DAS GEHIRN – EIN „FUZZY-SYSTEM“
KÖRPER UND GEIST – EINE UNTRENNBARE VERBINDUNG: DER KÖRPER DENKT MIT
DER KÖRPER und die WAHRNEHMUNG DES KÖRPERS
Unsere körperliche Existenz ist auch gleichsam die Grund-Voraussetzung für unser geistig- mentales Erleben, da dieses aus biochemischen und -physikalischen Vorgängen innerhalb des Zentralnervensystems hervorgeht.
Die ureigenste Bestimmung eines Gehirns ist jene, das Überleben des Körpers (des Gesamtorganismus) zu gewährleisten.
Viele interne Systeme und Regelschaltkreise dienen ausschließlich der Regulation von Körper- und Organzuständen (Atmung, Verdauung, Hormonspiegel, Gleichgewicht, Blutdruck, etc.). Die (i.d.R. subtile, kaum bewusste) Wahrnehmung der Aktivität dieser Schaltkreise und Rückkopplungsschleifen, die Summe des Empfindens von Körper- und Organzuständen, bezeichnet man als die sog. Viszerozeption.
Demgegenüber vermittelt die sog. Propriozeption dem Hirn und natürlich auch unserem bewussten „Selbst“ oder „Ich“ Informationen über Körperbewegungen und die relative Lage des Körpers im Raum.
Zahllose Propriozeptoren in sämtlichen Körpergelenken sorgen für eine starke Oberflächen- und Tiefensensibilität und vermitteln einem bestimmten Teil der Großhirnrinde (dem „Orientierungs-Assoziations-Areal“ oder einfach OAA“) wo der Körper endet, wo die Außenwelt beginnt und in welcher Winkelstellung sich unsere Gelenke und somit unserer Gliedmaßen (deren Lage) befinden. Zudem hat die Oberfläche eines jeden Körperteils im Neuralnetz des sog. „somatosensorischen Kortex“ der Großhirnrinde eine maßstabsverzerrte Entsprechung. Druck – und Temperatursensoren auf der Hautoberfläche (insbesondere auf Handflächen und Fußsohlen) geben im Zusammenspiel mit dem Gleichgewichtsorgan im Mittelohr präzise Auskunft über unseren Bodenkontakt oder unterstützen die Berechnung der optimale Griffstärke, um z.B. nach einer Tasse zu greifen.
Der kontinuierliche Input aus Viszero- und Propiozeption bildet vermutlich die Basis für unsere Selbst-Wahrnehmung, unser Existenz- und Identitätsempfinden!
EMPFINDUNGEN
Empfindungen sind keine Emotionen!
Der Hirnforscher Antonio Damasio differenziert zwischen dem im alltäglichen Sprachgebrauch zumeist synonym verwendeten Begriffen Emotion und Empfindung! Empfindungen sind für ihn Wahrnehmungen von Körperzuständen!
„Während Körperveränderungen stattfinden, erfährt man von seiner Existenz!“
“ Dieser Prozess ständiger Zeugenschaft, die Erfahrung dessen, was ihr Körper macht, während Gedanken über bestimmte Inhalte durch den Kopf gehen, ist der Kern dessen, was ich eine Empfindung nenne!“
„Eine Empfindung beruht auf der Juxtaposition einer Vorstellung vom Körper im engeren Sinne und der Vorstellung von etwas anderem, etwa der dem visuellen Vorstellungsbild eines Gesichtes. Vervollständigt wird das Substrat einer Empfindung durch Veränderungen kognitiver Prozesse“.
„Hintergrundgefühle“- unentbehrlich für die eigene Selbstrepräsentation- entstehen aus „Hintergrundzuständen“ des Körpers und nicht aus Gefühlszuständen!
Diese „Hintergrundgefühle“ entsprechen der Empfindung des Lebens selbst, dem Empfinden des Seins!“
Aus: „Descartes‘ Irrtum – Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn“ / Autor: Antonio R. Domasio / List Verlag München – Leipzig
Das Existenzgefühl ist also an die Veränderung von Körperzuständen gekoppelt! Ich könnte theoretisch einen sehr niedrigen oder einen überaus hohen Blutdruck haben, ohne mir dessen bewusst zu sein. Würde aber der Blutdruck innerhalb einer halben Minute von 220:145 auf 80:60 absinken (oder umgekehrt ansteigen), würde ich das garantiert merken (Schwindel, Übelkeit, u.U. sogar Ohnmacht)! Der wesentliche Aspekt der Existenzempfindung liegt im Kontrasterleben infolge von Überlagerungszuständen und Intensitätsschwankungen zwischen bzw. innerhalb von Regel- und Steuersystemen.
Empfindungen entsprechen also primär dem Erleben von Körperzuständen. Ferner kommt ihnen als sog. „Somatische Marker“ eine besondere Bedeutung bei unserer kognitiven Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zu.
NEUROLOGISCHE ENTSCHEIDUNGSAPPARATE
Die evolutionären Hintergründe für die Entwicklung der Denkfähigkeit dürfte wohl mit den damit verbundenen Vorteilen für das Treffen von Entscheidungen verbunden sein:
Man kann in Gedanken das Szenario einer zukünftigen Situation entwerfen, ehe sie real eintritt. Hierzu können gespeichertes Wissen und Erfahrungen abgerufen werden, so dass bei Eintreten der Situation ohne Zeitverlust eine (ausgedachte) Handlung ausgeführt werden kann.
Entscheidungen zu treffen, entspricht also einer wesentlichen Essenz unserer menschlichen Natur und fast ständig sind wir in der Situation, Entscheidungen treffen zu müssen. Hierbei kann es nun um berufliche oder private Dinge, um einen Autokauf oder auch nur um die Frage gehen, ob ich 2 oder 3 Stück Zucker in den Kaffee geben soll!
Der Hirnforscher A. Damasio definiert 3 verschiedene Ebenen von „Entscheidungsapparaten“:
– Der älteste ist für die fundamentale biologische Regulation zuständig.
Er betrifft die Belange um Nahrungsaufnahme, Unterschlupf, Schlafen, etc.
– Dann kommt der Apparat für den persönlichen sozialen Bereich.
