzeigt! Die Ort- und Zeitangaben ergeben nur innerhalb des Kontextes der Geschichte bzw. des darin abgebildeten Gesamtereignisses einen Sinn.
Ein anderes Beispiel: Jemand sagt mir, er sei gerade dabei, die Zahlen 3 und 5 im Kopf zu multiplizieren. Ich nehme an, er wird auf 15 kommen. Sagt er aber, er hätte gerade eine Multiplikation ausgeführt, deren Ergebnis 15 ist, verhält es sich anders! Ein Umkehrschluss auf die vorangegangene Rechnung ist nicht möglich!
Oder betrachten wir kurz das unten abgebildete Schachspiel:
Abb.73: nicht linear-analoge Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen Objekten und einer Situation
Wenn der rot markierte weiße Bauer die Position des ebenfalls rot markierten schwarzen Bauern in Abb.73 einnehmen (ihn also „schlagen“) sollte, treten gleichzeitig Konsequenzen für nicht weniger als 7 Figuren ein:
Abb.74: Bei diesem einfachen Zug gibt es insgesamt 7 „Betroffene“
- der schwarze Bauer wird ausgeschaltet
- der den Zug ausführende weiße Bauer verliert seine Doppeldeckung seitens der beiden Figuren links und rechts unterhalb von ihm (weißer Läufer & weißer Bauer)
- der weiße Bauer wird nicht nur – wie bisher – durch das schwarze Pferd, sondern zusätzlich durch den schwarzen Turm bedroht
- der weiße Bauer kann durch die ihn nun bedrohenden Figuren ungesühnt geschlagen werden, da seine bisherige Deckung (siehe Punkt2) hinfällig ist.
- die durch den weißen Bauern bisher gewährleistete Deckung des weißen Läufers links unten vor seinem feindlichen schwarzen Artgenossen rechts oben (oberste Reihe, dritte Figur von rechts) ist hinfällig.
Es gibt hier also keine Beziehung im Sinne von „Eine Ursache- eine Wirkung“ oder „Eine Aktion – ein Ergebnis“
Der Zug ist nicht in der Art ausführbar, dass wahlweise nur eine, zwei oder drei der genannten Wirkungen eintreten! Auch bei Zerlegung in noch so kleine mikroskopische Zwischenschritte fände ich keinen Punkt, an dem selektiv nur die Eine oder nur die Andere Wirkung isoliert eintreten würde! Hier gibt es nur ein Gleichzeitig, kein Vorher und Nachher! Nur ein „Alles oder Nichts“!
Abschließend:
Wir wissen: viele Ergebnisse aus realen Ereignissen hängen sehr linear von der konkreten Natur der beteiligten Objekte und der konkreten Art des Zusammen- oder Wechselwirkens ab! Damit etwa eine Industriemaschine ein bestimmtes Produkt herstellt, muss der richtige Werkstoff in der richtigen Menge an der richtigen Stelle zugeführt werden!
Bei der Wechselwirkung zwischen Objekten, die sich ihrerseits in variablem Zustand innerhalb einer jeweiligen Situation (oder eines Ereignisses) befinden, kann sich das anders verhalten!
Abb.75: Interaktion (hier: einfaches) Zusammenfügen von Objekt A mit Objekt B führt zu Objekt C.
Abb.75 beschreibt einen linearen Prozess, der ggf. in analogen Umkehrschritten rückgängig gemacht werden kann.
Anders ist es am Beispiel in Abb.76:
Undifferenzierter Prozess A („schwarzer Wirbel“) und undifferenzierter Prozess B („blauer Wirbel“) erzeugen jeweils für sich undifferenzierte oder temporäre Ergebnisse (gestrichelte geometrische Figuren). Durch Zusammentreffen zweier undifferenzierter Ergebnisse aus den jeweiligen Prozessen entsteht ein differenziertes Ergebnis (gelbes Dreieck mit rotem Rand).
Abb.76: Aus zweierlei für sich jeweils unklaren Beiträgen wird eine konkrete (deklarierte, determinierte) Einheit
Analogie: Wenn ich eine eindeutige Lüge aus zwei voneinander unabhängigen Quellen höre, könnte ich geneigt sein, sie als Wahrheit zu erachten.
INNEN- UND AUSSENPERSPEKTIVE, SKALIERUNG UND PARTITIONIERUNG
INNEN – UND AUSSENPERSPEKTIVE
Maßgebliches Kriterium für diese Unterscheidung ist die räumliche (oder abstrakte) Position des Subjekts in Bezug auf die wahrgenommenen Inhalte:
Ich kann alles Mögliche „von innen“ oder „von außen“ sehen, wahrnehmen und erleben, z.B. ein Kino, einen Supermarkt, ein Verkehrsmittel, eine Hochzeitsfeier, … Ich kann innerhalb meiner Vorstellung auch Dinge „von außen“ betrachten, denen gegenüber ich in der Realität niemals eine echte Außenperspektive einnehmen könnte, z.B. die Erdkugel! Die wenigsten von uns haben praktische Astronautenerfahrung, sich die Erde aber insgesamt (von irgendeinem willkürlichen Raumwinkel heraus) vorzustellen, überfordert uns aber nicht – auch wenn gerade kein Globus zur praktischen Veranschaulichung verfügbar ist! Wir können uns auch selbst, also ein gedankliches Bild unseres Körpers „von außen“ vorstellen, obwohl wir unseren Körper nicht verlassen können (es sei denn, es gäbe eben doch eine „Seele“).
Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen einer Innen- und einer Außenperspektive?
Außenperspektive:
Was von außen wahrgenommen wird, tendiert dazu, sich als ein einheitliches Gesamtbild darzustellen. Das Subjekt erlebt diese Situation dann als homogen und widerspruchsfrei. Was ich aus einer Außenperspektive heraus betrachte, empfinde ich als „Einheit“! Ich sehe die „ganze Straßenbahn“, den „ganzen Supermarkt“, das „ganze Krankenhaus“. Das ist zwar genau genommen nicht korrekt, da ich z.B. ein Gebäude immer nur von einer Seite (vorne, hinten, links, rechts), aus einem bestimmten Winkel und natürlich auch aus einer gewissen Entfernung sehe. Aber darauf kommt es hier nicht an. Zum einen ist unsere Welt sehr stark von Symmetrieeffekten geprägt, zum andern geht es ja ohnehin um „wahrnehmungs- und perspektivisch bedingte“, nicht um reale Vollständigkeit (die Rückseite des Krankenhauses wird nicht radikal anders aussehen – falls doch, reicht mir dennoch eine Seitenansicht, um die „Empfindung“ oder „Vorstellung“ einer vollständigen Ansicht zu haben).
Ferner gilt: Was ich aus einer Außenperspektive heraus wahrnehme, ist für mich Vergangenheit oder „determinierte Zukunft“. Wir erinnern uns: Determination heißt Bestimmung, Festlegung. Manche Ereignisse oder Vorgänge sind von Beginn ihrer Entwicklung an sehr stark determiniert und können sich nur in einer vorgegebenen Weise auf ein bestimmtes Resultat hin entwickeln (vgl. Punkt 4).
Innenperspektive:
Was ich aus einer Innenperspektive heraus erlebe, empfinde ich als „Vielfalt“ oder zumindest als „partitioniert“! Es gibt Orte, Richtungen und Unterschiede. Im Supermarkt gibt es einen Bereich mit Lebensmitteln, es gibt eine Wursttheke, es gibt einen Bereich mit Reinigungsmitteln,… In der Straßenbahn gibt es ein vorderes und ein hinteres Abteil, Bereiche, in denen die Personen eher stehen als sitzen, einen Bereich mit mehr Kindern als Rentnern, einen Bereich, indem leiser oder lauter gesprochen wird,…… Ich als Beobachter bin vom Objekt, vom Gegenstand der Beobachtung, nicht radikal getrennt, ich bin in ihm, bin Teil von ihm und möglicherweise beeinflusse ich durch meine Anwesenheit auch das beobachtete System! Ich bin gleichzeitig Beobachter als auch Inhalt einer beobachteten Situation.
Was ich aus einer Innenperspektive heraus erlebe, ist Gegenwart oder unmittelbare (nicht determinierte) Zukunft! Es gibt ergebnisoffene, also unvollendete und ungewisse Entwicklungsverläufe, etc. Koexistente, aus einer „Innenperspektive“ heraus wahrgenommene Inhalte neigen zur „Divergenz“, zur Aufspaltung. Was ich erlebe, gleicht (real oder perspektivisch bedingt) eher einem Ereignis als einer Situation, also der dynamischen Veränderung von Dingen und deren Kontexten.
Maßgeblich für den Erlebensprozess, für den Sinngehalt des Realitäts- und Selbsterlebens, ist die latente Verschmelzung von Innen- und Außenperspektiven! Ich kann im Supermarkt verschiedene Bereiche unterscheiden, bin mir aber gleichzeitig bewusst, im Supermarkt zu sein, habe also sowohl als auch eine Innen- und Außenperspektive. Natürlich sind nicht alle Objekte, Situationen und Ereignisse klar definiert oder womöglich räumlich festgelegt! Dennoch hat unser Erlebensprozess immer einen „Gesamtrahmen“, sei es, dass dieser tatsächlich als Information vorliegt (wie bei einer Erinnerung- wenn ich von „Schulzeit“ spreche), oder einer Funktion bzw. dem Ergebnis einer Wahrnehmungsperspektive entspricht.
SKALIERENDE UND PARTITIONIERENDE EFFEKTE IM WAHRNEHMUNGSRAUM
Wahrnehmung und Kognition sind die zentralen geistigen Vorgänge der Informationsverarbeitung. Die Umweltereignisse ändern sich, unser eigenes mentales Milieu ändert sich, die Bewusstseinsinhalte somit zwangsweise auch. Ein sich (kognitionsbedingt) verengender und (wahrnehmungsbedingt) erweiternder Wahrnehmungsraum, justiert durch einen sich analog hierzu erweiternden oder verengenden und sich zudem ständig auf neue Inhalte ausrichtenden Fokus, sind die zentralen Merkmale des Erlebensprozesses. Das bewusste Ich richtet seine Perspektive in Abhängigkeit von Bedürfnissen und Motiven aus. Das Gesamtsystem (Gehirn) hingegen durch einen zyklischen Wechsel der unter Punkt 2 beschriebenen „Grund-Perspektiven des Gehirns“, die einer „übergeordneten“ Form der Wahrnehmung („Existenz“, „Integration“) bzw. Kognition („Situation“, „Ereignis“) entsprechen.
Neben der Erweiterung und Verengung des Wahrnehmungsraumes kommt es im Wechselspiel dieser Abläufe auch zu skalierenden und partitionierenden Effekten!
Skalierung bedeutet, dass eine Fläche, ein Objekt, ein System oder ein Prozess in eine andere Größenordnung übergeht (sich vergrößert oder verkleinert). Dies kann zu einer „indirekten“ Art von Auf- oder Einteilung eines (auch abstrakten) Raumes oder eben des Wahrnehmungsraumes führen.
Hierzu ein anschauliches Beispiel: Bauer Hans hat 9 Schafe auf einer rechteckig eingezäunten Weidefläche. Nehmen wir an, er geht auf seine Wiese, um nach den Tieren zu sehen. Wie würde er sie wohl vorfinden, wie wären sie wohl verteilt?
Etwa so……? Wohl kaum!
Abb.77: symmetrische Verteilung: Dies wäre die unwahrscheinlichste Variante der Verteilung von Weidetieren, obwohl sie die mathematisch-statistische Relation von Fläche und Anzahl optimal darstellt!
….doch wohl eher….so…….oder so……oder so……(Abb. 78,79,80)
Abb. 78,79,80: zufällige oder jedenfalls asymmetrische Verteilung der Weidetiere
Eine absolut symmetrische Verteilung der Tiere ist völlig unwahrscheinlich (es sei denn, der ihnen verfügbare Raum sei so eng, dass sie buchstäblich, wie in einem Viehtransporter, zusammengepfercht wären)! Sobald sich der Raum ein wenig ausdehnt (skaliert) werden sie sich verteilen, auch wenn die Geländebedingungen, die Vegetation und sogar die Wind- und Schattenverhältnisse auf der Wiese völlig homogen sein sollten! Allein schon Geselligkeitsaspekte würden für eine asymmetrische Verteilung sorgen (Weidetiere sind schließlich auch soziale Wesen und manche Individuen stehen sich, hier sozusagen im Wortsinn, „näher“ als andere)! Je enger der eingezäunte Bereich ist, umso weniger Möglichkeiten hätten die Schafe für eine räumliche Verteilung. Je mehr die verfügbare Fläche erweitert (skaliert) wird, umso stärker wird die räumliche Verteilung insgesamt sein und umso mehr Asymmetrien (lokale „Häufungen“ und „Lücken“) werden auftreten. Diese „Auf“- oder „Einteilung“ des Raumes (in Bereiche mit dichterer bzw. geringerer Konzentration an Tieren) ist im Falle einer „Skalierung“ also nicht durch physikalische Barrieren bedingt, sondern durch „Raumeigenschaften“, die ihrerseits nicht oder nicht proportional zur Raumgröße skalieren.
