DENKEN UND GEDANKEN
Gedanken sind die komplexesten Vorgänge in unserem Gehirn. Hier werden bei zumeist hohem Bewusstseinsgrad und expliziter Beteiligung des bewussten SELBST mitunter anspruchsvolle Analogien und Metaphern, Konzepte und Vorstellungen entwickelt, um irgendein abstraktes oder gegenständliches Problem zu lösen bzw. eine Entscheidung zu treffen.
„Gewöhnliche“ Wahrnehmungsinhalte gleichen konfliktfreien Bildern, die teilweise aufeinander folgend, teilweise überlappend, in unserem geistigen Erlebensraum präsent sind. Im Vorfeld eines Gedankens verkompliziert sich die Repräsentation dieser Inhalte. Ein Gedanke weist eine Analogie zu einer Frage auf. Die (strukturell) einfachste Frage, ist die „Ja-/Nein “ bzw. die „Richtig-Falsch-Frage“, die zweite große Kategorie von Fragen sind die viel zitierten „W-Fragen“ (Was, Wie, Wo, Wann, Weshalb, Wodurch, u.a.). Die elementarsten Fragen sind die nach dem WAS (bezieht sich auf Objekte), dem WIE (bezieht sich auf Beziehungen) und dem WARUM (bezieht sich auf Ursache und Wirkung).
Die bedeutsamste aller Fragen überhaupt ist jene nach dem WARUM! – Und warum? Weil ein (wirklich) intelligentes, kognitives System diese Frage nicht nur auf die umweltbezüglichen Inhalte seiner Wahrnehmung und seines Gedächtnisses anwendet, sondern ebenso auf sich selbst und seine eigene Position im Kontext zur aktuell vorherrschenden Situation!
VORAUSSETZUNGEN ZUM DENKEN
Damit ich etwas (bewusst und konkret) wahrnehme, muss es die sog. Wahrnehmungs- oder Aufmerksamkeitsschwelle überwinden und sich aufgrund irgendwelcher Eigenschaften oder Umstände des Erlebens aus dem Milieu der Hintergrundwahrnehmungen herauslösen.
Damit etwas zur Ursache oder zum Gegenstand eines Gedankens wird, muss es neben der Aufmerksamkeitsschwelle auch eine Relevanzschwelle überwinden, der Wahrnehmungsinhalt muss für mich zunächst ein Thema oder ein Problem sein. Das Gehirn ist ein großer Energiefresser (es beansprucht 25% des körperlichen Gesamt-Energiebedarfes). Deshalb werden auch mentale Prozesse „ökonomisiert“, d.h. im Idealfall wird die größtmögliche Informationsmenge außerhalb bewusster Denkprozesse verarbeitet.
Informationen müssen gewisse Voraussetzungen erfüllen, damit wir sie als „sinnvolle Einheiten“ wahrnehmen:
SPEZIFITÄT:
„Etwas“ muss sich infolge seiner Eigenschaften und Wirkungen genügend von anderweitigen „Dingen“ differenzieren und hervorheben, um als eigenständiges/r Objekt oder Sachverhalt wahrgenommen zu werden. Im Falle einfacher, analoger Objektrepräsentationen wird dies vorrangig durch Form und Begrenzung (Umfang), Position (im Raum), Lokalisation (gegenüber anderweitigen Objekten) und ggf. „Verbindung“ oder Beziehung gegenüber anderweitigen Objekten gewährleistet.
VOLLSTÄNDIGKEIT:
Eine „banale“ Information (etwa die Repräsentation eines Objektes) muss quantitativ und qualitativ gewissen Mindestanforderungen entsprechen, um ihrer Natur gerecht zu werden. Ebenso müssen Beziehungen oder Zusammenhänge zwischen „Dingen“ einen „geschlossenen Sinn“ ergeben.
UNWIDERSPRÜCHLICHKEIT:
Innerhalb einer „sinnvollen Repräsentation“ dürfen keine sehr widersprüchlichen Aspekte ko-existieren. Die Darstellung eines kausalen Zusammenhanges (einer Beziehung) etwa muss einen klaren Ursache-Wirkung- Kontext beinhalten.