Für das Überleben unserer hominiden Vorfahren war es nicht nur wichtig, allgemeine Informationen in einfache Kategorien einzuordnen (z.B. genießbare/ungenießbare Frucht; gefährliches Tier/ leicht zu erlegendes Tier, etc.). Um sich in der eigenen Gruppe und gegenüber Fremden zu behaupten, galt es auch, sich Meinungen über andere zu bilden: Soll ich mich bei Konflikten mit diesem oder jenem Clanmitglied verbünden? Sieht ein Fremder gefährlich oder friedlich aus? Auch für unser heutiges soziales Überleben ist es wichtig andere Menschen anhand gewisser Informationen- etwa auffälliger Verhaltensweisen- in geistige Schubladen zu stecken und das eigene Verhalten ihnen gegenüber zu modifizieren!
– Der „Jüngste“ neuronale Entscheidungsapparat ist für abstrakte symbolische Operationen, für wissenschaftliches Denken, Sprache, Mathematik etc. zuständig.
In diesen Strukturen entwirft man komplexere Repräsentationen in Form von Metaphern und Analogien, verwendet dabei (sprachliche) Symbole, setzt dieselben durch grammatische Begriffe in Bezug zueinander oder arbeitet mit Zahlen und mathematischen Formeln.
Im Allgemeinen pflegt man bei Denk- und Entscheidungsprozessen zwischen sinnvollem „logischen Denken“ und störenden Gefühlen und Empfindungen zu differenzieren, die zu vermeintlich unbrauchbaren oder verhängnisvollen „Bauchentscheidungen“ führen.
Objektive Denkprozesse sind allerdings weniger effektiv als sie erscheinen. Angesichts der Komplexität persönlicher und sozialer Probleme sind sie unzulänglich und brauchen die Hilfe von Gefühlen und Empfindungen.
SOMATISCHE MARKER
Auch komplizierte kognitive Prozesse, wie sie im Zusammenhang von Entscheidungen entstehen, wo der Zwang besteht, zahlreiche Faktoren und Auswirkungen rationell zu bewerten, können niemals unabhängig von Empfindungen und Emotionen ablaufen!
Bei einer Entscheidungsfindung zahlreiche Details und Fakten auszuwerten bedeutet i.d.R. die begrenzte Gedächtniskapazität zu überfordern. Auch die schlussfolgernden Strategien sind mit Fehlern behaftet. Unkenntnis, unzulängliche Verwendung von Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik sind allgemeine Schwächen menschlicher Gehirne.
Die Schlüsselelemente eines entworfenen Szenarios entfalten sich in Form von Vorstellungen (Vorstellungsbildern) in großen Umrissen und praktisch gleichzeitig – zu schnell, um Einzelheiten klar herauszuarbeiten. Erscheint in der Vorstellung ein mit einer gegebenen Reaktionsmöglichkeit verknüpftes unerwünschtes Ereignis, hat man eine unangenehme Körperempfindung (im Bauch). Dies wird als ein somatischer Zustand bezeichnet.
Der Begriff SOMA ist griechisch und bedeutet (Körper)EMPFINDUNG
Dieser Zustand markiert ein Vorstellungsbild und ist deshalb ein somatischer Marker
Dieser somatische Marker lenkt die Aufmerksamkeit auf das (vorgestellte) negative Ereignis und kann Handlungsweisen nach sich ziehen.
RATIONALITÄT neben und jenseits somatischer Marker:
DIVERSITÄTSGENERATOR
Sobald man vor einer Entscheidung steht, wird die geistige Landschaft von der vielfältigen, erschöpfenden Repräsentation des Wissens über die betreffende Situation beherrscht. Vorstellungsbilder die unzählige Handlungsmöglichkeiten mit unzähligen möglichen Ergebnissen entsprechen, werden aktiviert und ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Dieser Prozess setzt voraus, dass fortwährend Kombinationen von Objekten und Ereignissen hergestellt werden, so dass eine vielfältige Juxtaposition von Vorstellungsbildern zustande kommt, die der Kategorisierung des Wissens entspricht. Die präfrontalen Hirnstrukturen, die das machen, nennt man DIVERSITÄTSGENERATOR.
Dieser braucht einen Riesenvorrat an faktischem Wissen über die Mitwirkenden in diesen Situationen, über die Handlungen, die von ihnen zu erwarten sind und über die verschiedenen Ergebnisse, die ihre vielfältigen Handlungen hervorrufen können.
Faktisches Wissen ist kategorisiert (die Fakten, aus denen es sich zusammensetzt, sind nach funktionalen Kriterien in Klassen organisiert), und die Kategorisierung trägt zur Entscheidungsfindung bei, weil sie den Arten von Wahlmöglichkeiten, die Arten von Ergebnissen und Verknüpfungen zischen Wahlmöglichkeiten und Ergebnissen klassifiziert. Ferner stellt die Kategorisierung eine Reihenfolge der Wahlmöglichkeiten und Ergebnisse nach Maßgabe einer bestimmten Wertvorstellung dar.
Man neigt zwar im Allgemeinen zur Annahme, das nur der rationale Verstand in der Lage ist abstrakte Vorgänge zu durchdenken, Zusammenhänge zu verstehen und Probleme zu lösen! Gefühle und Emotionen hingegen würden sich bestenfalls als Störfaktoren innerhalb solcher Prozesse bemerkbar machen und die Fähigkeit des Verstandes negativ beeinträchtigen!
Dies ist aber – wie schon erwähnt – so durchaus nicht zutreffend! Viele Aspekte, Vorgänge und Probleme des Lebens lassen sich aufgrund ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität und infolge der beschränkten Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses nicht analytisch aufarbeiten!
Patienten, die aufgrund von Hirnverletzungen in spezifischen Regionen keine normalen emotionalen Fähigkeiten mehr aufweisen, unterstreichen diesen Sachverhalt überdeutlich!
Trotz normaler, in manchen Fällen sogar überdurchschnittlicher Intelligenz sind sie in vielen Situationen nicht mehr fähig, alltägliche Entscheidungen zu treffen und angemessene soziale Reaktionen zu zeigen. Selbst die Auswahl eines Gerichtes aus der Speisekarte eines Restaurants kann zu einem stundenlangen Unterfangen werden.