Durch Skalierung hervorgerufene „Teilungen“ führen also innerhalb einer „Einheit“ zu unterscheidbaren Bereichen mit lokal abweichenden Eigenschaften!
Abb.81: Weidetiere haben weder Grund noch Willen, sich auf einer gegebenen Fläche gleichmäßig und symmetrisch zu verteilen.
Abb.82, 83, 84, 85: zufällige, symmetrisch- grobrasterige, symmetrisch- feinrasterige und symmetrisch-mehrstufige Ein- bzw. Aufteilung einer Fläche
Warum oder wodurch wird ein Wahrnehmungsraum oder das mentale Erleben an sich überhaupt skaliert (ausgedehnt oder verengt) und partitioniert (aufgeteilt)?
Zum einen ist dies durch den Wechsel der 4 in dieser Publikation angenommenen Grund-Perspektiven (s. Punkt 2) sowie als Nebeneffekt des sich periodisch erweiternden und verengenden Wahrnehmungsfokus zu sehen.
Eine weitere Möglichkeit besteht in der qualitativen Veränderung einer (bestimmten, gleichbleibenden) Wahrnehmungsfunktion infolge sich ändernder äußerer Bedingungen. Ein Beispiel: Ich stehe auf einem Berg und blicke bei extrem dichtem Nebel in eine bestimmte Richtung. Der Nebel verzieht sich, die Sonne strahlt vom Himmel. Ich schaue immer noch in die gleiche Richtung, sehe nun aber anstatt einer „weißen Wand“ gefühlt unendlich weit in die Landschaft hinein. Das vormals homogene Gesichtsfeld offenbart nun zahllose verschiedene Objekte bzw. verschiedenartige Bereiche, in denen sich Objekte (Städte, Wälder, Seen, u.a.) befinden.
Ebenso möglich: ein sich erweiterndes kognitives Konzept, eine sich inhaltlich und qualitativ verändernde Vorstellung von oder über irgendetwas. Wesentlich hierbei: es werden keine neuen oder veränderten Informationen generiert, weil das gedankliche Konzept mit der Vorstellung von etwas anderem interagiert. Sondern die Vorstellung „wächst aus sich heraus“, vergrößert sich und strukturiert sich teilweise neu.
Aber es gibt noch andere Gründe für Skalierungen und Partitionierungen im bzw. des Wahrnehmungsraumes:
Eine Ursache könnte sein, dass verschiedene, an der neuronalen Informationsverarbeitung parallel beteiligte Subprozesse einen gemeinsamen Aktionsraum durch ihre jeweilige Aktivität indirekt beeinflussen und die Struktur dieses „Raumes“ für jeweils anderweitige Funktionen verändern.
Als simple Analogie könnten wir uns mehrere Kellner vorstellen, die eine große Tischgesellschaft bedienen. Sie müssen nicht nur mit den räumlichen Begebenheiten und der Sitzordnung der Gäste an sich, sondern auch mit den kreuzenden Bewegungsbahnen der jeweils anderen Kellner klarkommen.
Ein anderes Beispiel: Jemand, der neben mir steht, macht mich auf einen Heißluftballon am Himmel aufmerksam. Ich richte also meinen Blick darauf, und zwar natürlicherweise so, dass er in der Mitte meines Blickfeldes liegt (das machen wir alle so, wenn wir uns visuell auf etwas konzentrieren). Dadurch wird mein Blickfeld aber auch zwangsweise „symmetrisch partitioniert“. Es gibt jetzt einen Bereich links und rechts vom zentralen Wahrnehmungsgegenstand. Eine nachfolgende (zufällige) Beobachtung (z.B. ein Flugzeug) würde ich räumlich als links- oder rechtsliegend verorten (die vormalige, durch den Ballon ausgelöste Zentrierung dabei als Bezugs- oder Referenzwert benutzend).
Skalierung und Partitionierung führen u.a. dazu, dass eine Information, die im Grunde eine „Einheit“ darstellt, mit sich selbst in Bezug gesetzt wird!
Abb.86: Einheitliches Objekt
Durch Skalierung und Partitionierung kann ich z.B. den oberen und unteren Teil eines Turms als „getrennte“ Einheiten betrachten und sie in meiner Betrachtung gegenüberstellen. Ich könnte z.B. sagen: „Der untere Teil hat ein Tor, der obere Teil hingegen Zinnen.“
Abb.87: Objekt wird durch Skalierung des Wahrnehmungsraumes „aufgeteilt“
ERLEBENSPROZESS 1: ALLGEMEIN
EBENEN DES BEWUSSTSEINS:
Man spricht vom Bewusstsein stets im Singular. Tatsächlich aber hat es mehrere, ineinander verwobene Formen:
KOGNITIVES BEWUSSTSEIN
Es besteht aus drei Stufen:
In seiner primären Form ermöglicht es die bewusste Repräsentation des Körpers und der Umwelt.
Die zweite Stufe (introspektives oder reflektierendes Bewusstsein) erzeugt die Fähigkeit, im Geiste den eigenen Gedankenstrom zu verfolgen und Gedanken zweiter Ordnung über die eigenen mentalen Zustände zu fassen.
Die dritte Stufe bezeichnet das Ich- oder Selbstbewusstsein, also die Fähigkeit, sich selbst als Subjekt eigener Gedanken wahrzunehmen und die eigene Existenz als Individuum zu begreifen.
PHÄNOMENALES BEWUSSTSEIN
Diese Form des Bewusstseins betrifft die subjektiven und qualitativen Aspekte der bewussten Erfahrung.
Übergänge
Der Er-lebensprozess ist u.a. durch eine Reihe latenter „Übergänge“ geprägt, die wir zumeist schon angesprochen haben:
Der Wesentlichste dieser Art ist der Übergang von Materie zu Geist (also von organischer Aktivität in geistiges Erleben) bzw. von Realität in Information, von tatsächlich vorhandenen Inhalten der Umwelt in geistige Repräsentationen (Bilder, Vorstellungen, Konzepte).
Ferner gibt es einen Übergang von unbewusster zu bewusster Information („Wahrnehmungsschwelle“).
Weiterhin einen Übergang von rein „sachlichen“ in „moralische“ Informationen, also Informationen, die unsere Emotionen, Interessen und Motive berühren und insofern eine „Relevanzschwelle“ erreichen.
Verschiedene, hierarchisch gestaffelte Systeme arbeiten sowohl latent für sich als auch im Austausch mit über- und untergeordneten Systemen. Eine Information kann mitunter verschiedene Kanäle gleichzeitig durchlaufen.
DIE DYNAMIK DES ERLEBENS:
Nachfolgend sollen einige profane, aber grundlegende Begriffe angeführt sein, die sich für eine allgemeine Beschreibung von Erlebens- und Wahrnehmungsprozessen eignen. Sie lauten: INHALT, THEMA, EBENE, PERSPEKTIVE und FOKUS.
INHALT:
Alles, was wir wahrnehmen oder erleben, wird als Information in unserem Echtzeit- Arbeitsgedächtnis dargestellt. Inhalte sind zunächst einmal alle „gewöhnlichen“, „analogen“ Informationen. Man könnte sie als „neutrale Repräsentationen“ bezeichnen, da wir sie zwar (teilweise auch durchaus bewusst) wahrnehmen, ihnen aber weder gesteigerte Aufmerksamkeit noch Interesse entgegenbringen.
THEMA:
Im Gegensatz zu einem die Wahrnehmungsschwelle überschreitenden „Inhalt“ erreicht ein Thema zudem auch eine „Relevanzschwelle“, weil es unser Interesse berührt. Wir setzen uns bewusst oder jedenfalls vordergründig (gedanklich) damit auseinander, weil es abstrakt mit unseren (Über-) lebensvorteilen oder unserem Lustgewinn (egal ob positiv oder negativ) korreliert. Es gibt auch „Themen“, die sich aus rein zufälligen Schwankungen von Aufmerksamkeits- oder Wahrnehmungsfokus ergeben.
PROBLEM:
Probleme unterteilen sich in zwei Kategorien:
- A) unerfreuliche Informationen: Dinge, die uns belasten, verunsichern, in Entscheidungssituationen führen, konkret oder abstrakt mit unserem Über-/lebensvorteil oder Lustgewinn zu tun haben (so wie allgemein auch ein „Thema“, nur eindeutig negativ und ggf. stärker).
- B) unlogische Informationen: sie sind unvollständig, widersprüchlich, mehrdeutig oder auch alles zusammen.
DER ÄUSSERE KONDENSATIONSPUNKT
ist etwas, das unser subjektives (primär durch Körperempfindungen generiertes) Existenzempfinden vervollständigt. Damit meine ich irgendeinen X-beliebigen Inhalt im Bereich der zumeist äußeren Wahrnehmung, der (zufällig) deutlicher und konkreter als anderweitige Inhalte erlebt wird. Betrete ich etwa einen Raum, muss sich mein Sehstrahl zwangsläufig auf irgendetwas richten, analog zu einem zufälligen Steinwurf, der irgendwas treffen muss (und sei es nur ein Punkt X auf dem Fußboden). Kondensationspunkt deshalb, weil uns die (reflexive, unbewusste) Erkenntnis einer erhöhten Wahrnehmung oder Aufmerksamkeit auf irgendeinen Inhalt indirekt Rückschluss auf unsere eigene ICH-Präsenz bzw. Bewusstseinsaktivität liefert. Wenn ich z.B. einen Apfel zufallsbedingt im Fokus meines Gesichtsfeldes habe (der visuelle Kanal ist für uns Menschen der dominante Sinneskanal), so lautet die rein vegetative, rückkoppelnde Botschaft an das Unterbewusstsein:“ ICH bin derjenige, der diesen Apfel gerade wahrnimmt“ oder „ICH bin derjenige, der diesen Apfel deutlicher wahrnimmt als irgendwas anderes“. Analog hierzu folgender Vergleich: Das Vorhandensein von Wasserdampf in einem geschlossenen Raum ist unterhalb einer gewissen Quantität nicht ersichtlich. An den Fensterscheiben aber kondensiert der Dampf ab einer gewissen Konzentration und hinterlässt deutlich sichtbare Wassertröpfchen, ist also indirekt erkennbar.
EBENE:
Ebenen bezeichnen mögliche (abstrakte) Bezugssysteme oder Bezugsräume von Inhalten. Betrachten wir den Begriff Mensch: Ein Mensch steht u.a. im Kontext zu einer biologischen, sozialen und ökonomischen Bezugsebene. Als Mensch bin ich ein biologisches Lebewesen. Meine phänotypischen Merkmale unterscheiden sich von jenen anderer Lebensformen, meine Organ- und Zellfunktionen hingegen sind weitgehend mit jenen aller anderen Lebensformen (insbesondere der Säuge- und Wirbeltiere) identisch oder ähnlich. Ferner bin ich ein soziales Lebewesen. Ich habe eine Familie, Verwandte, Arbeits- und Vereinskollegen. Ebenso bin ich Teil einer Volkswirtschaft (ökonomische Bezugsebene). Ich übe eine berufliche Tätigkeit aus, beziehe Leistungen, ich spare und konsumiere.
PERSPEKTIVE:
Eine Perspektive steht grundsätzlich für die „Ausrichtung“ oder das „Gerichtet – Sein“ von Wahrnehmungsfunktionen und kognitiven Prozessen. Den Begriff könnte man aber auch auf den mentalen Zustand (insbesondere bewusste und unbewusste Intentionen, Einstellungen und Vorurteile) eines Beobachters, eines wahrnehmenden Subjektes, ausdehnen. Ein Naturschützer nimmt einen 700 Jahre alten Eichenbaum unter „anderen Gesichtspunkten“ wahr wie ein Möbelfabrikant.
FOKUS:
Der Fokus fixiert einen Wahrnehmungsinhalt oder-bereich bzw. reguliert den Wahrnehmungsraum des Beobachters durch Verengung und Erweiterung.