INTEGRITÄT:
Eine Information muss sich in das Gefüge der ko-existenten Wahrnehmungsinhalte einfügen. Insbesondere muss sie sich auch in die Gesamt-Erlebens-Situation des Beobachters integrieren.
Wann, warum und über was denken wir nach?
„Einfache“, für uns „belanglose“ Informationen werden als innere Bilder (Repräsentationen) dargestellt. Deren Wahrnehmung geschieht überwiegend unbewusst und ohne besondere Aufmerksamkeit.
Ein Thema ist eine Information, der gegenüber wir aus irgendeinem Grund eine „Intention“ oder schlichtweg ein „Interesse“ aufweisen.
Damit sich unser bewusstes Selbst eingehender mit Inhalten auseinandersetzt und kognitiv mit Symbolen, Begriffen, Bildern, dgl. operiert, müssen sich Inhalte zu einem Thema oder einem Problem steigern.
Zum „Problem“ werden Informationen, wenn sie:
- A) unseren Über/-lebensvorteil oder Lustgewinn betreffen (also im positiven Sinn “interessant“ und somit „nur“ ein „Thema“ oder im negativen Sinn unerfreulich/bedrohlich und somit ein „Problem“ sind).
- B) wenn sie unlogisch (d.h. unvollständig, widersprüchlich oder mehrdeutig) sind
Gesichter der Unlogik: UNVOLLSTÄNDIGKEIT, WIDERSPRÜCHLICHKEIT UND MEHRDEUTIGKEIT
Die wahrgenommene (reale oder vermeintliche) Unlogik einer Information veranlasst uns also zum Denken.
Die Erscheinungsformen von „Unlogik“ sind: Unvollständigkeit, Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit von Informationen. In den meisten Fällen entspringt die Empfindung von „Unlogik“ gar nicht unserer eigenen, bewussten Bewertung. Das Gehirn reagiert sehr häufig „selbständig“ auf eine unlogische Information und „richtet“ die innere Perspektive in einer Weise aus, die das bewusste Selbst zwangsläufig „alarmiert“ oder „hinzuschaltet“!
Ein augenscheinlicher Unterschied zwischen „allgemeinen“ Wahrnehmungsprozessen und bewussten, kognitiven Denkprozessen ist folgender: eine „logische“ oder „unproblematische“ Information, die zwar meine Wahrnehmungsschwelle, nicht aber eine zum Nachdenken führende Relevanzschwelle berührt oder überschreitet, entspricht mehr oder weniger einer „Einheit“, einem begrenzten Objekt oder Inhalt.
Im Falle eines Denkprozesses habe ich es immer mit einer Art von „Vielfalt“ zu tun! Es geht z.B. um eine undefinierte Beziehung zwischen Objekten oder zwischen einem Objekt und mir als bewusstem Beobachter. Häufig geht es auch um mögliche Entwicklungsverläufe oder die Ausgangslage von Ereignissen. Egal worum es geht, der Sache haftet irgendeine Art von „Problem“ oder „Konflikt“ an, so dass es also stets um mindestens 2 Dinge geht (ein „Objekt“ und ein dem Objekt anhaftendes „Problem“).
Mitunter kann der (logische) „Konflikt“, der einem „Objekt“ anhängt, eine Doppelrolle aufweisen, indem der semantische oder logische Aspekt des Konfliktes zugleich für das zweite Objekt steht. Bei der Frage: „War Albert Einstein Atheist?“ etwa ist diese Doppelfunktion von Objekt und Gegenstand des (gedanklichen) Problems ersichtlich.
RELATIVITÄT DER BEDINGUNGEN
Wann erfüllt eine Information die allgemeinen Voraussetzungen für „Sinngehalt“? Wann ist sie spezifisch oder vollständig genug? Ist ein Stuhl ohne Beine immer noch ein Stuhl oder ist es kein Stuhl mehr, weil er eine wesentliche Eigenschaft (nämlich jene, dass man sich daraufsetzen kann) nicht mehr erfüllt? Wann ist eine Information „selbstbezüglich“, wann existieren Abhängigkeiten zu anderen Informationen und wann muss sie in übergeordnete Kontexte integriert (oder umgekehrt aus solchen herausgelöst) werden?