Literaturempfehlungen:
– „Descartes‘ Irrtum – Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn“ / Autor: Antonio R. Domasio / List Verlag München – Leipzig
– Selbst ist der Mensch – Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins /Autor: Antonio R. Damasio / Siedler-Verlag
BEWUSSTSEIN UND IDENTITÄT
Nachfolgend wollen wir uns mit einigen zentralen Begriffen des geistig-mentalen (Selbst)-erlebens beschäftigen. Ich fasse mich kurz und beschränke mich teilweise auf Definitionen aus dem Fachlexikon „Grosses Wörterbuch der Psychologie“ vom Münchner „Compact Verlag“
BEWUSSTSEIN:
1. Bewusste und rationale Steuerung des eigenen Verhaltens
2. Erleben der Innen- und Außenwelt
Trotz des exponentiell zunehmenden Wissens um die Vorgänge im Gehirn sind die Vorgänge rund um den „GEIST“, die „SEELE“ bzw. dem BEWUSSTSEIN noch weitgehend ungeklärt!
Bereits die Begriffs- Definition bereitet Schwierigkeiten!
Aus menschlicher Perspektive sind wir es gewohnt, aufgrund unserer alltäglichen Erfahrungen eine ganze Reihe von Wahrnehmungen und Handlungen mit Bewusstsein zu assoziieren. Viele dieser Dinge können jedoch technisch nachgebildet werden, ohne dass auch nur der Schatten von „Bewusstsein“ mit im Spiel wäre!
Hierzu einige Beispiele:
Rechnen: Wie viel ist 737:13? Davon abgesehen das ich als Mensch (per Kopfrechnung) kaum in angemessener Zeit das exakte Ergebnis (ein Dezimalbruch mit einer 6-stelligen Periode) ermitteln werde, muss ich mich äußerst bewusst anstrengen bzw. konzentrieren! Selbst der billigste Taschenrechner wird das richtige Ergebnis in kürzester Zeit liefern – garantiert ohne die geringste Spur irgendeines Bewusstseins!
Wahrnehmung: Jede Supermarkt- Türe kann „wahrnehmen“ wenn sich ein Kunde nähert. Sie „reagiert“ sogar auf den wahrgenommenen Reiz, indem sie sich selbständig öffnet! Bestimmte Arten von Wahrnehmungen und Reaktionen können zwar auch im menschlichen Gehirn „automatisch“ und „unbewusst“ ablaufen. Sehr viele Wahrnehmungen erleben wir aber überaus bewusst und sehr viele Reaktionen müssen wir erst recht bewusst planen!
Vergleichen + Erkennen: Ein Polizei -Computer kann in kürzester Zeit mühelos, ohne jegliches Bewusstsein zahllose Fingerabdrücke abgleichen und Übereinstimmungen mit gespeicherten Daten erkennen. Als Menschen haben wir mitunter enorme Mühen, Muster zu vergleichen. Ganz zu schweigen davon, wie bewusst wir uns darauf konzentrieren müssen.
Das „Wesen“ oder die „Natur“ des Bewusstseins geht also weit über das hinaus, was man aus alltäglicher Erfahrung heraus gewohnheitsmäßig mit „Bewusstsein“ in Verbindung bringt!
An dieser Stelle zunächst einige m.E. sehr interessante Zitate zum Stichpunkt Bewusstsein:
„Das Gehirn nutzt Strukturen die dem Abbilden sowohl des eigenen Körpers wie der Außenwelt dienen, um eine neue Abbildung zweiter Ordnung zu erstellen. Diese zeigt dann an, dass der Organismus, so wie er im Gehirn repräsentiert ist, sich in Interaktion mit einem Objekt befindet, das ebenfalls im Gehirn abgebildet ist.
Die Abbildung zweiter Ordnung ist keine Abstraktion; sie findet in neuronalen Strukturen wie Thalamus und Cingulum statt“.
Antonio R. Damasio (Hirnforscher / Autor)
„Die Evolution hat ein Gehirn erschaffen das den Organismus unmittelbar und die Außenwelt, zu der er in Beziehung tritt, mittelbar zu repräsentieren vermag“.
Charles Darwin (Begründer der Evolutionstheorie)
„Bewusstsein ist ein Produkt von Beziehungen, kein Ding oder Ort! Es gibt Gründe für die Annahme, dass das „Metabewusstsein“ – das Bewusstsein, das man über ein Bewusstsein verfügt- von der relativ späten kindlichen Entwicklung einzelner Areale des Stirnlappenbereichs abhängt. Demzufolge beherbergen die Stirnlappen offenbar für die Integration oder assoziative Zuordnung verantwortliche Regionen, die für unsere konsistente, individuelle Persönlichkeitsstruktur entscheidend sind. Die Antwort liegt im Zusammenwirken einer Vielzahl von Gehirnarealen und nicht in einem einzigen anatomisch und funktionell klar umrissenen Modul. Der „Treiber“ des gesamten kognitiven Apparates -insofern es einen gibt- dürfte seinen Sitz durchaus sehr weit vorne im Stirnhirn haben!“
Gamon/Bragdon (Autoren)
„Das Bewusstsein ist ein Prozess! Seine neuronale Basis besteht in der dynamischen Interaktion zwischen den Neuronengruppen in verschiedenen Regionen der Großhirnrinde sowie zwischen dieser, dem Thalamus und weiteren Hirnbereichen. Bewusstsein kommt durch eine enorme Zahl reziporker, also sich gegenseitig beeinflussender Rückkopplungsschleifen zu Stande – und zwar vor allem zwischen Gedächtnissystemen in weiter vorne gelegenen Hirnregionen und jenen hinteren Hirnbereichen, die Wahrnehmungen kategorisieren“.