ZUSTANDSFORMEN DES „ICH“
Man könnte feststellen, dass sich bei mentalen Erlebensprozessen bezüglich der eigenen Identität mehrere Subfunktionen die Klinke in die Hand geben! Da gibt es ein ICH und ein ES, einen (wahrnehmenden) BEOBACHTER und einen (entscheidenden und handelnden) AKTEUR.
Hierzu ein paar profane Definitionen:
ICH: Willentliches und sehr bewusstes Wahrnehmen, Denken, Entscheiden und Bewerten.
ES: reflexives, „passives“, nicht zielgerichtetes oder anlassbezogenes Wahrnehmen und Denken; subtiles, „reaktionäres“ Entscheiden und Bewerten ohne Vorsatz und Willensanstrengung, alles zumeist bei geringem Bewusstheitsgrad.
BEOBACHTER: Wahrnehmen und Reflektieren
AKTEUR: Planen, Bewerten, Entscheiden und nicht zuletzt Handeln bzw. Ausführen.
Jede dieser Subfunktionen ist für sich und aus sich heraus dazu befähigt, den Wahrnehmungs-Fokus zu erweitern und zu verengen sowie ein Thema oder eine Ebene zu wählen oder zu wechseln!
Meine Motive und Absichten können sehr vordergründig und präzise sein. Wenn nicht, habe ich aber zumindest ein „Thema“, d.h. einen Wahrnehmungsinhalt, mit dem ich mich aufgrund irgendwelcher (zufälligen) Umstände mental auseinandersetze oder den ich zumindest in erhöhter Deutlichkeit wahrnehme (ggf. in Form eines oben beschriebenen „äußeren Kondensationspunktes“).
ICH, ES, BEOBACHTER UND AKTEUR IM WECHSELSPIEL:
Mein FOKUS (Wahrnehmungsfeld) verengt und erweitert sich unablässig und abwechselnd. Ständig nehme ich Inhalte wahr. Ständig werden Inhalte zu Themen und Themen zu Inhalten. Ebenso unablässig erfolgen die Auswahl und der Wechsel von Inhalten, Themen und Ebenen. Phasen in denen ich sehr (selbst)- bewusst präsent bin und willentlich plane und entscheide, wechseln sich mit solchen, in denen mein Geist mehr oder weniger „ziellos“ umherschweift und sich relativ wahllos, reflexiv und wenig bewusst an alle möglichen Inhalte und Themen heftet.
Ein Beispiel: Ich gehe durch die Stadt, um einen Einkaufsbummel auszuführen. Ich nehme viele Inhalte in einem weiten Fokus wahr (Passanten, Autos, Häuser, etc.). Nun sehe ich einen alten Schulfreund – dieser Inhalt weckt mein Interesse und wird zu einem Thema, mein Fokus bzw. Wahrnehmungsfeld verengt sich deshalb auf seine Person. Ich nähere mich ihm und beginne ein Gespräch – mein Fokus erweitert sich und es bilden sich eine Reihe, seine Person betreffende Themen (Familienstand, Beruf, Wohnort, etc.). Eines dieser Themen interessiert mich vordergründig – der Fokus verengt sich auf dieses Thema und ich frage nach seinem Familienstand. Er bestätigt verheiratet zu sein – mein Fokus erweitert sich themenspezifisch und ich will nun wissen, wen er geheiratet hat, wo er seine Frau kennen lernte, etc. Im weiteren Verlauf kommen wir auf sein Auto (Thema) zu sprechen – ein Porsche 911 Carrera. ES interessiert mich (passiv, aus reflexiver Neugierde) wie viel PS das Auto hat (Ebene). Ich staune über seine Antwort und ICH will nun wissen (aktiv, aus vordergründigem Interesse) wie viel es gekostet hat, wechsle also die Ebene (von der technischen zur ökonomischen). Anschließend unterhalten wir uns über anderweitige Dinge. Manche meiner Fragen ergeben sich also infolge eines gezielten, bewussten Interesses. Sollte ich hinterher bewusst über die Situation reflektieren, werde ich sagen, ICH hätte dieses und jenes von ihm aktiv erfahren wollen. Ergibt sich die Entscheidung für ein Thema hingegen sehr spontan und ohne vorheriges Abwägen, werde ich hinterher sagen, ES hat mich interessiert, mich in dieser oder jener Richtung zu erkundigen (das Interesse „kam“ also „passiv“ über mich, so wie ein Bedürfnis zum Gähnen oder sich zu Räuspern auftreten kann).
Ebenso polarisiert sich mein Verhalten zwischen Sequenzen, die man eher einem passiven Beobachter zuschreiben könnte, der Informationen jenseits konkreter Motive oder Handlungsabsichten sammelt und Sequenzen, in denen ein bewusst und planerisch handelnder Akteur vordergründig aktiv ist. Ein Beispiel: Ich sitze Sonntagnachmittag auf einer Bank im Zoo vor dem Affengehege und lasse die Gedanken entspannt schweifen. Im Laufe der Zeit werden mir in zunehmender Deutlichkeit irgendwelche, die Situation betreffende Fakten bewusst: Ich erkenne das mindestens 7 statt der anfangs 4 wahrgenommenen Affen im Gehege sind. Mir fällt auf, dass ein Tier hinkt. Ich bemerke, dass einem Schimpansen ein Stück Fell fehlt. Irgendwann gelange ich zu der Feststellung, dass in Anbetracht der guten Wetterlage eigentlich nur wenige Besucher hier sind. Wenige Augenblicke später fällt mir spontan dazu ein, dass gerade Sommerferien sind und viele Leute wohl in Urlaub gefahren sind. All diese Dinge haben mich eigentlich nicht gezielt interessiert. Der innere Beobachter hat sie nach und nach eruiert. Der Akteur hingegen lässt mich irgendwann abwägen, ob ich zum Delfinarium oder ins Reptilienhaus weitergehen soll. Er gibt mir vielleicht den willentlichen Handlungsimpuls, unter den Affen im Gehege bewusst das mutmaßlich größte und schwerste Tier zu finden oder er lässt mich autoreflexiv darüber wundern, wie und warum der (eigene innere) Beobachter ausgerechnet auf diesen oder jenen Wahrnehmungsinhalt aufmerksam wurde („Warum interessieren mich die Affen überhaupt?“).
ICH, ES, Beobachter und Akteur verhalten sich im Grunde entgegengesetzt: Wenn das ICH den Fokus erweitert oder verengt, wird das ES ihn im nächsten Reaktionsschritt das Gegenteil vollziehen. Erweitert der Beobachter den Fokus, wird der Akteur ihn verengen und umgekehrt. Entscheidet sich das ICH für ein Thema, wählt das ES eine Ebene und umgekehrt. Ebenso wird der Akteur eine Ebene wählen, wenn sich der Beobachter vorher für eine Thema entschieden hat und umgekehrt. Generiert das ES-Handlungsoptionen, vollbringt das ICH eine Entscheidungsfunktion und umgekehrt. Reflektiert das ICH während einer Erlebenssequenz (Wahrnehmung der unmittelbaren Vergangenheit), projiziert das ES eine Vorstellung über die unmittelbare Zukunft und umgekehrt.
Das Driften zwischen Themen und Ebenen, die Erweiterung und Verengung des Wahrnehmungs-Fokus sowie die abwechselnde Dominanz von „ES“- oder „ICH“-Aktivität bzw. die vorherrschende Aktivität von Beobachter und Akteur erfolgen oszillierend, d.h. das System pendelt gesetzmäßig zwischen diesen Funktionsmustern.
DER ERLEBENSPROZESS ALS EINE SICH SELBST ERZÄHLENDE GESCHICHTE
DAS SELBST- UND WIRKLICHKEITSERLEBEN IM WECHSELSPIEL MENTALER PERSPEKTIVEN
Ich lade den Leser neuerlich zu einem Gedankenexperiment ein:
„Das total überwachte Haus“
Ein Haus steht auf einem umzäunten Grundstück. An den Eckpunkten des Grundstückes sind stationäre Überwachungskameras mit Blickrichtung zum Haus montiert. Im Haus wiederum befinden sich zahlreiche fest installierte Kameras in jedem Zimmer. Zusätzlich befindet sich ein ferngesteuerter Roboterhund mit Kameraaugen im Haus, der Treppen steigen, die Gänge ablaufen, die Zimmer betreten und notfalls sogar das Haus verlassen und sich im Außenbereich des Grundstücks aufhalten kann.
Abb.88: Im Haus sind zahlreiche Innen- und Außenkameras installiert und ein mobiler Roboter-Hund vorhanden.
Wir sitzen in einem Kontrollraum vor zahlreichen Bildschirmen, die uns Kamerabilder von Objekten, Personen und Ereignissen im Haus liefern. Wir können auch den Roboterhund steuern.
Betrachten wir für die nachfolgenden Überlegungen ein paar grundlegende Begriffe:
Realität beschreibt Objekte, Situationen und Ereignisse in der realen, physikalischen Welt, die unabhängig von unserer Wahrnehmung vorhanden sind. Die Realität hängt von „Energie“ ab (Materie ist zudem äquivalent zu Energie).
Keine Realität ohne Energie!
Information beschreibt das Wissen oder die Erkenntnis eines wahrnehmenden, kognitiven (und ggf. auch selbst – bewussten) Systems (oder Subjekts) über die Wirklichkeit. Informationen sind „Repräsentationen“, „Abbildungen“ der Realität, die sowohl „unmittelbar“ über die Sinnesorgane in unseren Wahrnehmungsbereich und unser Bewusstsein gelangen als auch abstrakt auf kognitivem Weg gebildet werden. Informationen sind in Form von Symbolen, Begriffen, Vorstellungen, Konzepten, Metaphern, Abstraktionen – letztendlich „Bildern“ vorhanden!
Keine Information ohne ein Symbol, einen Begriff oder ein Bild!
Eine weitere Definition beschreibt die Funktion. Sie steht für die Umwandlung von Realität in Information, sowie für neuronale Arbeitsschritte zur Manipulation und Speicherung vorhandener Informationen. Von besonderer Bedeutung sind die Wahrnehmungs-Funktionen.
Auch die „Perspektive“ ist eine Funktion, und zwar ein sehr hochpotente. Sie beschreibt die gleichzeitige Ausrichtung oder das „Gerichtet sein“ von mehreren verschiedenen Wahrnehmungsfunktionen oder-kanälen auf einen gemeinsamen, fokussierten Wahrnehmungsinhalt. Perspektiven stehen auch mit „Prädestination“, „Erwartung“ und „Vorurteil“ in Verbindung.
Keine Wahrnehmung ohne Funktionen und ohne (mindestens eine) Perspektive!
Funktionen sind also ein Mittler zwischen Realität und Information. Sie sind der materielle Anteil von Geist und Psyche, sie beziehen sich nicht auf die Informationen an sich, sondern auf die „Hardware“, auf die lokalen und regionalen Nervenbahnen, auf feste und flexible Verbindungen zwischen verschiedenen Hirnarealen, lokalen Gedächtnisspeichern und/oder Assoziationszentren.
Keine Funktionen ohne neuronale Aktivität!
Funktionen sind der physikalische Faktor der Informationserzeugung: Wenn ich z.B. den Kopf nach links oder rechts drehe und somit die Ausrichtung meines Gesichtsfeldes ändere, nehme ich jeweils andere visuelle Inhalte wahr. Oder denken wir an die Unmittelbarkeit von Schmerzempfindungen, etwa durch Hitze, durch kinetische oder mechanische Einflüsse (wenn wir uns bspw. den Finger einklemmen)! Das Schmerzerleben ist ebenfalls Sache des Hirns, nicht des eingeklemmten Fingers. Aber Schmerz ist nichts Abstraktes, ist kein geistiges, auf Vorstellung und Kognition basierendes Konzept, sondern eine außerordentlich analoge, fast ausschließlich auf Funktion basierende Information, die sich sehr unmittelbar auf die Realität bezieht. Noch eindeutiger wird es, wenn wir uns das Phänomen der Phantomschmerzen, also Schmerzen in einer amputierten, gar nicht mehr vorhandenen Gliedmaße ansehen! Diese „Information“ ist eine reine „Funktion“ (der Aktivität jenes Hirnareals, welches die Gliedmaße auf der Oberfläche des sonsomotorischen Cortex repräsentiert).