Sehen wir uns das folgende Bild eines möblierten Raumes an.
Abb. 1: Möblierter Raum
Jemand könnte hierzu u.a. folgende Aussagen treffen:
„Das ist ein schönes Zimmer!“
„In diesem Wohnzimmer fehlen Couch und Fernseher!“
„In diesem Arbeitszimmer fehlt ein Schreibtisch!“
„In dieser Küche fehlen Kühlschrank und Herd!“
Die „Bedeutung“ einer Information ergibt sich aus vielfältigen Ursachen, insbesondere natürlich aus der PERSPEKTIVE des Erlebens/Wahrnehmens und der „Intentionalität“ des Beobachters, die ihrerseits wiederum sowohl „systeminterne“ als auch umweltbedingte Ursachen haben kann.
Ein weiteres Beispiel: Jemand äußert gegenüber mehreren Zuhörern den Satz: „Er kam vor einer Weile bei ihr vorbei und überreichte ihr ein angemessenes Geschenk!“
Darauf reagieren die Zuhörer folgendermaßen:
Zuhörer A: „Alles klar, ich weiß Bescheid. Er gab ihr ein Geschenk. Das Geschenk war angemessen. Die Handlung geschah vor einer Weile.“
Zuhörer B: „Die Information ist unvollständig! Wer ist er, wer ist sie, welches Geschenk wurde überreicht, wann war vor einer Weile und wodurch war das Geschenk angemessen?“
Zuhörer C: „Die Information ist widersprüchlich! Warum gab er ihr ein Geschenk, ich erkenne keinen Hinweis auf irgendeinen Anlass (Geburtstag, Verlobung, etc.)?!“
Die drei Zuhörer waren mglw. schlichtweg unterschiedlich an der Geschichte interessiert! Vielleicht hatten sie aber auch ein unterschiedliches Vorwissen (oder ein Vorurteil) darüber, von wem oder was der Erzähler überhaupt redet?!
Die Geschichte könnte sogar sarkastisch gemeint sein! Der Schenkende könnte der Beschenkten eine Ohrfeige als „angemessenes Geschenk“ verpasst haben. Dies würden wir wohl als Widerspruch auffassen, außer wir wüssten, dass die „Beschenkte“ den „Schenkenden“ im Vorfeld hart und vorsätzlich geschädigt (z.B. finanziell betrogen) hat?!
Insbesondere der Begriff der SELBST-VERSTÄNDLICHKEIT verdeutlicht die enorme Rolle der subjektiven Perspektive bzw. der Präsenz (oder dem Mangel) an Intentionen. Der Begriff der Intention ist hier nicht vorrangig im Sinne einer (Handlungs)-absicht bzw. einem konkreten Motiv zu verstehen! Die Intention bezeichnet vielmehr den Grad, in dem ein Beobachter in eine äußere Situation auf Grundlage seines individuell-subjektiven Wertesystems „involviert“ ist.
SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT
„Selbstverständlichkeit“ hat nicht unweigerlich etwas mit verstehen oder Verständnis zu tun! Eine Kostprobe: Wie viele Knochen, Sehnen und Muskeln sind in einer menschlichen Hand? Wie funktioniert die Zündelektronik eines PKW – wie wäre es mit einer spontanen Skizze der Zündelektronik?!
Nun: Wir alle sehen und schütteln täglich Hände, ganz zu schweigen, wie oft wir unsere Eigenen gebrauchen! Die meisten von uns starten auch mehrmals täglich einen PKW durch einen „selbstverständlichen“ Dreh am Zündschlüssel.
Aber was verstehen wir denn wirklich von all den „SELBSTVERSTÄNDLICHKEITEN“?!
Selbstverständlichkeit entspricht primär einer Empfindung und weit weniger einem expliziten Wissen oder einem logischen Verständnis!