Gerald M. Edelmann (Hirnforscher / Autor)
„Einfache Elemente zeigen oft ein kompliziertes Verhalten, wenn sie in großen Mengen auftreten. 2 Gasmoleküle in einem Behälter bewegen sich umher und stoßen hin und wieder zusammen. Bei 10 oder gar 1000 Molekülen kommt es zu mehr Kollisionen. Bei einer Milliarde Milliarde Molekülen entsteht ein neues Phänomen: Schallwellen. Nichts am Verhalten von 2, 10 oder 1000 Molekülen deutet darauf hin, dass eine Milliarde Milliarde Moleküle imstande wären, Schallwellen zu erzeugen. Schallwellen sind eine Kollektiverscheinung eines komplexen Systems.
Das Gehirn besteht aus 100 Milliarden Neuronen, und jedes einzelne kann mit bis zu 10000 anderen Neuronen in Verbindung stehen. Aus diesem gewaltigen Aufgebot von miteinander verbundenen Neuronen entsteht möglicherweise jene große kollektive Verschwörung, die wir als Geist bezeichnen“.
John Hopfield (Theoretischer Physiker, Gehirn-und Geistesforscher)
Ein wesentlicher Aspekt für die Präsenz von Bewusstsein liegt in der gleichzeitigen Ko-Existenz von Motivation, Emotionen und kognitiven Prozessen! In jedem Augenblick bewussten Erlebens habe ich irgendwelche Gefühlszustände, irgendwelche Handlungsabsichten infolge irgendwelcher Motive und irgendwelche Gedanken über aktuell wahrgenommene und erlebte oder abstrakte Inhalte.
Das AKTUALBEWUSSTSEIN bezeichnet den „Echtzeit-Speicher“ des Bewusstseins. Hier befindet sich der Zenit von Wahrnehmungs- und kognitiven Prozessen, hier erlebe ich den „Jetzt-Zustand“ der Wirklichkeit, hier nehme ich meine Empfindungen und Emotionen wahr und hier bahnen sich meine Entscheidungen an. Überhaupt erlebe ich die Vorstellung der eigenen Person, des eigenen ICH`s innerhalb des Aktualbewusstseins.
Betrachten wir das große Schauspiel des Wahrnehmens und Erlebens zunächst weiterhin anhand einiger ausgesuchter lexikalischer Stichworte:
IDENTITÄT:
-Bewusstsein einer Person darüber, wer und was sie selbst ist.
-Die Summe aller Merkmale, die eine Person von anderen Menschen unterscheidet.
SELBST:
-Die Gesamtheit der psychischen Vorgänge eines Menschen.
– Umfasst bewusste und unbewusste Anteile des Psychischen und bezeichnet die eigene Person in Gegenüberstellung zu den Objekten der äußeren Realität.
ICH:
Zentrum der Persönlichkeit und diejenige Instanz, die einer Person ein Bewusstsein von sich selbst vermittelt. Es entsteht im Kontext sozialer Interaktionen in den ersten Lebensjahren.
ICH-FUNKTION
-Alle ererbten (primär autonomen) und sich im Lauf der Entwicklung herausgebildeten (sekundär autonomen) Leistungen, die vom ICH bewältigt werden.
Zu den primär autonomen Ich-Funktionen gehören z.B. Denken und Wahrnehmung, zu den sekundären gehören Funktionen, die im Verlauf der Bewältigung innerpsychischer Konflikte entstehen (z.B. Abwehrmechanismen wie Verdrängung oder Verleugnung).
PERSÖNLICHKEIT:
– Gesamtheit aller Eigenschaften einer Person die für ihr Erleben und Verhalten grundlegend sind.
Aus: „Grosses Wörterbuch der Psychologie“; Compact Verlag München
Später soll dem Begriff der Identität oder des ICH`s noch weitaus größere Aufmerksamkeit zukommen, da es bei schizophrenen Symptomen angegriffen und in seiner Kohärenz und Funktionsweise beeinträchtigt wird. Sehen wir uns zunächst weitere Elemente der Psyche kurz an:
EMOTION, MOTIVATION & KOGNITION: FAKTOREN DES BEWUSSTSEINS
EMOTIONEN (=GEFÜHLE )
Die Bedeutungen von Gefühlen sind biologischer Natur: Freude, Liebe oder Trauer festigen die sozialen Bindungen der Menschen untereinander. Angst, Ekel und Überraschung können vor Gefahren schützen. Wut mobilisiert Kräfte und hilft bei der Verteidigung.
Der populäre Hirnforscher A. Damasio trifft folgende Unterscheidung:
Primäre Gefühle (Kleinkind): =angeboren, präorganisiert.
Diese primären Gefühle können mit bestimmten Reizmerkmalen in der Welt oder im Körper verdrahtet sein. Sie umfassen das Spektrum der 6 Grundemotionen: Wut, Ekel, Angst, Freude, Überraschung, Trauer).
Sekundäre Gefühle (Erwachsener) = Sie werden nicht unmittelbar oder reflexiv ausgelöst, sondern durch Vorstellungen und Kognition erzeugt. Sie bedienen sich aber der vorhandenen Mechanismen für primäre Gefühle! Zu den Sekundären Gefühlen zählen u.a. Mitgefühl, Verlegenheit, Scham, Schuld, Stolz, Eifersucht, Neid, Dankbarkeit, Bewunderung, Entrüstung und Verachtung.
MOTIVATION:
Im Gegensatz zu einer Maschine funktioniert der Mensch nicht nur, er handelt vielmehr aus eigenem Antrieb – aus eigenen MOTIVEN.
„Motivation: Oberbegriff für die Gesamtzahl der Motive (Zweck, Antrieb, Ursache), die eine Person zur Umsetzung einer Handlung drängen. Motivation stellt die bewussten oder unbewussten Beweggründe für menschliches Verhalten und Handeln dar und ist an emotionale und kognitive Prozesse gekoppelt.“
Aus: „Grosses Wörterbuch der Psychologie“; Compact Verlag München
Die Existenz der Motive resultiert aus der schlichten Tatsache, dass der Mensch ein Organismus ist, der Bedürfnisse hat. Diese Bedürfnisse wiederum sind ein Ergebnis seiner biologischen Natur und der Erfordernis, für sein Überleben zu sorgen. Am Fuß der Bedürfnis-Pyramide stehen fundamentale, das unmittelbare Überleben betreffende Faktoren (Nahrung, Wärme, Schlaf, etc..) die wir mit allen biologischen Organismen teilen.