Es hängt also davon ab, wie viele und unterschiedliche Areale oder Strukturen zwischen „Ursprung“ und dem „Ergebnis“ bzw. dem „Entstehen“ und dem (bewussten) Wahrnehmen und Erleben“ einer Information zwischengeschaltet sind und wie stark sich die Information infolge der Wechselwirkung der beteiligten Strukturen verändert oder vom Beginn weg „determiniert“ ist (der Ausgangsreiz kann viele Abzweigungen durchschreiten und mancherlei Veränderung erfahren). Beim Schmerzerleben sind wie angesprochen eher wenige und „einfache“ Strukturen beteiligt. Die Nervenleitung zwischen Finger und Ellbogen ist wahrscheinlich nicht wesentlich anders als z.B. jene zwischen Lenden- und Halswirbelsäule.
Unter Funktionen fallen aber auch präorganisierte Kognitionsleistungen. Am Beispiel der menschlichen Sprache und der Art und Geschwindigkeit, wie Kleinkinder die Grammatik und Syntax ihrer Muttersprache verinnerlichen, wird dies deutlich. Neurowissenschaftler sind sich darin einig, dass es eine Art „Sprachmaschine“ geben muss, die es Kleinkindern gestattet, relativ unabhängig vom Faktor Intelligenz ihre Muttersprache (Grammatik und Syntax) „aufzusaugen“.
Betrachten wir etwa verschiedene Verben und deren „automatischen Saugarme, die unabhängig von unserer bewussten Erwartungshaltung nach gezielten Informationen „greifen“: Höre ich in einem Satz etwas von „geben“, weiß ich automatisch, dass mindestens drei Variablen zu einer sinnvollen Satzaussage gefordert sind! Jemanden der etwas gibt, jemanden der etwas erhält und ein Objekt, dass den Besitzer wechselt. Die Verben „Essen“ und „Schlafen“ fordern hingegen unmittelbar nur nach einem Subjekt (Wer?), sofern man die näheren Umstände (wann?, wo?) außer Acht lässt. Das Verb „Schlagen“ verlangt sowohl nach einem Täter (Wer?) als auch nach einem Opfer (Wen?). Nicht „Ich“, sondern mein Sprachzentrum „weiß“, dass etwas fehlt bzw. welche und wie viele Komponenten fehlen! Es kennt zwar nicht die genauen Objekte, jedoch sehr wohl deren grundsätzliches Wesen und ihre grundsätzliche Anordnung gegenüber dem Satz-Subjekt oder zur Satzaussage!
Aber auch manchen an sich zusammenhanglosen Wortassoziationen wohnen „kognitive Pfade“ inne. Die Begriffe „Hammer“, „Nagel“ und „Bild“ verleiten uns fast zwangsläufig dazu, an eine (so überhaupt nicht erzählte) Geschichte einer Person zu denken, die mit Hilfe eines Hammers einen Nagel in die Wand schlagen will, um daran ein Bild aufzuhängen. In diesem Fall startet keine innere „Such- Funktion“ wie am Beispiel der „Sprachmaschine“, die sich auf Verben stürzt, sondern es erfolgt eher umgekehrt eine „nicht angeforderte Lieferung“. Es wird ein Muster (d.h. hier die Vorstellung von einer Handlung) vorbewusst und automatisch vervollständigt!
In der Hierarchie des Hirns gibt es zum einen physikalisch festgelegte Strukturen unterschiedlicher Komplexität! Der sensomotorische Cortex (für das „Körper-Schema“ zuständig) ist sicherlich um einiges einfacher aufgebaut als z.B. das für Sprachproduktion/-erkennung zuständige Broca- oder Wernicke- Areal. Der präfrontale Cortex wiederum ist um einiges komplexer als die vorgenannten Strukturen! Es gibt eine ganze Reihe an „festen Strukturen“, etwa die Verbindungswege und Instanzen, die der visuelle Input von den Sinneszellen der Augen über diverse Nervenbahnen, über den visuellen Cortex bis in die assoziativen Bereiche des präfrontalen Cortex durchläuft. Darüber hinaus gibt es aber auch eine „flexible Ordnung“, eine sich funktional und dynamisch bildende Hierarchie in Form „funktionaler Cluster“. Ein funktionaler Cluster ist ein neuronaler Zellverband, dessen beteiligte Neuronen untereinander stärker (rückkoppelnd) wechselwirken als „nach außen“ bzw. mit anderen Zellen oder Zellverbänden. Durch Clusterbildung können sich innerhalb einer physikalisch homogenen Struktur (wenn wir ein bestimmtes Hirnareal betrachten) spontan ein oder mehrere lokale Bereiche höherer Komplexität bilden und temporär von ihrer Umgebung abgrenzen. Sie können sich dann in wechselseitige hierarchische Positionen zueinander begeben und sich ebenso wieder auflösen.
Betrachten wir dazu nachfolgende Bilder: Das Gewebe in den Würfeln ist absolut homogen. Ein Chirurg könnte keine voneinander abweichenden Strukturen unterscheiden. Die beispielhaft dargestellten Cluster (grüne und orange Struktur) sind spontan entstanden. Sie zeichnen sich durch ihre lokale (aber dynamische, veränderliche) Abgrenzung gegenüber dem restlichen Gewebe aus. Sie können sich auch wieder auflösen. In den Bildbeispielen „umkreisen“ sie den Mittelpunkt des Raumes. Innerhalb der Cluster besteht eine höhere Verbindungsstärke zwischen den beteiligten Neuronen als gegenüber den „nicht beteiligten“ Zonen.
Abb. 89: Innerhalb der Cluster haben die Neuronen eine stärkere Verbindung untereinander.
Abb. 90: Die Cluster sind dynamisch, veränderlich. Sie „wandern“, indem sie vormals involvierte Neurone von der Beteiligung ausschließen, andere hingegen neu integrieren.
Wenn eine Information auf sehr komplexe Weise bzw. auf sehr komplexen Wegen gebildet wird, entspricht sie viel mehr einer Abstraktion, einer indirekten, ihrerseits auf (anderweitigen) Informationen beruhenden Information, da ein höheres Maß an physikalischer Funktion (Mit- bzw. Wechselwirkung von Clustern und festen Strukturen) an ihrer Bildung beteiligt und ihr inhaltlicher Gegenstand die Summe aus den Beiträgen verschiedener Instanzen ist!
Auf Ebene der Neuronen und des Zusammenwirkens von Assoziationszentren und Clustern gibt es also einen „physikalischen Faktor“ (Generieren, Weiterleiten, Verbinden, Auslesen von Informationen), den man dem „virtuell-temporären Anteil“ (dem Gegenstand der Repräsentationen) gegenüberstellen könnte!
Noch einmal zurück zum Bild des „total überwachten Hauses“
Was sich im Blickwinkel der Kameras befindet, ist Realität, was auf den Bildschirmen im Überwachungsraum ankommt, ist Information. Die vielen Kameras entsprechen den Perspektiven.
Die technischen Parameter der Kameras (Bildauflösung, Infrarot-Fähigkeit, Blickwinkel, Schwenkradius, Zoomfaktor, etc.) korrelieren hier mit dem Begriff der Funktion („Wahrnehmungsfunktionen“). Ein auf die Linse einer Kamera geklebter Kaugummi oder ein zwecks Täuschung vor die Linse gehängtes Bild (z.B. einer Postkarte mit Bergpanorama) wäre ebenfalls eine Funktion, weil dieser Täuschungs- oder Störfaktor maßgeblich bestimmt, was wir auf dem Bildschirm sehen bzw. welche (in diesem Fall falsche) „Information“ uns erreicht!
Wie an anderer Stelle bereits dargestellt, existieren mögliche Umwandlungsvorgänge zwischen Informationen, Perspektiven und Funktionen!
Stellen wir uns vor, wir sehen in einem Zimmer ein nicht eindeutig erkennbares (weil z.B. zu kleines) Objekt. Oder wir sehen jemanden aus dem Zimmer huschen, den wir aufgrund seiner Bewegungsgeschwindigkeit oder des ungünstigen Blickwinkels der lokalen Kamera nicht erkennen können. Im ersten Fall könnten wir versuchen, das Objekt zu zoomen, im zweiten Fall müssten wir auf eine andere Kamera im Nebenzimmer umschalten. Es wären also zusätzliche Perspektiven und/oder Funktionen nötig, um die „vollständige“ Information zu erhalten!
Oder stellen wir uns vor, im Schlafzimmer befände sich ein Liebespaar, dass zur Wahrung seiner Intimsphäre einen Kaugummi vor die Linse klebt. Die (Stör-)funktion der Kamera wird zur „Information“ über die Vorgänge im Zimmer. Wenn mir (als Beobachter) der Vorgang der Manipulation nicht bekannt und bewusst ist, „sehe ich schwarz“ und muss davon ausgehen, was sich wahrnehme, wäre die tatsächliche Information (hier ein stockdunkles Zimmer). Die Funktion (die darin besteht, ein „alternatives“ Bild zu liefern) wird also zur Information (eines Bildes, das ich fälschlich als eine Wiedergabe der realen Situation erachte).
Ein anderer Sachverhalt: wir sehen eine Person, wissen aber nicht mit Sicherheit, in welchem Zimmer sie sich befindet (weil es z.B. zwei identisch eingerichtete Schlafzimmer gibt). Wir könnten den Roboterhund auf Suchpatrouille schicken. Wenn uns seine mobile Kamera sowohl die Person, die uns näher interessiert, als auch die Kamera zeigt, welche die vorangegangene Perspektive geliefert hat, dann wissen wir, woher die ursprüngliche Aufnahme stammt (von welcher Kamera bzw. aus welchem Raum). Die (anfängliche) Perspektive wird hier also auch zur Information (wird „umgewandelt“ oder weist jedenfalls eine Doppelrolle aus Information und Funktion auf).
Das Produkt des geistigen Erlebensprozesses resultiert aus der Summe der aktiven Funktionen (= Qualität der Umwandlungsprozesse von „Realität“ in Information), der Perspektiven (Ausrichtung von Wahrnehmungsfunktionen) und den Repräsentationen bzw. Informationen an sich! Die Begriffe sind mitunter umwandelbar, wie soeben erläutert wurde. Bisweilen sind sie – je nach Art und Größenordnung des betrachteten Prozesses- auch nicht eindeutig voneinander trennbar.
DER ERLEBENS-PROZESS IST EINE „SICH SELBST ERZÄHLENDE GESCHICHTE“!
Wir wissen, was eine Situation (Anordnung von bzw. Beziehung zwischen Objekten) und was ein Ereignis (Veränderung von bzw. Interaktion zwischen Objekten) ist. Eine Geschichte unterscheidet sich gegenüber einem Ereignis in der Ungleichberechtigung der beteiligten Objekte aufgrund der Subjektivität des Beobachters! In einer Geschichte wird eine einzelne Person oder ein einzelnes Objekt zum „Hauptthema“!
Während sich ein „Ereignis“ gewissermaßen in Folge-Ereignisse und -situationen „zergliedert“ oder auffächert, beschreibt eine Geschichte den Fortgang der Entwicklung einer Person, eines Objekts oder einer „Sache“ über mehrere Ereignisketten hinweg! Wenn ich auf einem Ameisenhaufen die unzähligen umherlaufenden Tiere beobachte, entspricht das, was ich sehe, einem Ereignis: viele einzelne Objekte verändern (gleichzeitig) ihre jeweilige Position zueinander. Wenn ich aber eine einzelne Ameise mit einem farbigen Punkt markiere und ihre Fortbewegung beobachte, handelt es sich um eine Geschichte, nämlich um die Geschichte eines einzelnen Tieres in Gegenüberstellung zum restlichen Gesamtereignis! Es gibt keinen physikalischen oder realen „Grund“, warum diese einzelne Ameise aus dem Gesamtereignis gelöst sein sollte, außer meinem eigenen subjektiven Interesse!
Die nächstgrößere und im Grunde auch „höchste“ Kategorie an Information (oberhalb von „Geschichte“) wäre das Narrativ, eine Geschichte über den (angenommenen) Sinn einer Geschichte. Narrative sind der Grundpfeiler unserer subjektiven Sinndeutung, mit der ein Subjekt sich selbst, seine Wahrnehmungen, letztlich die ganze Welt „erklärt“.
Wann und warum selektiert das Hirn ein Detail aus dem Gesamtkontext um es als gesonderte, vorrangige Einheit zu behandeln?
In der der realen Welt existieren wie gesagt nur Objekte, Situationen und Ereignisse! Geschichten und Narrative gibt es nur für (selbst-)bewusste Beobachter!
Im Erlebensprozess ist das „Hier und Jetzt“ das Hauptthema und das „ICH“ die Hauptperson! Das „Hier und Jetzt“ ist ein Ausdruck höchster Aktualität. Das ICH ist das höchstpotente Ergebnis eines latenten Prozesses der Subjektivierung!