Unter gewissen Bedingungen sind Wahrnehmungen bzw. Informationen selbst-verständlich, u.a. wenn folgende Kriterien erfüllt sind:
– Übereinstimmung mit unbewusster Erwartungshaltung
– spontane Abgrenzung gegenüber anderen Wahrnehmungsinhalten
– subjektiv empfundene Vollständigkeit, Unwidersprüchlichkeit und Integrität einer Information
-spontane, reflexive und insgesamt unterschwellige Resonanz innerhalb der Gesamtwahrnehmung ohne Impuls für kognitive Folgeaktionen
– spontane (empfundene) Erkenntnis über die (vermutete) „Beziehung oder Bedeutung“ einer Information gegenüber dem eigenen Selbst oder gegenüber anderweitigen Dingen.
– affektives Erahnen von Meta-/ebenen, innerhalb derer die prinzipielle Bedeutung der Information liegt.
Innerhalb einer oder weniger Bezugsebenen klinkt sich jede X-beliebige Information spontan ein! Jedes Tier, das ich sehe, kategorisiere ich unbewusst in irgendeine grobschlächtige Kategorie (etwa Vogel, Insekt,..), ebenso jeden Menschen, der mir begegnet (Schüler, Erwachsener, Busfahrer, Bauarbeiter, Verwandter, Fremder, etc.).
Aber wir laufen ja nicht durchs Leben, um möglichst viele Objekte zu identifizieren! Die Frage ist: Wer oder was stellt mir meine „inneren Fragen“? Wer oder was bestimmt, wann ich mich für welche Dinge interessiere, mit welcher Motivation ich mich einer Sache zuwende, wie ich operativ mit ihr umgehe und wann ich wieder von ihr ablasse, um mich mental wieder neu auszurichten? Was lässt mich schließlich wieder in einen passiven, desinteressierten Zustand gelangen in dem ich über fast gar nichts nachdenke?
Ich wiederhole: Damit ein Wahrnehmungsinhalt zum Gegenstand einer gedanklichen Auseinandersetzung wird, muss er neben einer Wahrnehmungs- auch eine Relevanzschwelle überwinden. Der betreffende Wahrnehmungsinhalt muss sich also im weitesten Sinne als ein „Problem“ erweisen. Dieses „Problem“ kann die Beziehungen zwischen Objekten betreffen („Wie kommt der Kugelschreiber in die Handtasche?“), die Beziehung zwischen wahrnehmendem Subjekt und Objekten („Nehme ich den Haarföhn mit in den Urlaub?“) oder zwischen Subjekt und der abstrakten Vorstellung von etwas anderem, etwa einer künftigen Situation („Was mache ich nächstes Wochenende?“).
Oder noch allgemeiner:
Ausgangspunkt von Denkvorgängen sind „problematische“ (durch Unvollständigkeit, Mehrdeutigkeit oder Widersprüchlichkeit bedingte) Beziehungen einer Information
gegenüber
– anderweitigen Informationen
-der Erlebenssituation
– dem Subjekt bzw. Beobachter.
Natürlich gibt es, wie oben angesprochen, auch einfach nur „Themen“ („positive Probleme“) die schlichtweg nur unser/e Interesse oder Neugierde wecken und ebenso „Probleme“, die nicht durch Unlogik bedingt sind, sondern unerfreulicher oder bedrohlicher Natur sind (unserem Lustgewinn oder unseren persönlichen Vorteilen entgegenstehen).
Verlauf eines Denkprozesses
Den Anlass liefert wie gesagt eine „unlogische“ oder „unerfreuliche“ Information, die uns dazu bewegt, eine klare Vorstellung über etwas zu entwickeln, eine Entscheidung zu treffen oder eine Strategie zur Abwendung persönlicher Nachteile oder zur Begünstigung des Lustgewinns zu entwerfen.
Infolgedessen gerate ich – je nachdem worin das konkrete Problem besteht- in eine Entscheidungssituation.