WAHRNEHMUNG UND KOGNITION: NEURONALE INFORMATIONSVERARBEITUNG
WAHRNEHMUNG:
Aufnahme und Verarbeitung von Reizen aus der Umwelt oder dem eigenen Körper. Aufgrund von Wahrnehmungen ist der Mensch in der Lage, mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten und sich Wissen anzueignen. Wahrnehmung erfolgt mit Hilfe von Sinnesorganen (Augen, Gehör, etc.). Die Verarbeitung der wahrgenommenen Sinnesempfindungen enthält immer eine subjektive Komponente und wird von Gefühlen, Einstellungen und Bewertungen des Wahrnehmenden beeinflusst.
KOGNITION:
Verarbeitung von Informationen und menschlichen Erkenntnisprozessen. Neben dem Denken zählen dazu u.a. Aufmerksamkeit, Lernen, Wahrnehmung, Erinnerung, Entscheidung und Beurteilung.
Aus: „Grosses Wörterbuch der Psychologie“; Compact Verlag München
Wahrnehmung und Kognition sind keine grundverschiedenen Vorgänge! Sie bedingen sich vielmehr gegenseitig. Oft entscheidet die Intensität eines Prozesses oder der Grad seiner Bewusstheit darüber, ob er dem Bereich der Wahrnehmung oder jenem der Kognition zuzuordnen ist.
Kognition ist im Grund eine potenzierte, zielgerichtete Form der Wahrnehmung, die i.d.R. stark mit der augenblicklichen Intention des wahrnehmenden Subjektes in Verbindung steht.
Wahrnehmung ist zudem etwas ausgesprochen Universelles. Auch unsere Selbst-Repräsentation beruht auf Wahrnehmungsprozessen (auf Empfindungsebene). Ich kann Dinge wahrnehmen ohne sie (bewusst oder willentlich) kognitiv zu bewerten. Aber ich kann keine Kognitionsleistung bzw. prinzipiell keinen „Willensakt“ vollbringen, ohne denselben nicht notwendigerweise auch in irgendeiner Form und irgendeiner Intensität wahrzunehmen.
MÖGLICHKEITEN UND SYSTEME DER INFORMATIONS-VERARBEITUNG
A) PRÄORGANISIERTE FUNKTIONEN UND FÄHIGKEITEN DES GEHIRNS
Unter „präorganisierten Fähigkeiten“ versteht man solche Fähigkeiten, die praktisch ohne jegliche vorherigen Erfahrungen und Lernvorgänge von Geburt an im Gehirn angelegt sind.
Die Tatsache das es eine Reihe solcher Fähigkeiten gibt ist überaus interessant. Lange Zeit wurde angenommen, dass Gehirn eines Neugeborenen sei, abgesehen von einigen sehr fundamentalen „Überlebensdispositionen“ wie etwa dem Sauginstinkt, praktisch ein „weißes Blatt“, vergleichbar mit einer leeren PC-Festplatte, die erst formatiert werden muss.
Überlebensdispositionen
Das Gehirn verfügt über angeborene Schaltkreise, deren Aktivitätsmuster – unterstützt von biochemischen Prozessen des Körpers – Reflexe, Triebe und Instinkte zuverlässig steuern, um Atmung und Ernährung in geeigneter Weise stattfinden zu lassen. Dadurch werden wichtige biologische Prozesse am Laufen gehalten. Die hierfür zuständigen neuronalen Einheiten sind u.a. über das Hormonsystem mittels „Feedback-Schleifen“ (Feedback= wörtlich: Rückmeldung) sehr eng an Organe des Körpers gekoppelt.
Komplexere präorganisierte Mechanismen
Präorganisierte (= vorprogrammierte, angeborene) Mechanismen sind für biologische Grundregulationen wichtig. Sie helfen aber auch dem Organismus Ereignisse anhand ihrer möglichen Auswirkungen aufs Überleben als „gut“ oder „schlecht“ einzustufen.
Dies bedeutet: Der Organismus hat ein angeborenes Grundmuster an Präferenzen, Kriterien, Vorurteilen und Wertvorstellungen.
Ihr Einfluss und jener der Erfahrung erhöht den Bestand an Dingen die als „gut“ oder „schlecht“ eingestuft werden.
Folgende Sachverhalte deuten auf Präorganisation und „angeborenes Wissen“:
Ein Säugling versucht einem Gegenstand, der sich zügig auf ihn zubewegt auszuweichen (etwa durch Neigung des Körpers) oder hält sich die Arme vors Gesicht. Er „weiß“ dass es zur Kollision kommt (und sich nicht etwa das Objekt beim Aufprall auflöst oder ihn folgenlos durchdringt). Ebenso „weiß“ ein auf dem Tisch krabbelnder Säugling, dass er bei Überschreiten des Randes (sofern er ihn eindeutig erkennen kann) abstürzen und sich nicht etwa durch die Luft weiterbewegen kann. Der wesentlichste angeborene Mechanismus ist jenes „Grammatik-Regel-Suchsystem“, dass uns die Muttersprache im Eiltempo erlernen lässt.
Allgemeine Beispiele von Präorganisation:
Anthropologen entdeckten bspw., dass es eine weltweit verbreitete Struktur an Farbenbenennung gibt! In Kulturen mit nur zwei Farbbezeichnungen bedeuten diese Namen dunkel und hell. Bei drei Namen bezeichnet der dritte die Farbe Rot. Bei vier Namen kommt Gelb dazu, bei fünf Grün oder umgekehrt. Es liegt nahe, dass wir das Farbenspektrum nicht willkürlich einteilen, sondern die Farben gemäß einer universellen Struktur kategorisieren. Diese Struktur wiederum könnte vom Bauplan des Gehirns abhängen!
ALLGEMEINE KOGNITIVE FUNKTIONSEIGENSCHAFTEN DES GEHIRNS
Nachfolgend geschilderte Grund-Mechanismen neuronaler Informationsverarbeitung können – u.a. in Abhängigkeit von Bewusstseinsgrad und Intensität – sowohl den Charakter von Wahrnehmungs- als auch von kognitiven Prozessen haben.