Die „Geschichte“ unseres Lebens erscheint uns immer „stimmig“ (außer wir leiden an Schizophrenie)! Damit eine Geschichte „stimmig“ ist, muss sie entweder logische Informationen enthalten (dann ist sie in Bezug auf den Inhalt des Erlebten „logisch“, also weder widersprüchlich, unvollständig noch ambivalent bzw. vieldeutig) oder eine latente Generierung / einen latenten Übergang an Wahrnehmungsperspektiven und -funktionen erzeugen, innerhalb derer das Selbst im Kontext zu seiner Umwelt, seinen eigenen Wahrnehmungen und „Problemen“ relativ analog oder zumindest „unkompliziert“ dargestellt (repräsentiert) werden kann. Dann ist der Erlebensprozess insgesamt „logisch“. Soll heißen: es gibt eine „semantische“ Logik (was ich wahrnehme) und eine „funktionale“ Logik (wie ich wahrnehme).
Im Gegensatz zur Modellvorstellung des „total überwachten Hauses“ sind wir im tatsächlichen Erlebensprozess keine „externen Beobachter“ die sich in einem geheimen Kontrollraum befinden! Wir sind selbst das Produkt einer „internen Sensorik“ des Hirns! Und die „Räume“ (des Hauses) sind im Hirn mitnichten strikt getrennt, sie werden vielmehr durch einen immerwährenden „Skalierungs- und Partitionierungsprozess“ gebildet, die „Wände“ können sehr flexibel hochgezogen und auch in ihrer Position verändert werden!
Programme, Agenten, Algorithmen
Auf tiefster, materieller Ebene erzeugt und reguliert das Gehirn Funktionen der Wahrnehmung, der Kognition, des Fokus und der Perspektiven sowie des Bewusstseins durch zyklische Wechsel von Grundperspektiven, die u.a. auch für eine ständige Skalierung und Partitionierung des Wahrnehmungsraumes sorgen. Auf höchster Ebene des Bewusstseins, der Identität, der Welt- und Selbstwahrnehmung hingegen operiert das bewusste ICH auf gedanklicher Basis mit Abstraktionen, Analogien, Metaphern, Vorstellungen und Konzepten.
Es gibt aber auch einen Zwischenbereich. Das Sprachprogramm (angeborener Mechanismus zur Identifikation und Abbildung von Syntax und Grammatik der Muttersprache) wurde bereits erwähnt. Verben, die wir lesen oder hören, geben uns unmittelbar Auskunft oder Vorstellung über Subjekt, Objekt, Zeitpunkt und grundsätzliche Art bzw. Kontext einer Handlung oder eines Vorganges.
Es gibt aber komplexere „automatische“ Vorgänge in unserem Gehirn. Algorithmen, Programme und „Agenten“ sind eher Begriffe aus der Informatik. Man darf davon ausgehen, dass sich ähnliches sehr wohl auch in unserem Gehirn abspielt! Einfachere oder komplexere (mitunter auch nur temporäre) Programme, die „selbständig“ nach Mustern suchen (dabei mitunter auch autonom u.a. in die Ausrichtung und Regulierung des Fokus eingreifen) oder Meta-Funktionen ausüben (etwa zwischen „Singular“ und „Plural“, „gradueller Änderung“ und „vollständigem Wechsel“ einer Information unterscheiden bzw. diese Definition vornehmen).
Sie reiten auf den internen Funktionen und Perspektiven, vereinnahmen sie mitunter. Denken wir wieder an das überwachte Haus: Wenn ich einer sich bewegenden Person folgen will, schalte ich gezielt immer auf die dafür erforderlichen Kameras weiter.
Wenn Perspektiven, Programme oder Algorithmen aufeinandertreffen, sich sozusagen in die Quere kommen, kann zweierlei passieren: Entweder wird eine der Perspektiven zur Information für die andere (erinnern wir uns an den „Roboterhund“, der auf eine der fest installierten Kameras aufmerksam wird). Oder sie wechselwirken funktional je nach den gegebenen Bedingungen in konkurrierender oder sich verstärkender Weise. Sie können auch phasenweise ineinander übergehen oder sich ineinander verschachteln.
WIE LÖST DAS HIRN DAS HIERARCHIE- PROBLEM
Im Gehirn zirkulieren ständig Informationen in Schleifen. Die Verbindungen reichen von einfachen zu komplexen Strukturen (real-physikalische Strukturen und temporärer Cluster) und wieder zurück. Aber es gibt kein „totales Zentrum“, keine „ultimative“ Instanz!
Das Problem ist Folgendes: wenn sich Dichte und Komplexität einer „nach oben weitergereichten“ Information stets erhöhen und zur Wahrnehmung oder Integration einer komplexen Information stets ein noch komplexeres System erforderlich ist, kommt man irgendwann „ins Unendliche“!
Das Hirn hat allerdings Möglichkeiten, wieder auf eine „Abwärtsspirale“ umzuschalten! Wie nicht alles jemals Erlebte und Erlernte in unserem Gedächtnis haften bleibt, so bereinigt das Hirn auch latent unser Arbeitsgedächtnis (Ultrakurzzeitspeicher), den Wohnsitz unseres „phänomenalen Selbst“ und unseres „Aktualbewusstseins“. An einem Punkt starker interner Komplexität dominieren wieder „funktionsbasierte“ Informationen aus tieferen Schichten (u.U. auch eine „Emotion“ oder „Empfindung“) gegenüber „repräsentationsbasierten“, komplexen Informationen in höheren Schichten! Eine „komplexe“ Information kann ggf. auch auf einfachere Weise abgebildet werden.
Die Wirkung (Funktion) oder Darstellung (Repräsentation) einer Information kann u.U. sogar gerade wegen ihrer schwachen Definition begünstigt sein, weil eine weniger ausgeprägte Information bindungsfähiger bzw. konnektiver ist, und so für mehrere, durchaus unterschiedliche Perspektiven, Algorithmen oder Programmen infolge „minimaler Referenzkriterien“ ein Funktionsauslöser oder ein „semantischer Baustein“ sein kann.
Denken wir an die uns oft vertraute Situation, wenn uns etwas „auf der Zunge liegt“, dass wir absolut nicht ausdrücken können! Die kaum vorhandene, nicht greifbare Information bringt unsere Assoziations- und Gedächtnisräume zum Rattern. Mitunter werden im Zuge der vergeblichen Suche „abwegige“ Zwischenergebnisse erzeugt, an die wir ohne einen gegebenen Anlass niemals denken würden?!
Wir alle kennen vermutlich auch alle das Gefühl, sich ohne ersichtlichen Grund beobachtet zu wähnen oder sogar eine unheimliche „Grabeskälte“ zu fühlen?! Wir wissen weder warum noch wovor wir uns eigentlich fürchten?! Was wir spüren, ist der „Leerlauf von Hardware“, eine Aktivität innerhalb der für die Angstempfindung zuständigen Hirnregionen. Ähnlich verhält es ich, wenn uns nachts im Bett die Beine kribbeln. Vermutlich springen wir nicht hysterisch aus dem Bett, um irgendwelche vermuteten Ameisen oder Maikäfer aus der Decke zu schütteln?! Wir wissen, dass es sich um eine Nervenreaktion, eine Art Sinnestäuschung handelt.
Man kann, wie bereits angesprochen, grundsätzlich zwischen „Wirkung“ und „Bedeutung“ einer Information unterscheiden. Eine Bedeutung hat sie, wenn sie als konkreter (begrifflicher oder abstrakter) Inhalt wahrgenommen wird. Eine Wirkung hingegen hat sie, wenn sie Funktionen auslöst und ggf. auch den Zustand des Beobachters (Aufmerksamkeit, Interesse, kognitive oder emotionale Reaktion) beeinflusst.
Das ICH muss weder durch ein bestimmtes Bild repräsentiert noch durch eine konkret vorgegebene Funktion gebildet noch aus einer zwingend vorgegebenen Perspektive erlebt werden! Alles ist zu einem gewissen Grad variabel!
Das sog. „phänomenale Selbst“ ist kein „Ding“ sondern ein Identifizierungsvorgang, der sich auf verschiedene Inhalte und Funktionen beziehen kann!
Ich möchte die Selbst-Identifikation mit einer „Wellen-Analogie“ beschreiben: Eine große Welle im Wasser besteht aus einem Hauptkamm, sowie einem jeweils vor- und nachgelagerten Wellental (siehe Abbildung unten). Die Welle insgesamt bewegt sich über die Wasserfläche zwar fort (verändert also ihre Position), behält dabei aber ihre räumliche Struktur bei! Sie befindet sich zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten und besteht zu verschiedenen Zeiten auch aus anderen lokalen Wassermassen (tauscht also die sie bildende Materie), sie hört aber, solange sie sich fortbewegt, „nie“ auf, gleichzeitig zu entstehen (vorgelagertes Tal), ein Maximum zu erreichen (Hauptkamm) und „nachzuwirken“ (nachgelagertes Tal).
Abb.91: Das Ich als eine wellenförmige Anregung…..
Abb.92: ….. mit voneinander unterscheidbaren Komponenten, die dennoch eine unteilbare Einheit bilden…..
Abb. 93: ……dieses raumzeitliche Muster bewegt sich wellenartig über die Oberfläche hinweg…..
Abb.94: …. wobei es sich in verschieden starker Ausprägung (Wellenkamm und /-täler) an verschiedenen Orten gleichzeitig befindet (Raumaufteilung A-C).
In einer klassischen Theatervorführung müssen erst die Bühne, dann die Requisiten, dann die Schauspieler (und dann ggf. der Hauptakteur) aufgebaut werden bzw. erscheinen.
Der Gesamt-Erlebensprozess besteht (wenn wir ihn analog zu einer Theaterbühne betrachten) zwingend aus einem „allgemeinen Wahrnehmungsraum“ (der Bühne), aus hintergründigen Inhalten (den Requisiten), einer vordergründigen Handlung oder einer Hauptperson (im Hirn: das fiktive „Hier und Jetzt“ bzw. das ebenso fiktive „ICH“) und einer Darstellung des Kontextes zwischen Haupthandlung/ -person und koexistenten Inhalten.
Im Hirn kann das alles zwar nicht „uneingeschränkt“ durcheinander, sehr wohl aber zu einem gewissen Grad parallel ablaufen.
Dies ist u.a. deshalb möglich, weil sich die einzelnen Komponenten – je nach Perspektive- selektiv „nur“ in der Art ihrer Generierung, „nur“ in der Art ihrer Repräsentation oder „nur“ in der Art ihrer Funktion ausbilden, ändern oder unterscheiden, dabei aber gleichzeitig in Bezug auf jeweils andere Parameter auch „Einheiten“ bilden, mitunter identisch sind und Mehrfachfunktionen aufweisen!
Oberflächlich betrachtet existieren und entwickeln sie sich parallel fort. Das ist mitunter ein Irrtum. Sie können sich gegenseitig integrieren und wieder auseinander hervorgehen!
Warum arbeitet das Gehirn überhaupt mit so vielen inneren Perspektiven?
Perspektiven sind u.a. auch „Filter“, „Zensoren“! Das System muss Echtzeit-Umweltwahrnehmungen und Echtzeit-Körperwahrnehmungen zu einem Gesamtbild vereinen. Darüber hinaus gilt es, künftige Körper- und Umweltzustände zu errechnen. Gleichzeitig fließen neue, aktualisierte Umwelt- und Körperinformationen in den Verarbeitungsprozess ein, während vorläufige Prognosen gegeneinander abgewogen und mit realem Input verglichen werden. Allein schon die Konkurrenz bei der Aufnahme von Inhalten der realen Umwelt (die Umweltinformationen können schließlich unmöglich in ihrer vielschichtigen Gesamtheit wahrgenommen werden) wird dadurch verkompliziert, dass nicht nur externe Inhalte gegeneinander um „Einlass“ in die Ebene der kognitiven Wahrnehmung ringen, sondern sich zudem interne Mechanismen (z.B. Programme und Algorithmen für Mustervervollständigung) in sich verstärkender oder konkurrierender Weise auf diese Informationen stürzen.
Ein Beispiel: wenn ich mir nicht sicher bin, ein Flusspferd oder ein Nashorn zu sehen (ragt nur das Hinterteil aus dem Gebüsch, ist die Befundlage zunächst fraglich) hängt dies nicht nur mit der Unvollständigkeit des externen Inputs, sondern auch mit dem aktiven Wettbewerb verschiedener Programme zusammen, die darauf ausgerichtet sind, Muster zu vervollständigen (und hier voneinander abweichend für „Flusspferd“ oder „Nashorn“ plädieren)!