In diesem Zuge schaffe und generiere ich Bilder (von Möglichkeiten, Zuständen, Ereignisverläufen) und gerate vermutlich sehr schnell an einen Punkt, an dem die Landschaft an inneren Bildern unübersichtlich und das Einschätzen der jeweiligen Wahrscheinlichkeiten unmöglich wird. Sog. „somatische Marker“, auch als „Bauchgefühle“ bekannt, markieren einige der so entstandenen geistigen Bilder, versehen sie mit einer Empfindung (die zu einer Emotion führt) und bringen mich so zu einem mehr oder weniger eindeutigem „Ergebnis“.
Im Idealfall habe ich das Problem gelöst. Falls nicht, muss ich mich aber vermutlich nicht bis an mein Lebensende mit dem Gedanken bzw. dem ungelösten Problem auseinandersetzen!
Das Gehirn wird eine neue Perspektive generieren und eine „Vergangenheit“ des Abbilds meines eigenen Selbst (und dem Inhalt seiner gedanklichen Auseinandersetzung) erschaffen.
Mit diesem Bild identifiziere ich mich nun aber nicht mehr völlig, sondern betrachte es aus einer gewissen „Distanz“, aus einer aktualisierten „Außenperspektive“ heraus. Es handelt sich im weiteren Verlauf um ein „repräsentiertes“ und kein „(selbst-)identifiziertes“ Bild! Das Aktualbewusstsein richtet sich wieder auf anderweitige Wahrnehmungen!
GEDANKENPROZESSE INNERHALB UND ZWISCHEN BEZUGSEBENEN
Wahrnehmungs- und Gedankeninhalte können über verschiedene Ebenen hinweg miteinander in Verbindung stehen.
Hierzu ein kleines imaginäres Szenario:
Ein Schüler sitzt gerade vor einer Mathematik-Schulaufgabe und versucht eine Aufgabe zu lösen, die in Form einer imaginären Geschichte („Textaufgabe“) gestellt ist: Diese handelt von einem Schreinermeister der ein aus verschiedenen Materialien bestehendes Möbelstück für einen Kunden herstellt. Die Aufgabe besteht aus mehreren Teilaspekten: Es gilt, die Gesamt-Oberfläche des Objektes zu berechnen, um die Kosten für eine Furnierung zu ermitteln. Ferner soll der letztendliche Verkaufspreis errechnet werden, der sich aus Materialwert (Gewichtsvolumen der verschiedenen Holzsorten), Arbeitslohn, Mehrwertsteuer, etc. ergibt. Schauen wir dem Schüler ein paar Augenblicke über die Schulter, genauer sogar in seinen Kopf. Seine Aufmerksamkeit kann sich direkt auf die Rechenaufgabe richten. Er versucht sich in diesem Fall an die richtigen Volumen -und Flächenformeln zu erinnern, etc. Möglicherweise registriert er nebenbei oder zwischendurch auch den einen oder anderen Aspekt der ihn umgebenden räumlichen Situation. Er stellt vielleicht einen gedanklichen Bezug zwischen einem realen Schrank, der sich im Raum befindet und jenem Objekt her, um das sich die theoretische Prüfungsaufgabe handelt. Vielleicht öffnet er in seiner inneren Perspektive auch eine Meta-Ebene, d.h. er macht – im übertragenen Sinne – einen Schritt hinter die augenblickliche Realsituation und befasst sich mit einem angenommenen Zusammenhang zwischen dem Schwierigkeitsgrad der Prüfung und der Person des Prüfers. Er überlegt, ob der für die Schulaufgabe verantwortliche Lehrer vielleicht bewusst eine sehr schwere oder eine sehr leichte Prüfung erarbeitet und welches persönliche Motiv er jeweils dafür gehabt haben könnte, falls er nicht vielleicht sogar seinerseits von einer weiteren Person (dem Schuldirektor?) entsprechend instruiert wurde?!
Auf was ich hinaus will, ist die Frage, wie und warum ein Mensch seine Perspektive wechselt und sich unter völlig anderen Gesichtspunkten mit (derselben) Sache auseinandersetzt oder auch das gedankliche Thema völlig wechselt! Wenn ich einem Computer eine Rechenaufgabe stelle, wird er sie lösen. Bitte ich ein Kind eine Additionsaufgabe auszuführen, kann es passieren, dass mich das Kind nach dem Grund fragt! Es distanziert sich also vom konkreten Gegenstand einer Aufgabe und stellt diese Aufgabenstellung in einen Meta-Kontext zur Person des Fragestellers (und dessen Motiven)!