A) KATEGORISIERUNG / BILDUNG VON „PROTOTYPEN“
Erworbenes Wissen wird strukturell gespeichert – es erfolgt eine KATEGORIENBILDUNG !
Das Gehirn entwickelt Kategorien – z.B. von Objekten, und ordnet den jeweiligen Kategorien alle Dinge zu, welche bestimmte Eigenschaften oder Wirkungen haben.
Diese Art der Kategorisierung funktioniert, aber nicht lückenlos! Es gibt bspw. viele Dinge, welche die Eigenschaften eines Stuhles haben, aber kein Stuhl sind! Die Fähigkeit der Kategorisierung wird deshalb durch ein zusätzliches System ergänzt: Das Gehirn fertigt für viele Kategorien „PROTOTYPEN“ oder „BESTE BEISPIELE “ von Objekten an und vergleicht wahrgenommene Objekte auf den Grad ihrer Übereinstimmung mit einem bestimmten Prototyp!
So haben Forscher bspw. repräsentativ herausgefunden, dass die allermeisten Menschen beim Begriff „Vogel“ an ein Lebewesen denken, das in etwa, wie ein Rotkehlchen aussieht! Würde man im Satz „Die Vögel saßen auf der Fensterbank“ das Wort „Vögel“ durch „Truthähne“ ersetzen, würde dies befremdlich wirken!
Ebenso denken die meisten Menschen beim Begriff AUTO an eine viertürige Limousine. Diese ist offensichtlich für diesen Begriff repräsentativer als etwa ein Landrover.
Eine weitere interessante Feststellung machten die Anthropologen Brent Berlin und Paul Kay bei ihren Untersuchungen an primitiven Kulturen, als sie analysierten, wie diese Menschen in ihrer Umgebung Pflanzen benannten.
Die Eingeborenen gliederten die Pflanzen nicht nach einem bestimmten Nutzwert, den sie für die betreffende Kultur besaßen, etwa ob sie essbar, gefährlich oder als Unterschlupf geeignet sind. Vielmehr benannten sie die Pflanzen nicht viel anders, als sie in der westlichen Wissenschaft klassifiziert werden, nämlich aufgrund ihres ähnlichen Aussehens. Obwohl diese Kulturen vielfach abgestufte Pflanzennamen kannten, wurde i.d.R. der Name verwendet, der einer Kategorie entspricht, die weitgehend mit der botanischen Gattung zusammenfällt! Zumindest bei Pflanzen scheint es also eine grundlegende Kategorisierungsebene zu geben, mit der alle Menschen bestens zurechtkommen.
Wir verfügen über solche grundlegenden Kategorisierungsebenen, weil das Gehirn ein Teil unseres Körpers ist. Wären Kategorien unabhängig vom Gehirn, dann gäbe es für uns keinen Grund, grundlegende Begriffe wie Auto (im Gegensatz zu Fahrzeug) oder Stuhl (im Gegensatz zu Möbel) zu bilden. Aber wir arbeiten mit diesen grundlegenden Begriffen. Werde ich gefragt, was ein typisches Auto ist, kann ich es mir im Geiste vorstellen und Einzelheiten beschreiben. Viel schwerer wäre es eine detaillierte Beschreibung eines Fahrzeuges zu geben, weil diese Kategorie so umfassend ist, dass kein geistiges Bild entsteht, das Autos, Züge, Kettenfahrzeuge, Schiffe, Flugzeuge und Motorräder einschließt!
Der Grund warum wir Autos als fundamentale Kategorie betrachten liegt darin, dass Autos einer Ebene angehören, auf der wir mit unserem Körper interagieren. Solche grundlegenden Kategorien haben einen Bezug zu menschlichen Verrichtungen (man fährt Auto, man sitzt auf Stühlen), und diese Wechselbeziehung bestimmt, wie wir unser Wissen von der Welt organisieren. Kinder fangen mit der Informationsorganisation auf dieser grundlegenden Ebene an, verallgemeinern dann nach oben und spezialisieren nach unten.
Literaturtipp: „Menschliches Denken – Künstliche Intelligenz“; Untertitel: „Von der Gehirnforschung zur nächsten Computer-Generation“; Autor: William F- Allman; Verlag: Knaur/München;
B) ASSOZIIEREN
Wären im Gehirn nur starre Kategorien von Dingen vorhanden, könnte es mit der Wahrnehmung eines Objektes, das die Definitionskriterien einer Kategorie nicht erfüllt, nichts anfangen! So aber wird entweder die gesamte Information oder zumindest Teile davon mit etwas assoziiert (=in Bezug gesetzt, gleichgesetzt), was eine unter den gegebenen Umständen „höchstmögliche Ähnlichkeit“ aufweist!
Alles, was wir wahrnehmen, wird unentwegt und vor allem auch bereits vorbewusst mit vorhandenen, gespeicherten Repräsentationen abgeglichen!
Je effektiver die alltäglichen Reize mit vorhandenen Referenzwerten übereinstimmen, umso unwahrscheinlicher werden die entsprechenden Wahrnehmungsinhalte ins Bewusstsein dringen! Je schwerer sich das Gehirn tut eine Information auf vorbewusster Ebene in Bezug auf vorhandene Referenzwerte oder mögliche Bedeutungen zu definieren, umso eher werden wir bewusst darauf aufmerksam! Die höheren (kognitiven) Ebenen des Bewusstseins werden involviert und wir denken bewusst über den Wahrnehmungsinhalt nach!
C) IMPLIZITES WISSEN
Informationen weisen häufig innerhalb verschiedener Kategorien Übereinstimmungen mit Referenzwerten auf! Dann tritt einer der größten Vorteile in Erscheinung, den biologische (aber auch künstliche) neuronale Systeme in Bezug auf Informationsverarbeitung überhaupt aufweisen – es entsteht völlig unbewusst, sozusagen automatisch, IMPLIZITES WISSEN, eine Verknüpfung von Informationen und Wissen infolge der Übereinstimmung innerhalb mehrerer Kategorien oder Bezugsebenen!