Es gibt, wie an anderer Stelle bereits weiter ausgeführt, genügend Übergänge und Schnittstellen, an denen sich Informationen in die Quere kommen können:
Die Übergänge von Materie zu Geist, von unbewusster zu bewusster Information („Wahrnehmungsschwelle“), von „sachlicher“ in „moralische“ Information, von „Thema“ zum „Problem“ („Relevanzschwelle“), etc.
An jedem dieser „Übergänge“ muss eine quantitative und qualitative Priorisierung erfolgen. Allerdings nicht „bewusst“ oder „planerisch“, sondern rein physikalisch-biologisch, „selbstorganisierend“ und von Energieniveaus abhängig.
Auf gröbster Skala betrachtet, besteht der Zweck der inneren Perspektiven darin, den Erlebensprozess im Spannungsfeld reflektierender und projizierender Prozesse in diskreten Schritten am Laufen zu halten! Aus einer fiktiven Gegenwart heraus muss die Vergangenheit definiert und die Zukunft gebildet werden.
Bezüglich der unter Punkt 2 der aktuellen Seite postulierten 4 System-Grundperspektiven könnte man annehmen:
„Existenz“ und „Integration“ sind der wahrnehmende, bzw. der „Reflexiv-Modus“ des Gesamtsystems (analog zum „Erinnern“ für das SELBST), „Situation“ und „Ereignis“ hingegen sind der kognitive, bzw. der Projektions- oder Agitationsmodus des Gesamtsystems (analog zum „Planen“, „Entscheiden“ und „Bewerten“ für das SELBST).
Reflexion bedeutet auf dieser groben Skalierung, den Erlebensprozess (anteilsmäßig) „abzuschließen“, aus einer „Außenperspektive“ heraus als „Vergangenheit“ oder „determinierte Zukunft“ zu erachten. Das Selbst wird für das System im Kontext zu seinen Wahrnehmungsinhalten (darunter auch seinen „Themen“ und „Problemen“) als Einheit gedeutet.
Die jeweils nächsten Projektions- oder Agitationsschritte (auf größter funktionaler Ebene bzw. auf der Skala des Gesamt-Erlebensprozesses) können sich auf verschiedene Weise ergeben.
Für das bewusste Ich gibt es immer ein neues „Thema“, zumindest aber eine neue vordergründige Wahrnehmung oder einen „äußeren Kondensationspunkt“ (vgl. Punkt 6 der aktuellen Seite).
Aber wie kommt das Gesamtsystem zu seinem nächsten Reaktionsschritt?
Eine wichtige Gegenüberstellung:
Für mich als Subjekt können Informationen völlig neu, völlig fremd und völlig desintegrierbar sein. Für das System (seinen Reflexivmodus) bedeutet „neu“ aber lediglich eine graduelle Veränderung.
Es gibt also grundsätzlich zwei Arten von „neu“: Die neue Aufteilung (Partitionierung) einer vormals „alten“ Sache oder etwas wirklich „Neues“ (eine Erweiterung oder Ergänzung), dass vorher nicht vorhanden war.
Der Gesamt- Erlebensprozess ist ungeachtet „neuer Wahrnehmungsinhalte“ immer in sich „geschlossen“, da neue Inhalte nur innerhalb „alter“ bzw. vorgegebener Strukturen abgebildet werden können.
Stellen wir uns eine Ratte in einem Labyrinth vor. Wir beobachten sie eine Weile. Wir wissen, welche Orte sie gerne aufsucht.
Abb.95: Wir haben die Ratte eine Weile beobachtet: Sie hat bisher Ort 1 und Ort 2 (blau) aufgesucht. Nun hat sie einen „neuen Ort“ gewählt, nämlich Ort 3 (grün).
Nun verlässt sie das Labyrinth. Aber was passiert? In genau diesem Augenblick wächst das Labyrinth, es „skaliert höher“ und schließt die Ratte und ihrem neuen Aufenthaltsort ein.
Abb.96: Ratte verlässt das Labyrinth, welches im selben Augenblick höher skaliert
Da der „neue Ort“ diesmal außerhalb des ursprünglichen Labyrinths liegt, werden die Ratte, ihre räumliche Fortbewegung und der neue Ort zu einer Einheit
D.h. bisher bestand eine analoge, kleinstmögliche Veränderung des Gesamtereignisses in einem Ortswechsel der Ratte. Nun aber besteht die kleinstmögliche Veränderung in einem gleichzeitigen Wachstum des Labyrinths bei gleichzeitiger Ortsveränderung der Ratte! Erinnern wir uns an das Beispiel eines Schachzuges unter Punkt 4 (Situationen und Ereignisse, Abb.73, 74). Ein einziger analoger Zug schafft zwangsweise mehrere, untrennbare Ereignisse, die man zwar einzeln beschreiben, aber nicht einzeln herbeiführen (oder rückgängig machen) kann.
So wie die Ratte das Labyrinth nicht verlassen kann, so können auch wir unseren „Erlebensprozess“ nicht verlassen! Während sich innere Perspektiven und Algorithmen („Programme“ zur Mustererkennung, u.a.) innerhalb verschiedener Ebenen mit Informationen auseinandersetzten, entsteht sekundärer Input, der sich aus ebendieser Aktivität ergibt (analog zur Bugwelle eines Schiffes oder dem Kondensstreifen eines Flugzeuges).
Wenn sich solche „Nebeneffekte“ im Gesamt-Wahrnehmungsraum ausbreiten und überlagern, entstehen mglw. innere Bilder einer anderweitigen Ordnung, die von funktional schwächeren, weniger prädestinierten Wahrnehmungsperspektiven oder Programmen ihrerseits als ein Muster gedeutet werden können.
Solch ein „fiktives“ Konstrukt kann als erstes die neue Sequenz des Gesamt-Erlebensraumes betreten. Ihm folgen die latenten Inhalte („Bühne“, „Requisiten“, „Handlungen“ und das „Selbst“ als Hauptperson). Die einzelnen Komponenten können während dieses Übergangs ein vereinheitlichtes Element darstellen, so wie die o.g. Ratte im Augenblick des Verlassens des (ursprünglichen) Labyrinths mit dem neu entstehenden Raumbereich eine Einheit bildet!
Abschließend zu diesen Überlegungen noch ein (sehr anschaulich-plastisches) Gedankenexperiment:
Wir träumen nachts regelmäßig. Keinesfalls bleibt unser bewusstes ICH im Traumerleben außen vor! Es gibt genügend Träume, innerhalb derer wir scheinbar voll präsent sind, mitunter konkret fühlen, bewerten und entscheiden!
Stellen wir uns einen nächtlichen Träumer vor, der eine Reihe an Szenen durchlebt: er träumt zunächst von einem U-Boot. Vielleicht hat er am Vorabend „Das Boot“ gesehen, einen eindrucksvollen Film aus den 80er Jahren, der die prekäre Lage der deutschen U-Boot-Waffe im fortgeschrittenen Stadium des 2. Weltkriegs am Beispiel eines einzelnen Bootes und seiner Besatzung eindrucksvoll schildert?! Warum auch immer, auf jeden Fall sitzt unser Träumer nun als Kommandant vor dem Sehrohr, sieht aus geringer Entfernung ein feindliches Schiff in günstiger Schusslage und überdenkt seinen Angriff: „Soll ich einen einzelnen Torpedo oder einen Fächer schießen?“ „Soll ich auf den Bug oder die Schiffsmitte zielen?“
Abb.97 (Traumszene): Einen oder mehrere Torpedos schießen? … Auf Bug oder auf Schiffsmitte zielen?
Es kommt zu keiner Entscheidung und zu keiner Versenkung! Das Traumszenario wechselt nämlich abrupt! Im nächsten Moment ist er nämlich kein U-Boot-Kommandant mehr! Anstatt den Befehl zum Bewässern der Torpedorohre zu erteilen, wandert er nun einsam auf einem verlassenen Gebirgspfad vor herrlichem Panorama. Er hat sich verlaufen. Er wird unsicher, ob er sich auf dem richtigen Weg zur gemütlichen Berghütte befindet. Soll er lieber umkehren?!
Abb.98: (Traumszene) Auf einsamer Wanderung- umkehren oder nicht?
Zu einer Entscheidung bzw. einem Fortgang der Geschichte kommt es allerdings auch hier nicht! In der nächsten Traumszene befindet er sich nämlich in einem großen Gebäude mit langen Gängen, die mit Bürotüren flankiert sind. Er sucht den Chef dieser opulenten Firma, dem er eine wichtige Mitteilung zu überbringen hat. Er huscht ratlos von Tür zu Tür und versucht verzweifelt, das richtige Büro zu finden!
Abb.99 (Traumszene): Verloren in einem riesigen Gebäude. „In welchem Büro nur sitzt der Chef?“
Der Schlaf wird unruhiger und das Traumerleben tendiert zum Albtraum. In der nächsten Szene befindet sich unser Träumer im Innern eines dunklen Hauses. Auf der Suche nach dem Ausgang erscheint ihm das Gespenst einer Frau, dass ihn sehr ängstigt!
Abb.100 (Traumszene): Begegnung der unheimlichen Art
Am nächsten Morgen wundert sich unser Träumer, während er am Frühstückstisch seinen Kaffee schlürft, über seine nächtlichen Abenteuer! Er erinnert sich an die Entscheidungssituationen als U-Boot-Kommandant und als Wanderer, ebenso an die rastlose Suche nach dem Büro des Chefs und an die verstörende Begegnung mit einem Gespenst. Und jetzt kommt ihm vielleicht auch die Frage, die ihm während des Traums überhaupt nicht in den Sinn kam, ja überhaupt nicht in den Sinn kommen konnte: „Warum war plötzlich mein U-Boot weg und warum befand ich mich stattdessen auf einmal im Gebirge?“ „Und wie zur Hölle bin ich von den Bergen in diesen tristen Bürobunker und von dort wiederum in das Spukhaus gekommen?!“
Das Hirn hat den Erlebensprozess (hier das Traumerleben) also über eine gewisse Distanz ohne die Selbst-Implikation fortgeführt! Als das ICH in der neuen Szene wieder präsent war, konnte es sich auch nur mit den Inhalten dieser neuen Szene befassen und hatte keine Interaktionsmöglichkeit mit der vorangegangenen Traumszene. Wir wissen es nicht, wir merken es nicht- weil unser Unterbewusstsein verdammt schnell mit einer „Lüge“, einem Selbsttäuschungsmanöver aufwartet, wenn es geschieht: Aber auch in unserem Wachbewusstsein gibt es Übergänge, in denen eine oder mehrere der an sich zwingend erforderlichen Grundkomponenten des Erlebensprozesses gar nicht als autonome Einheiten vorhanden sind bzw. nur rein funktional (nicht als repräsentationsfähige, semantische Informationen) als temporär integrierte Bestandteile anderweitiger Komponenten „fortgeführt“ und erst danach wieder „entpackt“ werden!
STABILES ICH, KRANKES ICH
DIE KOHÄRENZ DES ICH´S
Wesentlichster Aspekt unseres geistigen Erlebens und ebenso dringlichste Voraussetzung für unsere psychische Gesundheit sind die gefühlte Kontinuität und Stabilität unserer Selbstrepräsentation und Selbstidentifikation! Gleichwohl handelt es sich hierbei um eine Täuschung! Das ICH oder vielmehr seine fortlaufende Generierung ist in Wirklichkeit keine autonome Instanz! Verschiedene informations- und emotionsverarbeitender Prozesse können in abwechselnder Reihenfolge und wechselnder Anteilsmäßigkeit im losen Verbund die Phänomene des ICH hervorrufen (vgl. Ausführungen unter Punkt 7)!
Aktualität als Qualitätsmerkmal
Das ICH ist die aktuellste Information über die das System verfügt! Und zwar nicht nur infolge der Unmittelbarkeit und Aktualität der Körperempfindungen, sondern aus der Tatsache, dass die ICH-Generierung niemals einen vollendeten IST-Zustand erreicht!
Das wesentlichste Merkmal am ICH ist also jener, dass das Hirn mit der Generierung dieser Information nie fertig wird (bis wir sterben – dann ist die ICH- Generierung aber ebenfalls nicht „vollendet“, sondern abgebrochen!). Es gibt kein vollendetes, sondern nur ein sich immerfort im Entstehen begriffenes ICH! Eine sich ständig generierende Information kann mangels vollendeter Ausprägung und fester Kerneigenschaften auch nur eingeschränkt durch den Kontext zu anderweitigen Informationen relativiert und verändert werden (das gilt nicht für den semantischen Gehalt unseres kognitiven Selbst-Konzepts, sondern für die Stabilität unserer Selbst-Empfindung)!