Ebenso faszinierend ist die Tatsache, dass dieser Wechsel in eine andere Ebene nicht zwingend die Ausführung der ursprünglichen Aufgabe verhindert (auch wenn es natürlich Ressourcen kostet). In einem gewissen Umfang ist es möglich, sowohl an der Lösung einer gegenständlichen Aufgabe zu arbeiten als auch diese gleichzeitig in einem erweiterten Kontext zu betrachten.
ZIELE VON GEDANKEN
Das Ziel eines jeglichen Gedankens besteht darin, eine zunächst nicht-integrierbare Information durch Erweiterung, Reduktion oder „In-Bezug-Setzen“ in irgendeinen übergeordneten Kontext einzuordnen.
MENTALE „HILFSMITTEL“: ANALOGIEN UND METAPHERN
Neben Vorstellungen und Konzepten sind insbesondere Analogien und Metaphern das Mittel der Wahl, um die Natur einer Sache oder eines komplexen Zusammenhanges über den Umweg einer bildlichen, abstrakten Vorstellung zu erfassen. Sie sind auch geeignete „Adapter“, um die Kommunikation über verschiedene Operationsebenen hinweg (die etwa in Form einer unterschiedlichen Auffassungs- oder Verständnisfähigkeit gegeben sein können) zu überbrücken. Ich kann bspw. einem 5-jährigen Kind prinzipiell erklären, warum die Sonne scheint und dabei Licht und Hitze entsteht. Eine hinlängliche Vorstellung über die Kernfusion wird das 5-jährige Kind wohl kaum erlangen. Eine stark vereinfachte Analogie kann aber genügend Merkmale dieses Prozesses auf einer Ebene reduzierter Komplexität widerspiegeln, so dass dem Kind im entfernten Sinne eben doch irgendeine „realitätskonforme“ Ahnung über die grundsätzliche Natur dieses Prozesses ermöglicht wird.
GEDANKLICHE WERKZEUGE
Die Integration einer Information kann grundsätzlich durch 4 verschiedene Möglichkeiten erfolgen.
- „Bottom up“: Ich integriere etwas in einen übergeordneten Zusammenhang.
- „Drop down“ Ich isoliere etwas aus einem übergeordneten Zusammenhängen heraus.
- und 4. Simulierte Vor- oder Rückwärtsbewegungen auf der Zeitachse: Aus rudimentärem Wissen über die aktuelle Situation versuche ich Hypothesen über mögliche Veränderungen unter verschiedenen Bedingungen zu „errechnen“ (was passiert in 10 Jahren, wenn ich jetzt heirate, den Arbeitsplatz wechsle, einen hohen Kredit aufnehme, auswandere?!). Die angenommenen Hypothesen werden anschließend gegeneinander abgewogen und nach dem vermuteten Grad ihrer Wahrscheinlichkeit verworfen oder inhaltlich weiter ausgebaut.