D) PRIMING
Dieser Begriff bezeichnet im ursprünglichen Sinne ebenfalls eine bestimmte Gedächtnisform. Es geht dabei namentlich um die oben dargestellte Fähigkeit des Gehirns, unbewusste Zusammenhänge wahrzunehmen – also um die Fähigkeit, implizites Wissen zu erzeugen.
Unsere Erfahrungen und unser Wissen entwickeln aber nicht nur dahingehend ein Eigenleben, das sie sich ggf. selbständig zu impliziten Informationen verknüpfen, sondern sie „prägen“ uns darüber hinaus in unserer Wahrnehmung, unserem Fühlen und Denken!
GEDÄCHTNIS UND DER „KREISLAUF DES ERLEBENS“
DAS GEDÄCHTNIS
Es gäbe für uns keine zusammenhängende Welt, ja nicht mal eine stabile eigene Persönlichkeit, wenn unser Gehirn nicht befähigt wäre, die erstellten REPRÄSENTATIONEN der Wirklichkeit zu speichern und als Erinnerungen oder Gedächtnis-Inhalte verfügbar zu halten!
Man unterscheidet 4 Gedächtnisformen:
Episodisches Gedächtnis:
Dies ist der Speicherplatz für persönliche Erinnerungen und Gefühle. Ereignisse, die mit der Biographie der eigenen Person eng verwoben sind, also die persönlichen Lebenserfahrungen wie etwa der erste Schultag, die Führerscheinprüfung und dergleichen mehr, werden hier gespeichert.
Semantisches Gedächtnis:
Es enthält alle bewusst erlernten Daten und Fakten. Hier sind bspw. Paris als die Hauptstadt von Frankreich und die Buchstaben/Zahlenkombination „A 380“ als die Bezeichnung für das größte Passagierflugzeug abgespeichert.
Prozedurales Gedächtnis:
Sitz aller erlernten (ohne Nachdenken ausführbaren) Bewegungsabläufe. Beim Laufen, Radfahren oder beim koordinierten Ausführen von Bewegungsabläufen, die man in einer erlernten Sportart praktiziert, ist diese Form des Gedächtnisses aktiv.
PRIMING:
hier werden unbewusst wahrgenommene Zusammenhänge gespeichert. In diesem Gedächtnisbereich ergeben sich praktisch selbständig Verknüpfungen, die den Wissensschatz erweitern! Wenn man bspw. weiß das ein Fisch durch seine Kiemen atmet und erfährt das ein „Seeteufel“ ein Fisch ist, dann ergibt sich das „implizite“ Wissen oder die „automatische Erkenntnis“, dass ein Seeteufel durch Kiemen atmet!
In Bezug auf die Verweildauer der Inhalte unterscheidet man zwischen:
Ultrakurzzeitgedächtnis: Aufnahme sensorischer und flüchtiger Reize.
Kurzzeitgedächtnis: (=Arbeitsgedächtnis): Verarbeitung der aufgenommenen Informationen zu Worten und Bildern (Kodierung). Bewusstmachung der aus dem Langzeitgedächtnis eingespeisten Gedächtnisinhalte, was dazu führt, dass die Aufnahme neuer Inhalte immer von bereits vorhandenen Gedächtnisinhalten beeinflusst wird.
Langzeitgedächtnis: Gesamtheit der überdauernden Informationen; Wissen über die eigene Person und die Umwelt; Begriffe, Regeln, Abstraktionen; Prozesse des Denkens und Sprechens.
DER KREISLAUF DES ER-LEBENS
Fassen wir kurz zusammen:
Ich bin ein biologisches Lebewesen mit einem Körper. (Hintergrund)-wahrnehmungen des Körpers vermitteln mir ein Existenzempfinden. Diverse Körperzustände (Hunger, Aufmerksamkeit, Müdigkeit, u.a.) erzeugen meine Grund-Handlungsmotive (Ernährung, Schlaf,..). Mein komplexes Bewusstsein ermöglicht mir künftige Dinge vorauszuberechnen, Handlungsoptionen zu entwerfen, zwischen ihnen abzuwägen und Entscheidungen zu treffen. Ich setze mein Wissen über die Welt und meine Entscheidungsfähigkeit dazu ein, die (mutmaßlich) richtigen Maßnahmen zur Befriedigung meiner Bedürfnisse zu treffen. Der (Miss)-erfolg meiner Handlungen erzeugt Emotionen und wird zudem im Gedächtnis gespeichert. (Die neuen) Empfindungen und Emotionen helfen mir Dinge zu bewerten und zu kategorisieren. Zudem verknüpfen sich Vorstellungen von Handlungsoptionen mit gewissen Körperempfindungen (=somatische Marker), die meine Entscheidungsprozesse jenseits der reinen kognitiven Analysen rationalisieren (mein Arbeitsgedächtnis ist begrenzt und ich kann mich nicht mit zahllosen Eventualitäten auseinandersetzen).
Aus Empfindungen entstehen also Emotionen, aus Emotionen Bedürfnisse, aus Bedürfnissen Motive, aus Motiven Gedanken, aus Gedanken Entscheidungen und Handlungen, aus deren Ergebnis schließlich wieder Empfindungen, usw. Selbstverständlich sind diese Abläufe und Umwandlungen nicht radikal linear und seriell! Aus einem Motiv (einem entsprechenden Vorstellungsbild) etwa können sowohl „aufsteigend“ ein Gedanke als gleichzeitig „absteigend“ eine Emotion mit einer jeweils eigenständigen weiteren Kaskade und Querverbindungen zwischen denselben hervorgehen.
DAS GEHIRN ALS FUZZI – SYSTEM
„Fuzzy“ ist ein englischer Begriff und bedeutet wörtlich übersetzt „UNKLAR“. Wir sind es gewohnt davon auszugehen, dass unsere Wahrnehmungen, Erinnerungen, Denkvorgänge absolut vollständig und zuverlässig sind und die Realität praktisch 1:1 abbilden! Dieser Schein trügt gewaltig! Unser Gedächtnis ist mitnichten eine „Blackbox“, die alle Details eines gespeicherten Ereignisses in seiner ursprünglichen tatsächlichen Zusammensetzung und Abfolge wiedergeben kann! Inhalte werden sowohl „zensiert“ als auch um nicht reale Details ergänzt!