Die „Vorwärtsbewegung“ des Ichs auf der Zeitachse geschieht durch die darwinistische Realisierung einer konkreten Möglichkeit gegenüber einer Vielzahl denkbarer alternativen Möglichkeiten! Ich möchte dies an folgendem Beispiel verdeutlichen. Ich kann jetzt in den Keller gehen, um ein Getränk zu holen. Ich kann auch in den Keller gehen, ein Getränk holen und währenddessen ein Lied pfeifen. Diese Aktivitäten schließen sich nicht aus! Wenn ICH aber derjenige bin, der jetzt gerade ein Getränk aus dem Keller holt, dann kann ICH nicht derjenige sein, der jetzt ein Getränk aus dem Keller holt und dabei gleichzeitig pfeift! Derjenige der beides tut hätte ICH vorher noch sein können, jetzt aber nicht mehr, später hingegen schon wieder!
Fest steht nur, dass ein realisierter Zustand anderweitige (ggf. nicht weniger wahrscheinliche) Varianten unterdrückt bzw. ausschließt.
Was ich im nächsten Augenblick tue, ist zu einem gewissen Grad tatsächlich Zufall! Diese Zufälligkeit bedeutet aber nicht, dass meine Erlebens- und Entscheidungsfähigkeit radikal determiniert wäre! Der (darwinistische) Ausschluss eines bestimmten denkbaren Bewusstseinszustandes oder bestimmter denkbarer Erlebensinhalte bedeutet nicht den Ausschluss sämtlicher Inhalte und Folgeresultate, die aus diesem nicht realisierten Zustand heraus möglich gewesen wären! Manche dieser denkbaren Folgezustände können auch unter anderen Bedingungen und auf alternative Weise realisiert werden (ich kann z.B. über Dresden oder über Köln nach Hamburg gelangen). Ein eingetretener Bewusstseinszustand entspricht nicht dem „Endpunkt“ einer Verzweigung! Er bildet vielmehr einen neuen Streukreis an denkbaren Folgezuständen, die sich teilweise mit jenen der unterdrückten Bewusstseinszustände überschneiden.
Die prinzipielle „Kohärenz“ des Ich-Bewusstseins hängt u.a. vom Quotenverhältnis reflektierender und projizierender Aktivität innerhalb lokaler Assoziationszentren und deren inhaltlichen Schwerpunktbildung ab. Dieses Quotenverhältnis unterliegt aber nicht dem Zwang einer Feinabstimmung auf geringsten Skalen, sondern ist, im Gegenteil, auf eher größeren Skalen volatil! Hierzu eine kleine Analogie: Wenn ich drei Würfel habe und mit einem Wurf 11 Zähler erreichen will, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit ziemlich gering. Gilt es hingegen, mit drei Würfeln eine Summe zwischen 5 und 15 zu erreichen, überwiegt die Anzahl an passenden Möglichkeiten jenen der unpassenden!
SCHLUSSKOMMENTAR ZUM ICH
Es gibt kein „ICH“ im Sinne eines fixen Persönlichkeitskerns, sondern nur eine „ICH-Repräsentation“! Es gibt kein Selbst, sondern „nur“ eine Selbst-Bezüglichkeit. „ICH“ selbst zu sein bedeutet, „mich“ in einem bestimmten Augenblick mit einem konkreten neuronalen Prozess zu identifizieren. Besser gesagt: Im Fokus einer kleinen, projizierenden Perspektive eine Aktivität vorzunehmen und sich dabei gleichzeitig im Fokus einer größeren, reflektierenden Perspektive mit einer kurzen Abfolge an erlebten Reizen zu identifizieren.
Ein Kupferdraht der Strom führt unterscheidet sich physikalisch in Nichts von einem der nicht unter Strom steht. Ebenso wenig unterscheidet sich eine (augenblicklich) an der Bewusstseinsbildung beteiligte Struktur (Assoziationsfeld, Schaltkreis, Netzwerk, Cluster) von einer im Moment nicht bewusstseinsrelevanten Struktur, nur dass sie zum betreffenden Zeitpunkt sehr stark mit anderweitigen Assoziationsfeldern und Schaltkreisen re-entrant wechselwirkt.
DAS KRANKE ICH: SCHIZOPHRENIE
SCHIZOPHRENE BEWUSSTSEINSVERZERRUNGEN – WAS BEDEUTET DAS?
Leider weiß die Wissenschaft nur sehr wenig über Schizophrenie, und was sie weiß, ergibt mitunter kein weitreichend schlüssiges Bild!
Die „Leistung“ der Psychiatrie bestand seit jeher darin, eine Vielzahl höchst konkreter und scharf gegeneinander abgegrenzter Kategorien von Geistesstörungen (Unterformen von Schizophrenie und Depression) mit angeblich jeweils unverwechselbaren Symptomen zu definieren.
Ferner ist man sich (wohl zu Recht) darin einig, dass genetische Faktoren offenbar eine gewichtige Rolle spielen! Zeugen gesunde Eltern ein Kind, wird dieses mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Prozent irgendwann im Laufe seines Lebens vorübergehend oder chronisch an Schizophrenie erkranken! Ist ein Elternteil von dieser Krankheit betroffen, erhöht sich das Risiko für das Kind auf 15%, im Falle zweier betroffener Elternteile auf 30%. Ein Krankheitsausbruch ist bei manisch-depressiven Störungen oder Schizophrenie zu schätzungsweise 80% auf genetische Dispositionen zurückzuführen! Gleichwohl war und ist die Suche nach „Schizophrenie-Genen“ ein anhaltender Misserfolg! Es konnten nur sehr wenige eindeutige Zusammenhänge aufgedeckt werden, die für sich genommen nur einen geringen Bruchteil des Gesamtproblems (bedingt) erklären können!
Nun pflanzen sich schizophrene oder allgemein psychisch kranke Menschen aus einer Reihe plausibler Gründe (nicht zuletzt auch wegen gesellschaftlicher Stigmatisierung) in viel geringerem Umfang fort und haben zudem eine im Mittelwert geringere Lebenserwartung. Setzen sie aber Kinder in die Welt, sind auch diese von einer geringeren Fortpflanzungschance und Lebenserwartung betroffen! Die Evolution selektiert schädliche, dem Überlebensvorteil (und insbesondere dem Reproduktionserfolg) hinderliche Gene aber üblicherweise aus! Theoretisch sollte es also immer weniger Leute geben, die von solchen (erblich bedingten) Krankheit betroffen sind! Dies gilt umso mehr, als die Symptome diverser Geisteskrankheiten zumeist schon in jungen Lebensjahren (im frühen bis mittleren Erwachsen- und somit im fortpflanzungstypischen Alter) auftreten!
Dessen unbeschadet liegt der weltweite Anteil schizophrener Menschen über sämtliche Regionen und Kulturkreise hinweg aber seit je her bei stabil etwa einem Prozent!
Wie ist das möglich?
Nachfolgende Absätze sind sinngemäß aus dem Buch „Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren“ (James Kingsland, Beltz Verlag, Weinheim, 2017) wiedergegeben:
Man neigt zwischenzeitlich zu folgender Einschätzung, die unter der „Cliff-Edge-Hypothese“ bekannt ist: Die „Schizophrenie-Gene“ sind an sich gar nicht nachteilig oder schädlich! Sie bringen im Allgemeinen ihren Trägern sogar Vorteile auf dem Gebiet der Kreativität und geistiger Flexibilität. Man hat festgestellt, dass sich nahe Familienangehörige von Schizophrenen, die nicht von der Krankheit betroffen sind, stärker fortpflanzen als der Bevölkerungsdurchschnitt!
Die „Cliff-Edge-Hypothese“ geht davon aus, dass ein bestimmtes genetisches Merkmal bis zu einem bestimmten Ausprägungsgrad nützlich und vorteilhaft ist, jenseits dieses „günstigen Skalenwertes“ aber ins Gegenteil umschlägt! Menschen mit „leichtem Kreativitätsüberschuss“ werden sicherlich positiv wahrgenommen und interagieren tendenziell erfolgreich mit ihrer Umwelt, was ihren Fortpflanzungschancen zugutekommt. Zu viel Kreativität ist hingegen zweifelsfrei gesundheitsschädlich. Zahlreiche berühmte Künstler hatten z.T. schwer mit geistigen Störungen zu kämpfen (denken wir bspw. an van Gogh, der sich selber ein Ohr abschnitt)!
Bei manchen Geistesstörungen könnte auch der „Balancierte Polymorphismus“ eine Rolle spielen. Dies bedeutet, dass in einer Population mehrere verschiedene Varianten (Allele) eines Merkmals in nennenswertem Anteil zu finden sind. Das ist insofern bedeutungsvoll, als jedes Merkmal in seiner Umwelt einer Selektion ausgesetzt ist und es ebenso möglich wäre, dass sich nur eine Variante mit maximaler Fitness evolutiv durchsetzt. Ein klassisches Beispiel ist die gehäuft in Afrika auftretende Sichelzellenanämie. Wer das entsprechende Gen nur einmal von einem Elternteil erbt, ist gegen Malaria resistent – ein bedeutsamer Vorteil für Menschen, die unterhalb der Sahara leben! Von beiden Elternteilen vererbt verursacht dasselbe Gen aber viele gesundheitliche Nachteile, Schmerzen und ein deutlich höheres Risiko gegenüber einem Schlaganfall!
Ebenso setzt sich in der Fachwelt die Erkenntnis durch, dass die verschiedenen psychischen Leiden mitnichten sehr klar voneinander abgegrenzt sind und sich insbesondere in Bezug auf ihre genetischen Ursachen viel ähnlicher sind als es die spitzfindige, mikroskopisch auf die Kategorisierung von Symptomen bedachte Diagnostik der Psychiatrie vermuten lässt! Geistige Störungen sind eher ein Bündel von Symptomen, die sich in ihren Intensitäten abhängig von alltäglichen Erlebnissen individuell verändern können!
Auch ist der Übergang zwischen gesunden und kranken Geisteszuständen weitaus durchlässiger und fließender als man es im Allgemeinen annimmt!
Wesentliche Symptome sind in breiten Teilen der Bevölkerung zu finden! In Großbritannien wurde eine repräsentative Zahl von Menschen vom nationalen Statistikamt mit psychologischen Standard-Fragebögen befragt. Die Ergebnisse waren u.a.: 20 bis 30% aller Erwachsenen fühlen sich ständig von anderen Menschen bedroht, einer von sechs Erwachsenen überlegt permanent, wem er unter seinen Freunden oder Kollegen überhaupt noch trauen kann. Ungefähr 10% fühlen sich ständig beobachtet und angestarrt und 2% sind davon überzeugt, dass gegen sie Komplotte geschmiedet werden. Dies spricht für eine beeindruckende Präsenz paranoider Wahrnehmungen innerhalb der „Normalbevölkerung“!
Ende des sinngemäßen Wiedergabe aus „Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren“ (James Kingsland, Beltz Verlag, Weinheim, 2017)
Ich möchte abschließend noch einmal auf Oskar eingehen, den Menschen, den ich im Vorwort kurz porträtiert habe. Ich kann leider nicht beurteilen, inwiefern seine Geschichte und sein Krankheitsverlauf repräsentativ sind!
Bereits als Kind und Jugendlicher reagierte er auf Konflikte jeglicher Art auf besonders sensible und fatale Weise! Was immer seinen persönlichen Wünschen und Interessen oder seinen abstrakten (moralischen, ideellen) Wertesystemen zu widersprechen schien, überforderte ihn seelisch maßlos!
Solch eine „Verletzung“ (durch Nicht-Übereinstimmung von idealisierter Vorstellung und Realität) wurde sehr schnell ausgelöst, erzeugte höchste Stufen von Frustration, führte zu bisweilen blindwütigem Aktionismus und schließlich zu Resignation! Eine Selbstberuhigung war ihm kaum möglich und er grübelte und brütete unsäglich über diese zumeist irrationalen Konflikte. Erschwerend belasteten ihn starke soziale Ängste und Minderwertigkeitsgefühle.
Phasenweise waren seine „Konflikte“ begrifflich oder konzeptuell greifbar, phasenweise waren sie sehr diffus und sein rastloser Wunsch Dinge zu verändern zielte buchstäblich ins Leere! Mitunter schien sich die Kausalität des geistigen Erlebens sogar umzukehren: zuerst kam das Gefühl, irgendetwas wäre absolut nicht in Ordnung (und läge zudem im Bereich seiner persönlichen Schuld, Verantwortung oder Zuständigkeit) und erst anschließend die Idee oder Vorstellung darüber, um welches Problem es sich überhaupt handeln und wie ihm abgeholfen werden könnte!