WECHSEL DES THEMAS ODER DER VERARBEITUNGSEBENE
Die meisten spontanen „Probleme“ (im Sinne gedanklicher Auseinandersetzungen) werden in der Weise „bewältigt“, dass wir sie nicht inhaltlich-logisch lösen, sondern den ganzen Denkprozess durch Wechsel der Erlebens-Perspektive integrieren. Zumeist handelt es sich dabei nicht um eine bewusst oder willentlich vollzogene Veränderung der Wahrnehmungs- bzw. Erlebensperspektive! Hierzu ein kleines Beispiel: Ich sehe einen Karl-May-Western und frage mich, ob „Old Surehand“ (wenn er denn jemals als reale Person existiert hätte) tatsächlich aus 30 Metern Entfernung einem Gegner die Waffe aus der Hand schießen kann. Ich habe natürlich keine Ahnung von Ballistik, verstehe auch nichts von historischen Waffen, deren Munition sowie den prinzipiellen Fähigkeiten, die ein hervorragend talentierter und trainierter Schütze in Bezug auf Ziel- und Treffsicherheit erreichen kann. Ich könnte jetzt darüber nachdenken wer von meinen Bekannten bei der Bundeswehr oder in einem Schützenverein ist, in dem mit großkalibrigen Waffen geschossen wird. Ich könnte im Internet nach Feuerwaffen des frühen 19. Jahrhunderts oder nach historischen Personen recherchieren, die als „Revolverhelden“ mehr oder weniger in die Geschichte eingegangen sind. Wahrscheinlich mache ich aber nichts von alldem oder ich greife diesen Sachverhalt, wenn überhaupt, erst viel später wieder einmal zufällig auf. Zunächst aber wird sich meine Aufmerksamkeit höchstwahrscheinlich wieder auf völlig andere Dinge richten! Ich habe also nicht das „Problem“ an sich gelöst (also die mir in den Sinn gekommene Frage beantwortet), sondern vielmehr das „Problem“ gelöst, mich überhaupt mit dem „Problem“ auseinandergesetzt zu haben.
Die inhaltlich-logische „Lösung“ eines (gedanklichen) Problems, ist also mitnichten die einzige, sondern allenfalls eine von mehreren denkbaren Wegen oder Ursachen, wie und warum ein Gedanke wieder endet (und durch einen neuen Geisteszustand, ein neues mentales Bild oder eben einen neuen Gedanken ersetzt wird).
In der letzten Themenseite dieser Internetpublikation („Der Sinn des Er-Lebens“) werde ich auf verschiedene mögliche Zustandsformen des „ICH`s“ eingehen, die sich im Grad ihrer Bewusstheit und Aktivität unterscheiden. Das Thema oder der Fokus einer gedanklichen Auseinandersetzung kann auch von einer sehr „schwachen Ich-Funktion“ oder einem völlig unbewussten Programm gewechselt werden!
Man muss hier zwei grundsätzliche Ebenen unterscheiden: Einen übergeordneten Gesamt-Erlebens-Prozess mit einer Vielfalt an geistigen (emotionalen, kognitiven, motivationsaffinen) Inhalten und Nuancen einerseits, und dem höchst expliziten Fokus des bewussten Ich`s andererseits!
Es gibt eine „funktionale Logik“, die sich darauf bezieht, wie (aus welcher „Perspektive“ heraus) etwas wahrgenommen bzw. erlebt wird und eine strikt „semantische Logik“, bei der es um das richtige „In-Beziehung-setzen“ von Symbolen, Begriffen, usw. geht.
Im Falle einer schizophrenen Erkrankung wird die Ausbildung neuer Erlebens- und Wahrnehmungsperspektiven für den Betroffenen mitunter zu einem schlimmen Problem! Er kann die Informationen nicht mehr integrieren, weil alles, was eine Information normalerweise (zumindest auf Empfindungsebene) vervollständigen oder integrieren könnte, nur einen noch komplexeren Meta-Kontext erzeugt (die unbewusste Funktion, die ebendies bewirken sollte, wird ihrerseits zu einer -allerdings unpassenden- „Information“)! Die Gedanken verzweigen sich, es wird eine zunehmend größere Menge an unüberschaubaren Inhalten gebildet!
FAZIT:
Für unsere menschlichen Erlebens-, Denk- und Entscheidungsprozesse sind ständige Wechsel zwischen mental-geistigen Perspektiven bezeichnend!
Dieser Vorgang wird mitnichten vorrangig von unserem bewussten „ICH“ gesteuert! Es scheint eher, als verliefen die Generierung und Wechsel der geistigen Erlebensperspektiven und der intentionalen Zustände unseres Selbst einerseits, sowie die logisch-semantischen (begrifflichen, abstrakten) Inhalte unserer Wahrnehmungen andrerseits auf „getrennten Schienen“, die sich in einer gewissen Taktung und Regelmäßigkeit kreuzen?!
Aber das wollen wir uns im letzten Kapitel dieser Internet-Publikation („DER SINN DES ER – LEBENS“) näher ansehen!