Wie kann man sich das Vorstellen und wie kann diese „Unzuverlässigkeit“ überhaupt zu Stande kommen?! Erfüllt sie am Ende sogar eine wichtige Funktion?
FUZZY – EFFEKTE
bei der Wahrnehmung:
Die Wahrnehmung steht am Beginn der Realitätserfassung. Hier bereits leistet das Gehirn Erstaunliches! So müssen Informationen die parallel aus verschiedenen Sinneskanälen eintreffen synchron verarbeitet und zu einem Gesamtbild oder Gesamt-Eindruck zusammengefügt werden.
Nicht alles, was wir wahrnehmen, nehmen wir auch bewusst wahr. Und ebenso wenig nehmen wir alles so wahr, wie es wirklich ist!
Das Gehirn gleicht in seiner Funktion einem „Fuzzy-System“. Dieser suspekte Ausdruck beschreibt die Fähigkeit, aus unvollständigen Informationen ein vollständiges Gesamtbild zu konstruieren.
Im folgenden Bild erahnen wir ein sich mit einem Rechteck überlappendes Dreieck. Die Objekte existieren genau genommen gar nicht. Unser Hirn bildet sie vielmehr durch Vervollständigung angedeuteter Konturen.
Abb. 1: Angedeutete geometrische Figuren
Alle menschlichen Gehirne fallen auf bestimmte optische Täuschungen in gleicher Weise herein! Das hat damit zu tun, dass die gespeicherten neuronalen Repräsentationen im visuellen Cortex das Bild der aktuellen optischen Wahrnehmung vervollständigen bzw. ergänzen, noch lange bevor die ganze Information wahrgenommen wurde! D.h. das Gehirn wartet gar nicht erst ab was es zu sehen gibt, sondern gibt „seinen Senf“ schon vorher dazu!
Die Vorteile dieses automatisierten „Informations- Vervollständigungs- Prozesses“ sind vielfältig, insbesondere wenn man evolutionäre Hintergründe unserer Spezies und unserer Gehirne mit einbezieht! Für einen Urmenschen, der in schwer einsehbarem Gelände unvermittelt auf einen Tiger traf, war es unschätzbar wichtig, die Gefahr schnellstmöglich, notfalls auch nur anhand weniger unvollständiger Details zu erkennen! Nur dann bestand Aussicht auf eine rechtzeitige Flucht! Aber auch heute profitieren wir selbstverständlich von der Fähigkeit unseres Gehirns unvollständige Informationen eigenmächtig zu ergänzen!
Wir könn Wörtr versten, auh wen si falch gschribn sin, oder die Lücken ausfüllen, die durch fehlende B.chst.b.n entstehen!
Abb. 2, 3: Verdeckte Begriffe
Natürlich können wir auch obenstehende Wörter lesen, wenngleich sie teilweise verdeckt sind.
Auch das Gesicht und den Elefanten in folgenden Punktebildern könnten wir nicht erkennen, wenn unser Hirn die Konturen nicht sofort mit einer gespeicherten visuellen Vorstellung eines Gesichtes bzw. eines Elefanten abgleichen und dementsprechend vervollständigen würde.
Abb. 4,5: Schemenhaftes Gesicht
Wären unsere Gehirne, wie Siliziumchip-Rechner, auf vollständige, konkrete Daten angewiesen, könnten wir mit solchen Informationen nichts anfangen!
FUZZY – EFFEKTE
bei Gedächtnis-Leistungen:
In Bezug auf das Gedächtnis sind ähnliche Effekte vorhanden! Erinnerungen sind nämlich keine unveränderlichen Dateien wie auf einer PC-Festplatte! Sie verändern sich im Laufe der Zeit, werden bei jedem Abruf wieder neu „zusammengefügt“ und etwaige Lücken werden großzügig gestopft. Wir alle entwickeln über die Zeit hinweg auch eine Reihe „falscher Erinnerungen“!
FUZZY – EFFEKTE
bei Denk – Prozessen
Selbst bei der kognitiven, gedanklich- abstrakten Verarbeitung von Fakten, treten die manchmal keineswegs uneingeschränkt wünschenswerten Fuzzy-Effekte in Erscheinung.
Dies soll am Beispiel folgender Scherzfragen verdeutlicht werden:
Wie viele Tierarten hat Moses in seine Arche aufgenommen?
Wenn ein Flugzeug an der Grenze zwischen den USA und Kanada abstürzt, in welchem Land werden dann die Überlebenden bestattet?
Ist es egal wenn ein Mann die Schwester seiner Witwe heiratet?
Sehr häufig kann man Leute mit solchen Scherzfragen in eine lange Denkschleife setzen! Moses hatte mit der Arche nichts zu tun, Überlebende werden nicht bestattet und ein Mann, der eine Witwe hat, ist bereits tot!
Wenn wir uns mental auf die Beantwortung eines Rätsels vorbereiten, versucht unser Gehirn so viele Informationen wie möglich aufzusaugen! Es stürzt sich dabei auf solche, die für die Problemlösung wichtig sind und verwirft jene, die es für abwegig hält. Dies geschieht unerhört schnell und deshalb rutscht Moses in der Arche oft unten durch. Moses weist immerhin so viele Eigenschaften Noahs auf, dass sich das Gehirn damit zufriedengibt, wenn von einer biblischen Gestalt in der Arche die Rede ist. Würde die Frage lauten wie viele Tiere der deutsche Ex-Kanzler Helmut Kohl in die Arche genommen hat, würde der Gefragte den Unsinn sofort bemerken!
Ebenso ist die Wahrscheinlichkeit von Überlebenden bei einem Flugzeugabsturz erfahrungsgemäß derart gering, dass das Gehirn diesen Begriff blitzschnell „unterschlägt“ um sich dem vermeintlichen Problem der Bestattungen zuzuwenden.
Literaturempfehlung: „Wie das Gehirn denkt“; Untertitel: „Die Evolution der Intelligenz“; Autor: William H. Calvin; Verlag: Elsevier GmbH; München