Dieser sehr komplexe Stress begünstigte das Entstehen einer dauerhaften psychotischen Störung mit Phänomenen, wie sie im Vorwort dieser Publikation beschrieben sind.
Die Medikation durch Neuroleptika (eine bei Schizophrenie eingesetzte Medikamentengruppe) verschaffte ihm unter z.T. schwersten Nebenwirkungen (bleierne Müdigkeit, enorme Gewichtszunahme) nur geringe Linderung.
Einhergehend mit einer nach und nach eintretenden Harmonisierung seiner sozialen Beziehungen und seinem steigenden Selbstwertgefühl bildeten sich die Symptome über Jahre hinweg zusehends zurück! Schließlich erreichte er, ohne weiterhin Medikamente einnehmen zu müssen, einen seelischen Allgemeinzustand, der für Außenstehende nicht mehr von jenem einer geistig völlig gesunden Person zu unterscheiden war!
Patienten, die sich wegen Schizophrenie in Behandlung begeben, erfahren seitens ihrer Ärzte und Therapeuten mitunter eine demütigende Missachtung ihrer Individualität! Sie werden mit Schubladendenken, antiquiertem schulmedizinischen Halbwissen, spitzfindig überdefinierten Diagnosen und Prognosen konfrontiert. Die Qualität und ggf. Abweichung ihrer subjektiven Erfahrungen gegenüber den dogmatisch postulierten „Standardverläufen“ wird mitunter in Abrede gestellt!
Im Falle von Oskar spielte, unbeschadet seiner genetischen Disposition, scheinbar sehr wohl (auch) die individuelle Lebenserfahrung eine erhebliche Rolle am Ausbruch, dem Fortgang und schließlich der Rückbildung seiner (angeblich chronischen) Krankheit!
Zufall? Irrtum? Statistischer Ausreißer?
Schon denkbar! Vielleicht aber auch nicht!
Ich möchte meine (spekulativen) Überlegungen nunmehr zu Ende bringen. Depression ist eine Gemüts- oder Geistesstörung, bei der das emotionale Erleben zerrüttet und in seiner Gesamtheit negativ eingefärbt wird.
Dem gegenüber ist die Schizophrenie eine Geistesstörung, bei der die gedanklich-kognitiven Prozesse gestört sind und darüber hinaus ungewöhnliche mentale Perspektiven (besser gesagt: Perspektiven von mangelhafter Qualität und Überschneidungen dieser Perspektiven) erzeugt werden.
So wie bei einem Depressiven wohl irgendwelche Systeme gestört sind, innerhalb derer emotionale Reize verarbeitet werden, sind bei einem Psychotiker bzw. Schizophrenen analog hierzu mglw. Schaltkreise gestört, die explizit mit „Konfliktbewältigung“ zu tun haben?!
Nun soll aber nicht behauptet werden, am Ursprung einer jeden Psychose stünde tatsächlich ein realer Konflikt, in den die betreffende Person tatsächlich verwickelt war!
So wie bei der Depression Sachverhalte, die nach gewöhnlichen Maßstäben „belanglos“ scheinen, vom Betroffenen gleichermaßen übertrieben stark als auch übertrieben negativ wahrgenommen werden, so kann analog hierzu das Konflikterleben eines Psychotikers höchst dramatische Züge annehmen, ohne dass sich die Dramatik „logisch“ aus irgendwelchen tatsächlichen Begebenheiten ableiten ließe!
Ich verweise unter Aussparung von Details noch einmal auf Punkt 3 dieser Seite:
Es wurde differenziert zwischen „normalen“ („analogen“) Informationen, die man aus einer „Außenperspektive“ heraus wahrnimmt, und zwischen „Themen“, denen gegenüber man „intentioniert“ oder „involviert“ ist und die aus einer „Innenperspektive“ heraus erlebt werden.
Ein Problem wurde als eine mögliche Steigerungsform von „Thema“ beschrieben, als eine Information, die entweder dem persönlichen (Über) -lebensvorteil widerspricht (für weniger Lustgewinn oder größeren Schmerz steht) oder „unlogisch“ (unvollständig, widersprüchlich oder mehrdeutig) ist.
Wir haben festgestellt, dass ein Problem „logisch“ oder „funktional“ gelöst werden kann (durch eine formal-logische Lösung durch das „Selbst“ oder einen Perspektivenwechsel des „Systems“).
Wir haben ferner zwischen „sachlichen“ (die Umwelt betreffenden) und „moralischen“ (das eigene „Ich“ und Selbstwertgefühl betreffenden) Informationen unterschieden.
Wir haben das Selbstwertgefühl und seine drei maßgeblichen Komponenten (Akzeptanz, Legitimität und Integrität) kennen gelernt, ebenfalls „Konflikte“, die das Selbstwertgefühl summarisch oder in einzelnen seiner Komponenten angreifen.
Wir wissen auch: Zu einem Konflikt gehören ein Kritiker, eine kritisierte Tat oder Eigenschaft und eine kritisierte Person.
Ein Konflikt hat Steigerungsgrade (Krise, Trauma) und schließlich, das ist zumindest meine persönliche Annahme, auch die Psychose.
Nicht eindeutig ausdifferenzierte Konfliktvariablen „diffundieren“ und „streuen“ inhaltlich in den Bereich der anderweitigen Variablen. Wenn der Gegenstand der kritikwürdigen Tat, die Person oder das Motiv des oder der Kritiker/s, die Stichhaltigkeit bzw. sachliche Richtigkeit der Kritik oder der Grad an persönlicher Schuld des Kritisierten (Diskrepanz zwischen Willen und Wirkung?) unklar und darüber hinaus nicht kommunizierbar sind, kann dies fatale langfristige Auswirkungen auf das subjektive Erleben haben!
Ein Konflikt ist ein „moralisches“ Problem, bei dem das eigene Ich zum Gegenstand des Problems wird.
Das eigene Selbstbild kann auf ähnliche Weise „diffundieren“ wie unzulänglich ausdifferenzierte Konfliktvariablen!
Nicht zuletzt, deshalb ist ein Konflikt die vermutlich schwierigste Art von Information, mit der ein Subjekt sich mental auseinandersetzen kann!
Das eigene Selbst oder ICH ist, wie in dieser Publikation vielfach angesprochen, eine temporäre Angelegenheit, die aus der „Perspektive“ des Gehirns sowohl eine „Parallelinformation- bzw. -funktion“ darstellt als auch einen gesonderten Mechanismus für die Verarbeitung von Informationen, die nicht oder nur unzulänglich ohne Beteiligung des Bewusstseins behandelt werden können!
Ich vertrete die Ansicht, dass bei schizophrenen bzw. psychotischen Bewusstseinsvorgängen fälschlicherweise („sachliche“) Informationen und Bewusstseinsinhalte in Schaltkreise gelangen, die speziell für die Verarbeitung moralsicher Informationen und insbesondere für die Verarbeitung von Konflikten zuständig sind (wodurch die eigene „Selbst-Repräsentation“ an „falschen“ Orten im neuronalen Gesamtgeschehen auftreten kann)?!
Es handelt sich hier mglw. um eine kontraproduktive Form von neuronaler Plastizität?! Dieser Begriff bezeichnet u.a. die Fähigkeit des Gehirns, Areale, die ihrer ursprünglichen Aufgabe entledigt sind, in anderweitige Aufgaben einzubinden. Die besten Beispiele sind Fälle von Erblindeten, deren visueller Cortex sich zunehmend an der Verarbeitung auditiver oder taktiler Reize beteiligt. Nur hat es in diesem o.g. Fall nichts mit der Bereitstellung zusätzlicher Kapazitäten durch unterforderte („arbeitslose“) Bereiche zu tun, sondern mit erzwungener Auslagerung seitens überlasteter Subsysteme in Abteilungen, die für diese Art von Aufgaben ungeeignet sind?!
Das betroffene Subjekt kann einen „realen Konflikt“ erlebt haben, der sich über eine Krise, zum Trauma schließlich zur Psychose auswuchs (etwa, weil das Stressbewältigungs-, das Selbstberuhigungs- oder das Motivationssystem bereits grundsätzlich gestört oder in Ausnahmefällen tatsächlich ein unter „objektiven“ Gesichtspunkten seelisch extrem belastender Konflikt vorliegt).
Diese Störung kann aber – was in den meisten Fällen vermutlich zutrifft, aus völlig endogenen Gründen ohne realen äußeren Anlass eintreten!
Es könnte zumindest zweifelhaft sein, bei bestätigtem Verdacht auf Schizophrenie (alle) Patienten unabhängig von Art und Schwere der Symptome sofort mit Medikamenten (Neuroleptika) zu behandeln, welche die geistig-mentalen Phänomene (gesunde wie kranke) in ihrer Gesamtheit dämpfen?! Auch sollte der potentielle Nutzen einer „klassischen“ psychologisch – therapeutischen Auseinandersetzung mit der Befindlichkeit, den Erfahrungen und den Erlebnissen der Patienten nicht pauschal unterschätzt werden. Dies geschieht mitunter mit der Begründung, die Erkrankung sei organischer Natur (Genetik, Stoffwechselstörung) und habe nichts mit Lebens- bzw. Umwelterfahrungen zu tun?!
Würde man etwa analog hierzu behaupten, es sei sinnlos oder gar kontraproduktiv, einem depressiven Menschen einen freundlichen Gruß, einen Glückwunsch oder ein aufmunterndes Wort zukommen zu lassen, weil seine Emotionalität ja schließlich ebenfalls aus „rein körperlichen Ursachen“ (und nicht etwa aus Umwelt- bzw. sozialen Erfahrungen) hervorgehe?!
Oder betrachten wir unter dem gleichen Gesichtspunkt das Thema „Ängste“:
Ängste können abwegig und unbegründet sein (z.B. vor Hexen, Dämonen, Flugsauriern, Werwölfen, Schrankmonstern…) oder konkret und berechtigt sein (z.B. vor Einbrechern, Mördern, Schmerzen beim Zahnarzt, Inflation, zwischenmenschlicher Gewalt…) Wenn es gelingt, einen verängstigten Menschen graduell zu beruhigen, ihm zu ermöglichen, seine Angst zu „managen“, hat er wahrscheinlich bessere Voraussetzungen, mit dem inhaltlichen Gegenstand seiner Angst oder dem Prozess des Angsterlebens an sich umzugehen! Die Einschätzung, man könne einem Menschen im Falle begründeter Ängste „helfen“, im Falle unbegründeter Ängste hingegen nicht, eben weil sie ja schließlich unbegründet seien, entbehrt m. E. zumindest teilweise einer tieferen Logik! Analog sehe ich es bei der Schizophrenie: Die gestörten mentalen Vorgänge mögen zwar grundsätzlich aus endogenen Ursachen hervorgehen und natürlich dürfte es kaum möglich sein, einer akut paranoiden Person die Wahnvorstellungen auszureden. Dennoch: es wäre überzogen vorauszusetzen, die Symptome seien radikal unveränderlich und durch (günstige) Umwelterfahrungen nicht zu beeinflussen!
„………Es wäre besser, geistige Störungen oder geistige Krankheiten als Bündel von Symptomen zu betrachten, die sich in ihren Intensitäten abhängig von alltäglichen Erlebnissen individuell verändern können…….“ (James Kingsland: Die Hirnforschung auf Buddhas Spuren, Beltz Verlag, Weinheim, 2017, Seite 215)
Letztmals soll nun von Oskar die Rede sein. Er wurde erwiesenermaßen gesund oder, sollte diese Einschätzung ein Irrtum sein, zumindest in dem Maße „unauffällig“, dass er weder nach eigener Interpretation noch gemäß Deutung seiner Umwelt Krankheitsmerkmale aufweist! Er arbeitet vollberuflich, ist sportlich aktiv und erfüllt eine Reihe an Leistungs- und Funktionsparametern, die man auch von einer völlig unbelasteten Person keinesfalls als selbstverständlich erwarten würde!
Damit verlief seine Entwicklung durchwegs konträr zu den -vorsichtig ausgedrückt- defätistischen Zukunftsprognosen („chronische Erkrankung“, „lebenslange Medikation zwingend erforderlich“), die ihm im Zuge der medizinischen Diagnose erstellt wurden!




































































































